Mobile Heimaten: Gegenwart und Zukunft der Mobiltechnologie
Mobile Heimaten: Gegenwart und Zukunft der Mobiltechnologie
18.03.2008

Früher, als das Telefon noch angebunden war und überwiegend zu Hause stattfand, wollten wir vor allem eins: ‚Ver-Bindungen’ in die Welt herstellen. Kommunikation nach ‚draußen’ war die Hauptfunktion des Telefonierens. Mobile Telefone drehten diese Ver-Bindungswünsche um. Von unterwegs suchen wir den Kontakt zu unseren Lieben und demonstrieren auch bei  geschäftlichen Anrufen, dass wir ‚nicht verloren gegangen sind’.

Handys sind  eine Art Nabelschnur zu allem, was uns wichtig ist, ob Unternehmen, Geliebte oder Freund.  In einer immer unverbindlicheren Welt ermöglichen Mobiltelefone  uns an jedem Ort ‚kleine Heimaten’ einzurichten und  uns für eine kurze Zeit niederzulassen. Digitale ‚Fotoalben’ erinnern daran, wo wir herkommen, herunter geladene ‚Lieblingsmusik’ stellt wohlig Gefühle her. Und natürlich sind wir auch in der Lage an beliebiger Stelle unser ‚Office’ einzurichten, E-Mails abzurufen und unseren Geschäften nachzugehen.

Zukünftige Technologien und Applikationen werden User nicht allein nach Fortschritt und ‚potentiellen’ Möglichkeiten beurteilen – obwohl Innovationen durchaus rationale Kaufargumente darstellen. Durchsetzen werden sich vor allem Technologien, denen es darüber hinaus auch gelingt, solche mobilen Heimaten zu installieren. Ein solches Beispiel könnte der Einsatz von GPS sein: die intensive digitale Erkundung ‚fremder’ Umgebungen verschafft uns neben schneller Orientierung sofort vertraute Gefühle und Sicherheit – relevante Dimensionen für mobile Heimaten.

Videotelefonie hingegen, die als relevante Applikation UMTS zum Durchbruch verhelfen soll,  wird eher ambivalent erlebt. Zwar kann sie in bestimmten Zusammenhängen für die Erweiterung ‚heimatlicher Gefühle’ sorgen – wenn man z.B. auf Geschäftsreisen seine Liebste zu Gesicht bekommt. Andererseits legt sie  massive Verhaltensbeschränkungen  auf: nötigt, für ein gesprächsadäquates Outfit zu sorgen und das persönliche Mienenspiel auf Kurs zu bringen. User glauben, dass hierdurch viele Gesprächskontexte steifer und förmlicher werden und sie sich insgesamt weniger ‚authentisch’ geben können – eine eindeutige Barriere für die breite Durchsetzung der Technologie.

Neben den exponentiellen Entwicklungen der Mobiltechnologie greifen auch bewusst puristisch gehaltene – wenngleich auch extrem luxuriöse – Angebote (z.B. von Bang + Olufson oder Siemens BENQ) –  den Wunsch nach der Herstellung von ‚kleinen Heimaten’ auf. Die Reduktion der Funktion, z.B. wieder auf das reine Telefonieren, erinnert daran, wie es früher einmal war – als die Heimat noch zu Hause war.

Bild: T-Mobile

 

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