Schicksalsschläge einer Marke
12.07.2005

Solange es Marktforschung gibt, beschäftigt sie sich mit den Schicksalen von Marken, mit dem häufig zunächst rätselhaften Aufstieg oder Niedergang einer Marke. Und solange es Marken gibt, versucht man durch Marktforschung und Marketing Einfluß auf die Wendungen im Lebenszyklus einer Marke zu nehmen. Marken werden auf- und ausgebaut, positioniert und umpositioniert, profiliert und differenziert.

Der Wunsch nach effizienten Eingriffen in das schicksalhafte Marktgeschehen wird begleitet durch die Suche nach generellen Schicksals-Faktoren oder -Mächten, die man bannen, beeinflussen oder nutzen will. (Man durchforstet die Literaturberge zu diesem Thema und besucht Kongresse und Vorträge.) Bewußt oder unbewußt hofft man, die goldene Regel oder das Patentrezept zu entdecken, an der bzw. dem man sich in einer ständig wandelnden Markt-Wirklichkeit festhalten kann.

Aber was man auch tut: Man kann den Entwicklungen und Wandlungen des Marktes nicht entkommen, man kann das Schicksal nicht ausschalten oder verwalten - es gibt kein Patentrezept. Aber ich will in meinem Vortrag zweierlei leisten: Ich will fünf typische Schicksalsschläge im Lebenszyklus einer Marke aufzeigen und darlegen, daß man sich durch ein vertieftes Verständnis der Entwicklungs-Logik von Märkten einen strategischen Vorteil verschaffen kann.

Markenschicksal und Produktkontext

Ich habe damit bereits die Ausgangslage und Zielrichtung der Morphologischen Marktforschung charakterisiert: Die Morphologische Marktforschung sieht Märkte als ein Entwicklungsgeschehen, in dem sich laufend neue Formen und Konstellationen bilden und wieder umgestalten. Die Morphologische Marktforschung versucht mit Hilfe psychologischer Beschreibungen und Analysen die geheime Logik und die Funktionsprinzipien transparent zu machen, die zu diesen Marktgestaltungen und Marktentwicklungen führen.

Die Markt-Wirklichkeit erschließt sich nur dem, der sie aus Sicht der Verbraucher betrachtet. Im IFMºKÖLN setzen wir uns in zweistündigen morphologischen Tiefeninterviews mit dem Produkt-Alltag der Verbraucher auseinander, ohne dabei den Erlebensreichtum und Ausdrucksspielraum der Verbraucher durch festgelegte Frage-Kategorien einzuschränken. Der Sinn und die Bedeutung von Produkten, Marken oder werblichen Gestaltungen sollen sich in einer durch den Psychologen geleisteten gemeinsamen Forschungsreise entwickeln.

Auf dieser Forschungsreise erlebt man in jedem Produkt-Markt neue Überraschungen. Man erfährt, daß jeder Produkt-Markt einem eigenen Land vergleichbar ist. Er zeichnet sich durch eigene Lebensbedingungen, durch ein spezifisches Klima, durch eigentümliche Sitten und durch eine eigene Sprache aus. Jeden Markt muß man daher neu verstehen. Was in dem einen Markt gilt, gilt in dem anderen Markt noch lange nicht. Diese Relativität des Marktes führt zum: markenschicksal und produktkontext

1.
Schicksalsschlag im Lebenszyklus einer Marke

''Die Marke ist nicht für die markt- bzw. produktspezifischen Lebensbedingungen konzipiert''

Diesem Schicksalsschlag sind vor millionen Jahren bereits die (Dino-) Saurier, gleichsam die Ur-Marken im Tierreich, anheimgefallen. Sie waren für die damaligen Lebensbedingungen passend konzipiert, aber als sich die äußeren Lebensbedingungen wandelten, genügten sie den neuen Anforderungen nicht mehr. Analog dazu stellt der Zigaretten-Markt an Marken ganz andere Anforderungen als der Bier-Markt oder der Kondom-Markt.

Das hört sich selbstverständlich an, wird aber häufig nicht konsequent umgesetzt: Oft wird eine Generalisierung von Lebensbedingungen betrieben. Man geht von allgemeinen Verbraucher-Motiven aus und fordert, daß Auto-Marken, Orangensaft-Marken oder Zigaretten-Marken sämtlich einem vermuteten Prestige-Motiv oder Sicherheits-Bedürfnis und noch neun weiteren Bedingungen gehorchen sollen.

