Schwade, drinke, dräume
12.07.2005

Gemeinsam mit Heinz Grüne und Jens Lönneker gründete er 1987 das Institut "rheingold". Hier erforscht das Trio mit fast 40 Psychologen den kölschen Alltag. Im EXPRESS finden Sie heute die dritte Folge unserer Serie "Köln auf die Couch". Grünewald und Co. erläutern, warum der Kölner seine Stadt so lieb hat.

"Und dann stonn se in der Kaffebud und schödden sich der Kaffee in dr Kopp''" Der Hit der Bläck Fööss - eine Hymne an unsere Stadt. "Köln besitzt die Gemütlichkeit, Beständigkeit und Ungezwungenheit einer Kaffeebud", sagen die "rheingold"-Experten. Halt alles das, was das Leben lebenswert macht, finden die Menschen in Köln auf unkomplizierte Weise: Gemeinschaft, Unterhaltung und Verpflegung. Schwade, drinke, dräume in Köln, in der größten Kaffeebude der Welt.

Köln - eigener Kosmos mit einzigartiger Kultur "Es gibt wohl keine Stadt in Deutschland, die von ihren Bürgern so geliebt wird wie Köln", sagt Psychologe Stephan Grünewald. Köln ist mehr als eine bloße Stadt: ein eigener Kosmos, eine einzigartige Kultur mit einer eigenen Sprache, dem Kölsch als Heimatgetränk und typischen Sitten und Gebräuchen.

Die emotionale Bindung der Kölner an ihre Stadt ist so stark, weil Köln zwei unvereinbare Dinge befriedigt: Einerseits die Sehnsucht nach heimeliger Geborgenheit, andererseits die Sehnsucht nach Größe, Wachstum und Bedeutung. Denn Köln soll besser sein als andere Städte: Mindestens Millionenstadt oder Kunstmetropole und letztendlich doch: Das Hätz vun dr Welt. Der Domstadt gelingt die Quadratur des Kreises, denn Köln ist zugleich Metropole und Kaffeebud.

Warum ist der Kölner so wie er ist? "Die Kölsche Lebensart ist Ausdruck eines virtuosen »Sowohl-als-auch«: Nichts wird entschieden betrieben, weil man dann das geliebte »als auch« aufs Spiel setzen würde", hat Grünewald herausgefunden. Folge: "Unvereinbares bleibt in Köln einfach nebeneinander bestehen: Größe und Behaglichkeit, Kirche und Karneval, Tünnes und Schäl."

Auf Etikette wird in Köln kein großer Wert gelegt Anders als in Städten wie Düsseldorf oder Hamburg wird auf Etikette kein so großer Wert gelegt: "Hier kann man auch im Bademantel Gäste begrüßen oder mit Lockenwicklern seine Brötchen holen." Seeligkeit überall: Ungezwungen beieinander Stehen, Quatschen und Trinken bestimmen das Stadtklima. Die Kehrseite dieses Sich-gehen-lassen-Könnens ist die berüchtigte und traditionelle Schmuddeligkeit der Kölner: Kalkutta, Konstantinopel und Köln galten im ausgehenden Mittelalter als die schmutzigsten Städte der Welt.

Die Kölner lieben ihre Stadt, weil diese sie nicht zu großen Taten zwingt, sie aber dennoch großartig belohnt oder tröstet. "Denn Köln verspricht der Welt und seinen Bürgern ein »ewiges Werden«: Zwar nicht jetzt, aber irgendwann werden sich die großartigen Zukunftsentwürfe doch noch einlösen. Beispiel Dom: An dem wurde jahrhundertelang gebaut. "Daher ist er für die Kölner der symbolische Beweis, dass aus diesem »ewigen Werden« doch noch irgendwann etwas Großes und Einzigartiges herauskommen kann", so Grünwald.

Wenn man aber nicht auf die Erfüllung des ewigen Werdens warten wolle, habe die kölsche Mentalität ein versöhnliches Heilmittel parat: die Sentimentalität. Die Sentimentalität ist die aufwandslose Form des Größenwahns, denn hier kann man die Größe als Nicht-Mehr und als Noch-Nicht ausschmecken. In der Sentimentalität bündelt sich ein emotionales Dreigestirn aus Trauer, Trost und Zuversicht. Trauer, weil die ganz großen Ziele nicht erreicht wurden. Trost, weil man ja nicht allein ist, sondern sein Kölsch und sein Veedel hat. Zuversicht, weil Köln doch Köln ist und immer bleiben wird und der FC irgendwann dann doch noch einmal den Meistertitel holt.

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