Möhrchenstunde
Möhrchenstunde
11.07.2013
Die Erzählung von einer grünen Gesellschaft klingt nur gut. Verzicht und Askeseschützen zwar die Umwelt –doch so ticken wir Menschennun mal nicht.

Anhand einer Biomöhre lassen sich zwei Lebensformengrüner Politik veranschaulichen. Inihrer fundamentalistischen Verzichtsversion ist dieBiomöhre klein, blass und mickrig. Sie erregt fastMitleid und strahlt eine Art verschrumpelter Vernunftsaskeseaus. Aber sie schwingt sich aus ihrerDürftigkeit in eine moralische Überlegenheit. Sieist die einzig wahre Möhre, denn sie übt Verzichtauf Glanz, Genuss und auf all das, was das Wachstumfördern könnte. Ihren Verzicht verlangt sieauch den Käufern oder Wählern dieser Möhre ab.Sie sollen sogar für die Biomöhre mehr bezahlen,denn sie investieren ja in eine gute Sache.

In ihrer üppigen Genussversion ist die Biomöhrenoch kräftiger, saftiger und sinnlicher alsdie normale Möhre. Sie wirkt prall, fruchtig undin ihrer erektiven Grundspannung appetitlich undverführerisch. Sie ist stolz, dass es ihr durch denökologischen Anbau gelungen ist, ihre innerenKräfte zu entfalten. Auch sie ist teurer als die normaleMöhre, bietet dafür aber auch den Mehrwerteiner natürlichen Sinnenfreude.

Das grüne Spektrum zwischen erhabenerVernunftsaskese und menschlicherSinnenfreude‚ verkörpert auch der Werdegang von Joschka Fischer. Mal joggte er als dünne Möhre durch die politische Landschaft:verbissen, pedantisch und oberlehrerhaft. Dannrundete er sich wieder zu praller Lebensfreude –die grüne Möhre mutierte fast zum (Helmut) Kohl.

Die Biomöhre zeigt, dass der Erfolg des grünenProjektes darin begründet ist, die Ökologie,also die Wahrung der Natur mit der Wahrungder menschlichen Natur in Einklang zu bringen.Genau das gelingt einer grünen Erfolgsmarke seitzwanzig Jahren – dem Haushaltsreiniger-MarktführerFrosch. Die Marke verbindet eine konsequentbiologische Rezeptur mit einer entspanntenund verbraucherschonenden Putz-Philosophie.

Frosch verlangt nicht wie der General denschweißtreibenden häuslichen Kleinkrieg gegenfeindliche Schmutzpartikel. Mit Frosch muss mansich nicht in generalstabsmäßig geplanten privatenBodeno!ensiven seine Putzsporen verdienen.Frosch wirbt vielmehr vor allem durch das Wappentier– die grüne Kröte – für den häuslichenSchlendrian. Denn ihre Heimat ist der Tümpelund eine gewisse Modrigkeit gehört doch zurnatürlichen Umwelt dazu. Also beschwichtigt dieMarke: Lass beim Putzen ruhig fünf gerade sein,denn totale Hygiene ist unnatürlich. Du brauchstauch kein schlechtes Gewissen zu haben, dennDu hältst ja mit Frosch die Gewässer sauber unddas ist viel wichtiger als eine keimfreie Wohnung.

Diese entspannende, sinnliche und menschlich-allzumenschliche Attitüde begründet auchden Charme der grünen Pionierjahre. Einerseitsder konsequente Fokus auf die Ökologie als ganzheitlichesRegulierungsprinzip angesichts einerweltweit übersteuerten Wachstumsdynamik. Anderseitseine ästhetische Narrenfreiheit, die mitTurnschuhen, bunter Kleidung, Blumentöpfen undleidenschaftlichen Flügelkämpfen eine Befreiungvon alten Moralvorstellungen und einem steifenpolitischen Protokoll initiierte.

Heute scheint sich der grüne Fokus verbreitertzu haben. Neben dem Schutz der Umwelt solljetzt auch die Zivilisation in Form einer vorbildlichenVernunft und Tugend konserviert werden.Doch dabei scheint das Menschlich-allzumenschliche,das Sinnliche und Entspannende mehr undmehr zum bösen Prinzip zu werden, das es überallund jederzeit zu reglementieren gilt: das Rauchen,der Alkohol-Rausch, der Genuss süßen oder fettenEssens, das Flirten (vor allem an Hotelbars oderam Arbeitsplatz), das unbehelmte Radfahren oderder Geschwindigkeitsrausch auf der Autobahn.

Als Beispiel für die grüne Kontrollwut kannRenate Künast dienen: Bei der Gründung der Grünensetzte sie sich für die Legalisierung von Haschischein. Bei ihrer Kandidatur zur BerlinerOberbürgermeisterin plädierte sie dafür, Werbungfür Schokoladenprodukte rund um Schulen zu verbieten.Das halte ich für bedenklich, denn ich weißnicht, wie ich ohne Schokolade und die damit verbundenensüß-seligen Verschmelzungsmomentemeine Schulzeit hätte meistern können.

Solche Reglementierungen spiegeln eine abstrakteVernunftsdenke wider, die derzeit in unsererGesellschaft Konjunktur hat. Es ist einetypisch deutscheStrategie, die verspürte Unruheangesichts einer kafkaesken Krisenpermanenzdurch Abstraktion und Kontrolle zu bannen.

Auch die Grünen sehnen sich nach einer vernünftigenund berechenbaren Welt, die mit derPräzision eines Uhrwerks funktioniert und unsdie Gewissheit absoluter Gültigkeiten präsentiert.Sie versteigen sich in den utopischen Wunschtraum,eine perfekte Welt zu konstruieren, dieabsolut kontrollierbar und beherrschbar ist. Aberdiese Sehnsucht entfremdet uns von unserermenschlichen Natur. Die Risiken des Lebens, diegefahrvolle Vagheit und O!enheit, die unbefriedigendeUnvollkommenheit der menschlichen Natursollen radikal beseitigt werden.

Der damit einhergehende Verlust von Sinnund Sinnlichkeit kann dann nur – wie bei derverschrumpelten Biomöhre – durch den Gestuseiner moralischen Überlegenheit kompensiertwerden. Eine ökologische Tugendrepublik wärefür mich jedoch ein Albtraum und das Ende grünerFaszinationskraft. Denn die besteht nicht inHeilslehren, in seelenloser Prinzipienreiterei oderMoralapellen, sondern in einem tiefen Verständnisfür die Schwankungsbreiten, die Rhythmenund Freiräume, die unsere Natur braucht – auchdie menschliche Natur.

Stephan Grünewald, rheingold institut



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