Die Morphologische Marktforschung hat eine Abkehr von generalisierten Verbrauchermotiven vollzogen. Sie wendet sich den spezifischen Lebens-Bedingungen der Produkt-Welt, der marktpsychologischen Eigenart des jeweiligen Produkt-Kontextes zu. Statt mit allgemeinen Verbraucher-Motiven und Wünschen beschäftigt sie sich mit dem spezifischen Produkt-Wirkungsfeld, in das der Verbraucher im Umgang mit dem Produkt gerät. Die Verbraucher sind nicht stets und ausschließlich auf Sicherheit, Prestige oder Gesundheit fixiert. Das ist zu klischeehaft gedacht. Die Wünsche, Motive, Ängste und Stile der Verbraucher sind nicht konstant, sondern sie wandeln sich, je nachdem in welches Produkt-Wirkungsfeld sie geraten:

 

Wenn die Verbraucher in das Wirkungsfeld von Bier geraten, dann werden sie hemdsärmeliger und aufgeräumter. Mit dem Bier breitet sich eine flüssigere und gelöstere Stimmung aus. Diese biertypische Verflüssigung zeigt sich darin, daß Rede und Aussprache flüssiger werden, soziale Schranken hinwegfließen. Die Verflüssigung ist eine spezifische Bedingung oder Wirkkraft des Produkt-Wirkungsfeldes Bier.


Die gleichen Verbraucher werden, wenn sie in das Wirkungsfeld von Sekt geraten, etwas zugeknöpfter und distinguierter. Sie gehen ins Hohlkreuz, spreizen den kleinen Finger ab, sie nippen statt zu kippen und beginnen eine gepflegte Konversation.


Wenn die Verbraucher dann in das Wirkungsfeld eines Mobilfunk-Telefons geraten, dann fühlen sie sich persönlich aufgewertet. Sie haben auf einmal das Gefühl, der Nabel der Welt zu sein und laufen mit einer ständig abrufbereiten Wichtigkeits-Gestik durch die Gemarkung. Sie glauben, daß sich ihnen mit dem mobilen Telefon alle Türen öffnen und daß sie jetzt nichts mehr verpassen im Leben, da sie überall erreichbar sind. Eine wesentliche Bedingung bzw. Wirkkraft des Produkt-Wirkungsfeldes Mobilfunk läßt sich daher als Omnipräsenz bezeichnen.

Für die Morphologische Marktforschung ist daher die Kenntnis der spezifischen Lebensbedingungen bzw. Wirkungskräfte eines Marktes bzw. eines Produktes Voraussetzung für eine effiziente Markenführung. Denn: Die Marke muß diesen Wirkungskräften in ihren Leistungen, ihrem Auftritt und ihrer Kommunikation gerecht werden. Eine strategisch relevante Markenführung kann daher nur vor dem Hintergrund der spezifischen Produkt-Wirkungseinheit erfolgen.

Die Produkt-Wirkungseinheit zeigt die wesentlichen Bedingungen und Wirkungskräfte in ihrem ganzheitlichen Zusammenwirken auf, die immer eine Rolle spielen, wenn ein Verbraucher mit einem Produkt in Berührung kommt. Sie erlauben daher wertvolle strategische Ableitungen. Wenn man die für einen bestimmten Markt gültigen Wirkungskräfte und Lebensbedingungen kennt, dann weiß man, was eine Marke aufgreifen, erfüllen, einregulieren oder kompensieren muß.

Dazu noch einige Beispiele:


Die süß-sündige Befriedigung ist ein wesentliches Motiv der Produkt-Wirkungseinheit Fertig-Pudding: Die Verbraucher wollen in eine kindliche Genuß-Welt abtauchen. Sie wollen von allem Kau-Aufwand entbunden eine Art Rendezvous der Sinne erleben. Pudding-Verzehr wird von den Verbrauchern mit Rumknutschen oder oraler Selbstbefriedigung verglichen. Sie haben aber gleichzeitig die Furcht, zu einer ungezügelten Lust oder Gier verführt zu werden oder in ein unkultiviertes Schlecken und Lecken zu verfallen.
Eine Marke muß diesen Wirkungskräften Rechnung tragen. Sie muß gleichzeitig die süß-sündige Befriedigung garantieren, sie muß aber auch eine Stilisierungs-Funktion erfüllen, z.B. durch eine exquisite Verpackung: Die Verbraucher müssen das Gefühl haben, beim Verzehr dieser Marke ein kultivierter und feiner Mensch zu bleiben.


