Raffgier als Selbstbestätigung - Interview mit Stephan Grünewald auf www.stern.de
Raffgier als Selbstbestätigung - Interview mit Stephan Grünewald auf www.stern.de
20.02.2008

Sie entfremden sich vom Alltag, verlieren die Bindung zum eigenen Unternehmen - und kompensieren Selbstzweifel durch Geld. Der Psychologe Stephan Grünewald zeichnet im stern.de-Interview mit Nikola Sellmair ein düsteres Bild von Top-Managern. Und er erklärt, warum der Fall des Klaus Zumwinkel uns Deutsche ganz besonders trifft.

Insidergeschäfte, Steuerbetrug - warum sind Top-Manager derart geldgierig?

In unseren Befragungen kristallisiert sich ein neuer Managertyp heraus: Früher betrachteten sich Manager eher als Unternehmer und fühlten starke Verantwortung für ihren Betrieb. Heute sind sie stärker auf die Karrierebiographie ausgerichtet, sie wechseln auch ihre Jobs viel öfter. Sie haben oftmals die gleiche Ausbildung, verkehren in den gleichen Kreisen, lesen die gleiche Fachpresse. Manager entfernen sich immer mehr von der Alltagswelt. Sie entfremden sich vom Unternehmen und den Mitarbeitern. Das wiederum führt dazu, dass sie weniger Befriedigung und Bestätigung in ihrer Arbeit finden. Ihre Selbstzweifel und die Angst vor Austauschbarkeit kompensieren sie durch Geld und Publicity. Die Suche nach Anerkennung wird zur Sucht. Die latenten Selbstzweifel erklären das irrationale Anhäufen von Geld: Geld als Symbol für Anerkennung. Die Gier nach ständiger Selbstvergewisserung wird durch steigende Konten gestillt.

Ist Herr Zumwinkel nicht ein Fall für die Coach - warum ruiniert er sein Leben für noch ein bisschen mehr Geld?

Die Psychopathologie von Herrn Zumwinkel ist per Ferndiagnose schwierig zu klären. Eine Kollegin von mir, die Kölner Therapeutin Gisela Rascher, erklärt sein Verhalten mit dem "Frau Holle-Syndrom": Die Glücksmarie integriert sich bei Frau Holle, wird tätig, erfreut sich am Tun und wird dafür - als Überraschung - mit Gold überschüttet. Doch danach wird sie nicht mehr um der Tätigkeit selbst willen aktiv, sondern nur noch, weil sie den Goldregen will: Sie wird zur Pechmarie, mit Pech überschüttet. Glücksmarie und Pechmarie sind ja letztlich nur zwei Facetten einer Person. Auch Manager kommen im Laufe ihrer Tätigkeit in die Gefahr, nur noch dem Geld hinterherzulaufen anstatt die eigentliche Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen.

In der Wirtschaftselite scheint sich Staatsskepsis breit zu machen, nach dem Motto: "Die haben mein Geld nicht verdient."

Wir beobachten, dass sich das Dreieck "Wirtschaft, Staat, Verbraucher" entkoppelt . Die Wirtschaft entfremdet sich vom Verbraucher, wie der Fall Nokia zeigt. Gegenüber dem Staat wiederum kultivieren Wirtschaft und Verbraucher ein passives Anspruchsdenken. Ich war nach meinen Studien überrascht, dass die Elite, die doch selber immer mehr Reformwillen von Politik und Bürgern einfordert, selber total reformscheu ist. Es gibt kaum noch Visionen, nur den shareholder-value-Katechismus. Verantwortung wird delegiert, persönliche Besitzstände und Privilegien zementiert. Reformen sollen immer so umgesetzt werden, dass sie die Eliten nicht benachteiligen - ein Widerspruch in sich. Ebenso wie weite Teile der Gesellschaft folgen unsere Eliten dem Credo: "Glücksmaximierung bei gleichzeitiger Vollkaskoabsicherung". Der Reformeifer wird in private Nischen gelenkt, man arbeitet im Golfclub am Handicap, gründet eine Stiftung oder versucht im eigenen Unternehmen etwas zu ändern.

Wieso empört uns gerade der Fall Zumwinkel so sehr?

Wenn Ackermann von der Deutschen Bank verhaftet worden wäre, hätte das Schadenfreude ausgelöst. Aber die Post ist ein ganz besonderes Unternehmen. Wir haben für die Post einige Imageanalysen gemacht und jedes Mal festgestellt: Sie wird geliebt. Sie wird als letzte fürsorgliche Versorgungsinstanz wahrgenommen. Der Postbote ist ein bisschen wie der Nikolaus: er kommt mit seinem Sack ins Haus und bringt mir was, ich kenne das Unternehmen persönlich. Der Post-Vorstand hat deshalb eine enorme Vorbildfunktion. Er ist sozusagen der Ober-Nikolaus und wenn er sich jetzt selber den Sack füllt, dann herrscht nicht Schadenfreude vor, sondern Unglaube und Empörung. Dazu kommt: Das Thema Verteilungsgerechtigkeit hat Konjunktur. Seit der Fußball-WM gibt es einen starken Wunsch, eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft. Dafür steht auch - trotz aller Querelen - die Große Koalition unter Angela Merkel. Merkel polarisiert ja nie, sondern präsentiert sich im In- und Ausland als Vermittlungsengel. Wenn diese erstarkte Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Zusammenrücken enttäuscht wird, wird der Schuldige empfindlich abgestraft.

Interview: Nikola Sellmair

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