Messen sind wichtig für die Seelenhygiene der Aussteller und Besucher
Messen sind wichtig für die Seelenhygiene der Aussteller und Besucher
12.07.2005

Oberflächlich betrachtet, sind große wie kleine, internationale wie regionale Messen ein Instrument um zu verkaufen. Doch Oberflächen mißtraut ein Psychologe aus Berufsprinzip. Mit tiefenpsyschologischen Methoden kommt er den verborgenen Motiven auf die Spur. Daß Messen wesentlich mehr sind, als sie zu sein vorgeben, verdeutlichen insbesondere vier Aspekte, die sich durch einen Blick "hinter die Kulissen" freilegen lassen.

Messe ist ein Wort aus der Kirchensprache und bedeutete ursprünglich "gehen lassen, schicken, entsenden". Daraus hat sich später die Kirmes entwickelt. Stellt sich die Frage: Was ist eine Messe aus psychologischer Sicht - Hochamt oder Jahrmarkt? Sicher eher Hochamt als Jahrmarkt. Auf einer Messe feiert sich eine Branche auch immer selber, zum Beispiel nach dem Motto: "Wir vom Sanitärfachhandel." Eine Messe stellt diesen ganzen Bereich sozusagen auf einen Sockel. Das ist für die Seelenhygiene derjenigen, die in einem solchen Bereich tätig sind, ungeheuer wichtig. Nach dem Motto: Wir sind wer. Man könnte sagen, das Ganze, was die Messe ausmacht, ist so etwas wie ein Berechtigungswerk. Auch bei Veteranentreffen wird dies deutlich. Insofern ist jede Messe - dies ist der erste Aspekt - auch so etwas wie ein Veteranentreffen.

Man strengt sich als Aussteller an, wenn man auf eine Messe geht, man gibt sein Bestes. In der Darstellung, Aufbereitung und auch in den Produkten selbst. Man ist aber gleichzeitig in einer ganz exponierten Position, weil man direkt vergleichbar mit dem Nachbarn, mit der Konkurrenz ist. Das führt zu einer interessanten Aufschaukelung. In der Antizipation, daß sich die Anderen anstrengen, strenge ich mich natürlich noch mehr an. Dadurch kommen Innovationen und Optimierungen zustande. Alleine durch den Gedanken, daß man wieder da ist, und alles, was man macht, ist beschaubar von allen. Es entsteht so etwas wie eine unfreiwillige Synergie. Dadurch, daß man Konkurrenz ist, hilft man sich gegenseitig bei der Entwicklung seiner Systeme. Von diesem zweiten Aspekt einer Messe profitieren im Grunde genommen alle: die Aussteller, die Kunden, die Medien, die Messeveranstalter.

Im Internet zum Beispiel wäre dies nicht möglich. Denn der dritte Aspekt einer Messe ist die sinnliche Evidenz. Das heißt zunächst einmal auf das Produkt bezogen: Es gibt keinen gleichwertigen Ersatz für den physischen Kontakt mit Material, Produkt, Marke, Oberfläche et cetera, als daß man selber da ist und mit allen Sinnen wahrnimmt. Dem tragen die Messen Rechnung, indem sie die Produkte in einer ganz besonderen Weise darstellen, sie ästhetisieren und versuchen, ihnen ein schönes Drumherum zu geben, zum Beispiel durch einen einladenden Messestand. Aussteller, die abstrakte Produkte darstellen müssen, haben es hier ungleich schwerer. Software zum Beispiel läßt sich sehr schwer sinnlich darstellen. Da muß man schon eine schöne Frau daneben stellen, damit man eine sinnliche Erfahrung hat. Viel leichter geht dies zum Beispiel auf einer Sanitärausstellung, wo durch Ausleuchten oder Drapieren den Produkten so etwas wie ein Heiligenschein, eine Erhöhung gegeben wird.

Damit sind wir beim vierten Aspekt, dem wichtigsten - nämlich der unmittelbaren menschlichen Kommunikation, die über die klassischen "Medien" läuft: das Reden, das Gucken, das Anfassen, das gemeinsame Trinken. Das Menschelnde eben. Branchen sind häufig von einer Vereinsamung der Einzelnen geprägt. Wettbewerb heißt: Alle anderen sind meine Gegner. Aber eigentlich sind es auch Freunde, sie haben ja den gleichen Beruf gewählt. Eigentlich sind sie Brüder in der Seele. Es ist eine paradoxe Situation, daß man gleichzeitig Wettbewerber ist. Auf den Messen ist der einzige Moment, wo dies ineinanderfließen kann. Wo man mit einem Konkurrenten ein Bier trinken, sich verbrüdern kann. Das ist so etwas wie ein Biotop, wo Dinge möglich sind, die sonst nicht möglich wären, wenn man sich nur schreibt oder über sich liest. Das kann man wirklich nur erleben, wenn man den Anderen auch mal riecht, wenn man sieht, daß er schwitzt, daß er Bluthochdruck hat.

Die Messeveranstalter sollten deshalb den Branchen ihre jeweiligen Eigenheiten stärken helfen. Die Dachdecker sind anders als die Sanitärleute, die Rückversicherer sind anders als die Motorradleute. Es wäre nicht günstig, ein Standardprogramm für jeden Zweck und jeden Anlaß abzuspulen, sondern es muß ein Forum geschaffen werden, auf dem sich die Branche nach ihren Gesetzen und ihren Bedingungen entfalten kann.

Wenn man die vier obengenannten Aspekte in einer Gesamtschau betrachtet, läßt sich feststellen, daß Messen wesentlich mehr sind, als sie zu sein vorgeben. Das ist das psychologisch Wichtigste. Sonst wären sie nur das Ausstellen oder Darstellen von Dingen und Leistungen. Man könnte sagen, sie sind das Ferment der Branche, das die Dinge am Laufen hält. Wie ein wimmelndes Biotop, wo das Unterste zuoberst kommt, wo derjenige, der sonst nie einen Auftritt hat, mal ganz groß rauskommen kann.

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