Mit einer Zigarette wollen die Verbraucher sich und anderen demonstrieren, was für ein Mensch man ist und welche Lebenshaltung man vertritt. Das kann man vor allem mit Hilfe der Zigaretten-Packung. Sie ist neben dem Ausweis der einzige Gegenstand, den der Raucher immer bei sich trägt. Die Zigaretten-Marke muß daher vor allem einer Ausweisfunktion genügen.


Beim Sonnenbaden wollen die Verbraucher eine universelle Aufladung erfahren. Sie wollen quasi Energie tanken, eine Vitalisierung, Reaktivierung und eine Steigerung der Befindlichkeit erreichen. Die Energie-Aufladung will man dann in Form einer erotischen Ausstrahlung wieder in seiner Umwelt ausbreiten. Die Verbraucher haben dabei aber Angst vor dem Ikarus-Syndrom: Wenn sie sich zu sehr der Sonne nähern und die Aufladung übertreiben, stürzen sie ab und liegen hinterher matt und verbrannt darnieder. Die Sonnenschutz-Marke muß daher gleichzeitig eine wirksame Aufladung versprechen, aber auch eine unterstützende Regulierungs-Funktion garantieren.

Die Beispiele zeigen, daß Marken je nach Produkt-Wirkungsfeld spezifische Aufgaben und Funktionen haben: Sie sollen regulieren, stilisieren oder demonstrieren. Das verweist darauf, daß Marken nicht nur passiv den Wirkungsbedingungen eines Marktes unterworfen sind. Marken müssen ihre Produkt-Wirkungsfelder aktiv kultivieren: Sie sollen Leitlinien oder Rezepte für den Umgang mit Produkten vermitteln. Sie sollen sagen, wie man sich beim Pudding-Verzehr oder beim Sonnenbaden verhalten soll, was man tun und was man lassen soll. BierTrinken geht zwar anders als Sekt-Trinken, aber man kann auf zehn verschiedene Arten Bier-Trinken. Marken sollen innerhalb ihres Wirkungsfeldes daher eine bestimmte Verwendungs-Kultur propagieren.


Der Haushaltsreiniger General propagiert z.B. eine Verwendungs-Kultur, in der häusliche Putzschlachten geschlagen werden. Frosch sagt, es reicht, wenn man die Gewässer sauber macht, im Haushalt braucht man sich nicht so reinzuknien, sondern kann sich auch mal mit einer Katzenwäsche begnügen.

Jede Marke markiert in ihrem Markt eine bestimmte Spielart oder Umgangsform in der Produktwelt. Die Verbraucher wählen die Marke, die am besten mit der eigenen Verwendungs-Kultur übereinstimmt.
Das Thema Marken-Kultur führt zu einem

2.
Schicksalsschlag im Lebenszyklus einer Marke

''Die Marke leistet eine unzeitgemäße bzw. irrelevante Kultivierung des Produktfeldes''

Es kommt immer wieder vor, daß eine Marke in ihrem Auftritt und ihrer Kommunikation eine bestimmte Verwendungs-Kultur propagiert, die, wie das z.B. bei der Zigaretten-Marke Davidoff der Fall ist, nur ganz spezielle Verwender-Typen oder Verwendungs-Formen anspricht.

Da sich die Märkte wandeln, kommt es aber auch vor, daß die von einer Marke propagierte Verwendungs-Kultur aus der Mode gerät und daher nach und nach die jungen und aktuellen Verwendungsformen nicht mehr erreicht. Dieses Schicksal ist der Marke Wicküler-Pilsener in den 80er Jahren widerfahren:


Die Marke Wicküler war mit der bekannten Musketier-Kampagne vor allem in den 60er Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Biermarken. markenschicksal und produktkontext

Wicküler galt als ein sehr verflüssigungsfreudiges Männer-Bier. Die Reichweite von Wicküler war groß, denn die Musketiere wurden der Bier-Mentalität der Zeit gerecht: Sie suggerierten dem Verbraucher:


''Mit Wicküler kannst Du beherzt einen draufmachen und dennoch am nächsten Tag Deinen Mann stehen.''

