Phänomen ''Wellness'' - Der Krankheits-Ersatz
Phänomen "Wellness" - Der Krankheits-Ersatz
12.07.2005

Ein neuer, etwas diffuser Trend sorgt seit einiger Zeit für öffentliche Aufmerksamkeit: "Wellness". Psychologisch geht es bei diesem Phänomen jedoch nicht nur um den Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit, sondern der Wellness-Zustand ist im seelischen Erleben der Krankheit verwandt: Krankheiten legitimieren den radikalen Rückzug aus den mühseligen Verpflichtungen des Alltagslebens, die ausschließliche Beschäftigung mit dem eigenen Körper, sie erlauben Selbst-Verwöhnung und "Faulheit".
Doch Wellness ist paradox: Es geht nicht einfach um das "Nichtstun" und Erholung, sondern der ersehnte Zustand der Überwältigung durch ein bestimmtes Körpergefühl muss aktiv erarbeitet werden.

Was ist Wellness eigentlich?

Das Thema Wellness zieht sich heute scheinbar durch alle Lebensbereiche: Kaum ein Produkt kommt ohne eine Wellness-Variante aus und Freizeitangebote aller Art werden als "ideale" Wellness-Verfassungen beworben - und häufig von den Verbrauchern auch akzeptiert. Wellness lässt sich offenbar mit schier unendlich vielen Produkten, Angeboten und Themen verbinden. Wohlfühlen und Entspannen, Fitness, Schönheit, positive Lebenseinstellung, gute Ernährung, das richtige Duschgel, der richtige Tee, Feng Shui, Selbsterfahrung und Esoterik-light: Ist Wellness nur ein diffuser Sammelbegriff für eine Modeströmung, die sich nicht näher explizieren lässt?

In vielen verschiedenen Studien mit mehr als 450 Tiefeninterviews und mehr als 50 Gruppendiskussionen hat rheingold dieses Phänomen eingehend untersucht und psychologisch entschlüsselt.

1. Der Wellness-Zustand: Der Mythos von Sisyphos
Wellness ist offenbar eine Art glücklicher, überwältigender Zustand, den es zu erreichen gilt: Von "richtiger Entspannung", "absoluter Harmonie", "Körper und Geist in Einklang bringen" bis zu den "eigenen Körper wieder spüren" und "sich auspowern" reichen die Versprechungen.
Doch während Männer Wellness fast immer mit Entspannung und Wohlgefühl gleichsetzen, ist der Anspruch bei Frauen weit umfassender: Aus ihrer Sicht ist Wellness ein ganzheitlicher Zustand mit dem Ziel, einen fehlenden Teil der Persönlichkeit - meistens den körperlichen - zu ergänzen. Diese Verfassung muss körperlich und geistig spürbar sein und ist sehr schwer herzustellen.
Projektleiterin Sabine Gassen: "Wellness bedeutet für Frauen nicht Entspannung, sondern zunächst einmal das Gegenteil - Es muss erst einmal mit einem hohen Engagement hergestellt werden. Das aktive Erarbeiten schafft erst die Voraussetzungen, sich von dem Zustand der "Wellness" passiv überwältigen lassen zu können. Doch ob das Ziel der gewünschten Verfassung erreicht wird, bleibt trotz aller Anstrengungen immer offen. Für Wellness gibt es keine Garantie."

Die zwei Kategorien der Wellness
Die in rheingold-Studien befragten Frauen unterschieden zwei Kategorien der Wellness: Den kleinen Wellness-Alltag mit Baden, Duschen, Schönheitspflege, Lesen oder Sonnenbaden und den großen Wellness-Sonntag mit dem Sauna-Tag, einem Wellness-Wochenende oder Yoga und Shiatsu-Kursen. Beide Wellness-Kategorien bedürfen intensiver Vorbereitung.

Die Vorbereitungen
Das aktive Erarbeiten als Voraussetzung für die ersehnte Wellness-Verfassung schließt eine Reihe von aktiven und auch passiv "erduldeten" Tätigkeiten ein: Die Einplanung in das Raster des Alltags, die Ausschaltung von möglichen Störungen, die körperlichen Anstrengungen und auch kleinen Schmerzen, die mit dem Besuch einer Sauna oder bei der Kosmetikerin verbunden sind.

