Seele und Seligkeit der Kölner
Seele und Seligkeit der Kölner
12.07.2005

Zur Morphologie der kölschen Eigenart:
Kann man eigentlich von einer Kultur oder einer Seele der Kölner oder, zugespitzter formuliert, des Kölners sprechen? Sicher, jeder Jeck und damit auch jeder Kölner ist anders, und wenn man die Kölner, die man kennt, miteinander vergleicht, dann überwiegen die Unterschiede. Dennoch wird im Alltag immer wieder generalisierend von dem Kölner gesprochen, mitunter sogar verschärfend von ''dem Kölner an sich''. Der Volksmund vermutet und benennt hier eine Eigenart, die für Köln und die Kölner typisch zu sein scheint und die das geliebte und gelebte Bild von Köln und den Kölnern prägt.

Diese Eigenart steht natürlich in einem Ergänzungs-, Spannungs- oder Kompensationsverhältnis zu den individuellen Eigenarten, die die Kölner ebenso wie alle anderen Menschen im Laufe ihres Lebens ausgebildet haben. Aber die individuellen Eigenarten, der einzelne Kölner an sich, sollen hier nicht das Thema sein, sondern die Eigenarten des Kultur- oder Wirkungsraumes Köln, genauer: des Kölschen an sich.

Daß Köln eine eigene und eigen- bis einzigartige Kultur darstelle, wird (aus noch zu klärenden Gründen) von niemand weniger geleugnet als von den Kölnern. Die virtuose und unablässige Stilisierung eines spezifischen Köln-Bildes ist dabei selbst schon ein Ausdruck dieser kölschen Eigenart. Wenn also im folgenden von ''dem Kölner'' die Rede ist, dann ist damit nicht Herr Schmitz gemeint, sondern ein ''Stadtklima'', ein einzigartiges Lebensbild, eine Lebensauffassung, kurz eine Stadt-Kultur, die sich in Köln herausgebildet und entwickelt hat. Eine vor- und verbindliche Stadt-Kultur, gemeinsame Lebensauffassungen und -Bilder erleichtern das Zusammenleben und den Zusammenhalt in einer Stadt. Daß man sich zu Köln hingezogen fühlt, daß man sich auch als Nichtkölner vorstellen kann, immer in Köln zu wohnen und niemals in Hannover, weist auf die übergreifende Stadt-Kultur oder zumindest auf ein festes Bild von dieser Stadt hin.

Dieser Stadt-Kultur gilt unser psychologisches Interesse. Wir verfolgen dieses Interesse mit Hilfe der Morphologischen Psychologie, weil sie nicht nur den Einzelmenschen, sondern auch die Entwicklungen und die Gestaltungs- bzw. Lebensprinzipien, die seelische Architektur ausgedehnter Wirkungsräume in den Blickpunkt ihrer Forschung stellt. Mit Hilfe der Morphologie lassen sich die Gesetzmäßigkeiten und das psychologische System beschreiben und rekonstruieren, nach dem in einem Wirkungsraum wie der Stadt Köln die Wirklichkeit behandelt wird.

Die Kaffeebud

Die kölsche Wirklichkeits-Gestaltung ist durch zwei konkurrierende Behandlungszüge geprägt: Das Leben soll einerseits durch die Qualitäten und Prinzipien einer Kaffeebud getragen werden. Es soll gemütlich und heimelig sein. Man will sich auskennen und sich in einem umschlossenen Rahmen aufgehoben fühlen. Das ''Kaffeebud-Sein'' ist - wie es das Lied von den Bläck Fööss zum Ausdruck bringt - sicherer Garant für stetige Be-Ständigkeit und Ungezwungenheit. In der Kaffeebud findet man und hat man alles, was man zum Leben braucht: Gemeinschaft, Unterhaltung und Verpflegung, und das alles auf einem denkbar einfachen und unkomplizierten Level. Man kann sich gehen lassen, auf die Etikette wird kein Wert gelegt: ''Hier bin ich Mensch und ab und zu mal Schwein.''

Die Kölner bilden diese Kaffeebud-Seligkeit überall aus: ungezwungen beieinander stehen, quatschen und trinken bestimmen den kölnischen Wirkungsraum. Köln besteht aus einer Vielzahl von Veedeln, die, psychologisch betrachtet, ausgedehnte Kaffeebuden sind, und in diesen Veedeln sprießen und gedeihen die Kneipen, Cafés, Kioske und Büdchen. In den Erinnerungen vom alten und schönen Köln wird vor allem diese Kaffeebud-Heimeligkeit, das Ideal eines intakten, harmonischen, aber auch weitgehend aufwandlosen und selbstgenügsamen Lebens heraufbeschworen. Die Kehrseite dieser heimeligen und aufwandlosen Selbstgenügsamkeit, des Stehen und Sich-gehen-Lassen ist die berüchtigte und traditionelle Schmuddeligkeit der Kölner: Kalkutta, Konstantinopel und Köln galten im ausgehenden Mittelalter als die schmutzigsten Städte der Welt.

In dem ''süffigen'' Heimatsaft Kölsch sind die unkomplizierten, einfachen, wenig stilisierten Kaffeebud-Qualitäten materialisiert. Kölsch verlangt keinen großen Trink-Aufwand, keinen siebenminütigen Bedürfnisaufschub, kein ausgeklügeltes Trink-Zeremoniell, Kölsch ist ein ungezwungenes Steh-Bier, das man locker stante pede wegkippen kann.

Die Metropole

Die Selbstgenügsamkeit der Kaffeebud charakterisiert aber nur eine Seite des kölnischen Wirkungsraumes. Daneben steht als konkurrierender Behandlungszug die Großmannssucht der Metropole, der starke Wunsch, sich als Stadt herauszuputzen und eine außergewöhnliche Stellung einzunehmen. Die Kölner können sich nicht mit einer als provinziell verachteten Kleinstädtigkeit begnügen. Köln muß etwas Besonderes, Köln muß mehr und besser sein als alle anderen Städte: mindestens Millionenstadt, aber besser noch die Kunstmetropole, die Stadt des Karnevals, die Stadt mit den größten Demonstrationen gegen Ausländerfeindlichkeit und letztlich doch ''dat Hätz vun dr Welt''. Geschichtliche Manifestationen dieses kölschen Größenwahns sind das gewaltige und kaum vollendbare Dom-Projekt und in jüngster Zeit das gewichtige Museum Ludwig.

Bereits diese beiden Züge der kölschen Seele eröffnen einen Einblick in das kölnische Entwicklungs- bzw. Lebensproblem: Soll man sich für ein gemütlich-beschauliches Leben entscheiden, dann muß man aber seinen Anspruch auf Größe und Bedeutung aufgeben; oder soll man sich herausputzen und an seiner Größe arbeiten, dann muß man aber seine vertraute Beschaulichkeit diesem Ziele opfern. Für welche Seite man sich auch entscheidet - ein Ziel muß untergehen. Die kölsche Kultur behandelt also ein Grundproblem menschlicher Entwicklung. Die Kölner haben dabei eine ebenso eigenartige wie vielleicht einzigartige Lösung dieses Problems ''kultiviert'': die virtuose Realisierung des ''Sowohl-als-auch''; oder man könnte auch sagen: die kulturelle Quadratur des Kreises. Aber es bedarf einiger Zwischenschritte, um sowohl die psychologische Finesse als auch die konstruktive Mehrdimensionalität dieser Lösung zu verdeutlichen.

© 2015 rheingold