In den 80er Jahren wandelte sich aber die Bier-Kultur in Deutschland. Die Begrenzungs- und Maßhalte-Forderungen im Umgang mit Bier stiegen. Der Bierkonsum soll nun gemäßigt und kultiviert sein. Die Pils-Marke soll dem Verbraucher garantieren, daß er beim Biertrinken die Haltung und die guten Sitten wahren kann.

Vor allem die Premium-Pilsmarken trugen und tragen dieser Kultivierung des Bierkonsums durch ihren edlen und vornehmen Auftritt Rechnung. Nicht zuletzt durch das neue Flaschenformat und eine ''sektmäßige'' Flaschenetikettierung suggerieren sie dem Verbraucher:


''Wenn Du mich trinkst, bleibst Du - trotz Biergenuß - genauso kultiviert und vornehm wie die Flasche.''

Die Marke Wicküler wurde ein Opfer dieser Kultivierung des Bierkonsums. Ihre Markenpersönlichkeit war immer noch sehr stark durch die Musketiere geprägt, die als trinkfeste und ungesittete Haudegen angesehen wurden. Die Folge: Die Marke Wicküler-Pilsener wurde von vielen Trinkern als nicht mehr zeitgemäß erlebt. Sie sprach nur noch die stark verflüssigungsorientierten Trinker-Typen an.

Sie hat daher 1989 nach Kenntnis dieser Entwicklungen Flasche, Kasten und ihren kommunikativen Auftritt stilisiert, um wieder einen Anschluß an die neue Bier-Mentalität zu finden.

Die Schicksalsschläge, die eine Marke treffen, können aber nicht immer der wankelmütigen Umwelt angelastet werden. Häufig sind sie Ausdruck eines gestörten Persönlichkeitsbildes der Marke selbst. Der vielzitierte Vergleich einer Marke mit einer Persönlichkeit weist darauf hin, daß eine Marke kein Sammelsurium von Likes und Dislikes, von Packung, Preis und Werbung ist, sondern ein ganzheitlicher Zusammenhang. Was die Marken-Werbung verspricht, muß die Packung halten und das Produkt einlösen. Auch für eine Marke gilt der Leitsatz:


Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Häufig wird aber die Markenpersönlichkeit in Elemente zerlegt und dann wird isoliert an der Verpackung, am Geschmack oder an der Kommunikation herumgedoktert und optimiert. Dabei kann keine lebensfähige Persönlichkeit entstehen, sondern nur ein Marken-Homunculus. Diese Vorgehensweise begründet einen

3.
Schicksalsschlag im Lebenszyklus einer Marke

''Die Marke entwickelt keine stimmige und organische Gesamtkomposition''

Wenn die Marke kein zusammenhängendes und in sich stimmiges Bild abgibt, leidet vor allem ihre Glaubwürdigkeit. Diese Hypothek lastet z.B. auf der Riegelmarke Banjo.

Da die Marke in den letzten Jahren kaum beworben worden ist, orientieren sich die Verbraucher in ihrer Marken-Einschätzung in erster Linie an der Verpackung.

Die Banjo-Packung wirkt sehr gediegen und pralinig. Ihre gold-braune Schattierung verspricht den Verbrauchern einen exquisiten Hochgenuß. Die fünf schrägen Nadelstreifen unterstreichen dabei noch die Besonderheit von Banjo. ("Die Nußschnitte für den eleganten Herren.")

Ausgehend von der Verpackungs-Anmutung erwarten die Verbraucher ein sehr feines und ausdifferenziertes Produkt für besondere Anlässe. Man vermutet, daß es einerseits gehaltvoll und schokoladig ist, andererseits durch Waffelschichten und besondere Zutaten veredelt ist.

Beim Verzehr gibt die Marke Banjo jedoch ein gänzlich anderes Bild ab. Der Riegel vermittelt ein leichtes und lockeres Genußerleben, das durch das Zermahlen der geriebenen Nußstückchen kurz intensiviert wird. Im Vergleich mit anderen Riegelprodukten ist Banjo jedoch eher solide und einfach bzw. unspektakulär. Nach dem Verzehr verbleibt ein laues Gefühl, eigentlich nichts gegessen zu haben.