Das Ideal des Wellness-Zaubers
Doch trotz aller aktiven und passiven Anstrengungen muss sich für den "Wellness-Zustand" etwas einstellen, das unplanbar und kaum zu beeinflussen ist: Der Zauber eines umfassenden Glücksgefühls. Ein überwältigender Zustand, der entspannt genossen werden kann: Tiefenentspannung, neue, ungeahnte Gefühle, ein umfassendes Körpergefühl, die Wiederherstellung der verlorenen Einheit von Körper und Geist sollen eine Art "Neugeburt" initiieren.
Doch die paradoxen Anforderungen aus aktiven Bemühungen und passiver Überwältigung zur Erreichung einer Einheit mit sich und der Welt sind kaum realisierbar und können leicht gestört werden:
Statt Wellness kann sich Erschöpfung einstellen, unangenehme Gedanken können bleiben, eine echte Entspannung, das richtige Körpergefühl und vor allem die Überwältigung können fernbleiben.
Enttäuschung statt Wellness ist dann die Folge.

2.Vom Nutzen der Wellness
Obwohl Wellness schwer herzustellen und zu erhalten ist, ist diese Verfassung doch sehr attraktiv: Psychologische Explorationen ergaben, dass Wellness für Frauen in einem engen Wirkungszusammenhang mit Gesundheit steht, mit Gesundheitsförderung, mit der Stärkung des Immunsystems und der Verlängerung des Lebens.
Doch Wellness ist keine neue Gesundheitswelle, denn sie dient nicht allein der Gesundheit. rheingold-Gesellschafterin Ines Imdahl : "Wellness ist Krankheitsersatz! Wellness verhält sich zur Krankheit wie Positiv zu Negativ: Beide sind miteinander verwandt und weisen psychologisch ähnliche Züge auf. Doch während die Krankheit einen ungewollt"erwischt", handelt es sich bei Wellness um ein gewolltes "erwischt werden"!

Folgende Züge der Krankheit bestimmen auch die Psychologie des Wellness-Trends:

  • Eine Krankheit ermöglicht und legitimiert den radikalen Rückzug aus dem Alltagsleben für eine bestimmte Zeit und die Beschäftigung mit dem eigenen Körper.
  • Krankheit ist darüber hinaus eine Legitimation, sich selbst zu verwöhnen, sich verwöhnen zu lassen und faul zu sein.
  • Krankheit überwältigt einen oft in besonders "stressigen" Zeiten, in denen der eigene Körper vernachlässigt wird.
  • Der Zustand des Krank-Seins dient der Wiederherstellung des ganzen, des gesunden Menschen. Dieses Ziel muss mit Arztbesuchen und der Einnahme von Medikamenten aktiv unterstützt werden.

3.Die Rolle der Wellness-Produkte
Die überbordende Vielzahl von sogenannten Wellness-Produkten legt die Frage nach deren tatsächlichen
Funktionen im psychologischen Wirkungsfeld von Wellness nahe: Tatsächlich, das zeigten die Ergebnisse vieler rheingold-Studien, sind zwei wesentliche Züge von Bedeutung, die in den Augen der Konsumentinnen über Akzeptanz oder Ablehnung in den unterschiedlichen Wellness-Kategorien entscheiden:
Wellness-Produkte können die Banalitäten und Selbstverständlichkeiten des Alltags aufwerten und zu etwas Besonderem machen;
Sie können aber auch ein ganz besonderes Angebot sein, das durch den Zusatz "Wellness" betont wird.
Grundsätzlich gilt: Wellness-Produkte müssen das Entstehen der ersehnten Verfassung erleichtern: Vier psychologische Grundkriterien zeichnen akzeptierte Wellness-Produkte aus:

Abgrenzung
Wellness-Produkte müssen sich von alltäglichen Produkten unterscheiden, auf die ganz persönlichen Bedürfnisse des Verwenders eingestellt und in klar abgrenzbaren Verfassungen einsetzbar sein.
Positives Beispiel: Düfte, Teemischungen
Negatives Beispiel: Mineralwasser

Hingabe
Wellness-Produkte müssen psychologische Aspekte des "fallen lassens" unterstützen: Aktivierende und dynamisierende Produkte sind hier fehl am Platz.
Positives Beispiel: Edler Wein
Negatives Beispiel: Energy Drink

Körperlichkeit
Wellness-Produkte müssen immer eine spür- und erlebbare körperliche Wirkung haben.
Positives Beispiel: Säfte, pflegende Kosmetik
Negatives Beispiel: Computer, Handy

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