Diese Diskrepanz zwischen Verpackungs-Versprechen und erfahrener Produkt-Leistung führt regelmäßig zu einer Enttäuschung beim Verbraucher. Er fühlt sich um den erwarteten exquisiten Hochgenuß betrogen und sieht in der Marke einen Blender, der eine Stilisierung ohne Substanz betreibt. Die Banjo-Packung wird daher folgerichtig in nächster Zeit geändert und stimmig dem Markenbild angeglichen.

Vielleicht noch schwerwiegendere Auswirkungen als eine fehlende Stimmigkeit hat der Selbstverrat einer Marke. Der Selbstverrat einer Marke markiert einen

4.
Schicksalsschlag im Lebenszyklus einer Marke

''Die Marke negiert ihre eigene Botschaft''

Eine Marke kann sich in ihrer Entwicklung selbst untreu werden. Denn als Persönlichkeit steht die Marke für eine bestimmte Programmatik oder Botschaft. In ihren symbolischen Bilderwelten legen Marken die Welt in einer ganz bestimmten Art und Weise aus. Der General vermittelt z.B. ein komplettes Hausfrauen-Bild. Seine Botschaft lautet:


''Mit dem General kann und soll man sich als Hausfrau auszeichnen und einmal so richtig zeigen, was man leisten kann.''
Marken sind daher keine Marktschreier, die ihre drei Vorzüge ausposaunen, sondern Botschafter oder Sinnstifter.

Die Marke Camel hat bis vor einigen Jahren in den Augen ihrer Raucher vor allem eine sehr ideologische Sinnstiftung geleistet: Camel propagierte durch den Camel-Mann, der immer - wie Dr. Kimble auf der Flucht - durch den Urwald lief, der niemals wirklich ankam, daß man sich im Leben nicht vorzeitig und endgültig festlegen soll. (Auch das Kamel auf der Packung schien in Warteposition und man weiß nicht, ob es vor oder zurück will.) Camel suggerierte, sich nicht einfach an materiellen Werten zu orientieren, sondern sich auf die Suche nach dem Weg zu begeben, der sich wirklich lohnt. Die Botschaft von Camel lautete damals:


''Lege Dich nicht endgültig fest.

Entschiedenheit bedeutet Entwicklungsstillstand. Der Weg ist das Ziel! In endlosen Probeläufen findest Du Deine Bestimmung und Erfüllung.''
Vor zwei Jahren brach dann Camel endgültig mit dem Camel-Mann und mit der bisherigen Camel-Programmatik. Die Marke vollzog eine totale und witzige Kehrtwendung vom urwüchsigen Camel-Mann zum plüschigen Camel-Kamel. Die damit erreichte witzige Andersartigkeit und Aktualität der Marke geht aber auf Kosten der bisherigen Marken-Identität.

Ihr für ganze Raucher-Generationen richtungsweisender Anspruch (''Der Weg ist das Ziel!'') wird mit einem Mal verleugnet und ins Lächerliche gezogen. Die neue Kampagne suggeriert, ''war alles nicht so gemeint'' und verneint die bisherige ideologische Ausrichtung der Marke. Der Weg, der sich lohnt, führt nicht zur Bestimmung und Erfüllung, sondern geradewegs in die Regression des Niedlichen und Lächerlichen. Die Raucher, denen die Camel-Botschaft früher nicht schmeckte, klatschen jetzt erlöst und begeistert in die Hände. Die ideellen Camel-Raucher fühlen sich jedoch durch diese selbstkarikierende Wendung in ihren Grundwerten erschüttert und verarscht. Die Marke Camel hat für sie die ursprüngliche Ausweis-Funktion verloren, sie wenden sich von der Marke ab.

Die Folgen dieser schicksalhaften Selbstverleugnung kennen Sie: Die Marktanteile der Camel sind havariert. Die Kamel-Kampagne wurde im Frühjahr abgesetzt.

Einen partiellen Selbstverrat bzw. Identitätsbruch mit ähnlichen Auswirkungen kann man beobachten, wenn eine Marke im Zuge eines Relaunches oder einer Neupositionierung ihr Entwicklungspotential und ihren Veränderungsspielraum überschreitet. Das führt zum

5.
Schicksalsschlag im Lebenszyklus einer Marke

''Die Positionierung einer Marke wird nicht organisch weiterentwickelt oder modifiziert.''

Wenn es durch die Umpositionierung dann nicht gründlich gelingt, das bisherige Markenbild aufzuheben oder zu transformieren, können sich zwei verschiedene Markenbilder im Markt etablieren: das Alte und das Neue. Die Marke leidet dann unter einer gespaltenen Persönlichkeit, sie markiert zwei unterschiedliche Positionen, die sich gegenseitig stören oder entkräften können.

Die Marke Piz Buin war bis vor einiger Zeit eine solche gespaltene Persönlichkeit:

Ihr Kern-Image war sehr stark durch den Markennamen geprägt: Mit Piz Buin verband man die Welt der Berge, das Reizklima der Alpen und die körperlichen bzw. sportlichen Betätigungen eines Bergurlaubes. Dieser Bedeutungskreis wurde auch durch die damalige Werbung gestützt. Piz Buin als sportive Bergwelt-Marke leistete so eine komplette Kultivierung des Sonnenbadens.

Statt sturem Sonnenbraten und trägem Strandlife waren Aktivitäten angesagt. Piz Buin verherrlichte nicht den künstlichen Braun-Kult, sondern sah die Bräune als angenehmen Neben-Effekt bzw. als natürliche Belohnung gesunder Aktivitäten an. Gleichzeitig vermittelte die Marke eine unvergleichlich hohe Schutz-Kompetenz, da sie als hochgebirgs-tauglich erschien. Piz Buin galt daher nicht als "Bratfett", sondern als Schutz-Accessoire zur Stärkung der Robustheit.

Insgesamt wurde Piz Buin daher in den 70er Jahren als die ''sportive Berg-Marke'' angesehen.

Ende der 80er Jahre wurde die Kommunikation radikal geändert. Piz Buin bildete jetzt tiefbraune Gestalten in einer klassischen Umgebung ab, die wie griechische Götter die Sonne anbeteten. Piz Buin wurde aufgrund dieser Kampagne als die ''Marke auf dem Sonnen-Olymp'' angesehen. Durch die klassische Präsentation einer idealen und makellosen Bräune leistete Piz Buin jetzt eine völlig andere Kultivierung des Sonnenbadens:

Die Marke verherrlichte das unvermittelte Sonnen-Baden und Braun-Werden als höchstes und alleiniges Ideal auf Erden. Mit dem Namen Piz Buin assoziierte man jetzt häufig "Blitze Braun" und nicht den Berg. Der kommunikativ forcierte Bräunungs-Kult faszinierte die Verbraucher zwar, gemahnte sie aber auch meist an die eigenen körperlichen Defizite, die das Erreichen dieser Ideal-Bräune verhindern. Der Sonnen-Olymp erschien daher vielen Verbrauchern als geschlossene bzw. ihnen verschlossene Gesellschaft.

Ich komme zum Fazit: Ich bin davon ausgegangen, daß die Marktforschung keine allgemeingültigen Patentrezepte liefern kann, mit denen man das Marken-Schicksal steuern kann. Sie kann aber ein vertieftes Verständnis der Funktionsbedingungen von Märkten und Marken bereitstellen. Man kann dem Schicksal zwar nicht entrinnen, aber man kann eine begrenzte Vorsorge treffen, indem man sich gegen vermeidbare Schicksalsschläge wappnet.

Das Schaubild zeigt, daß Marktforschung immer eine Art Versicherung sein soll, aber sie soll nicht so entmündigend und passiv wie eine Versicherung sein. Sie soll nicht nur unnötige Schicksalsschläge vermeiden und auf die Berücksichtigung grundlegender Funktionsprinzipien wie der Stimmigkeit eines Markenbildes oder der Motivrelevanz drängen, sondern Orientierungen bieten und Handlungs-Spielräume eröffnen. Hier bietet vor allem die Produkt-Wirkungseinheit - der morphologische Baukasten - ein marktspezifisches strategisches Funktionsmodell:

Die Kenntnis der relevanten Wirkungskräfte im Markt ermöglicht kreative und gleichzeitig effiziente Eingriffe in das Marktgeschehen, die sich auf ein Optimum an Lebensfülle und Marktrelevanz stützen.

© 2015 rheingold