Sehnsucht nach Partyotismus
Sehnsucht nach Partyotismus
17.06.2008

Nach dem Einzug der deutschen Mannschaft ins Viertelfinale wächst die Hoffnung auf ein zweites Sommermärchen. Aber was hat bei der WM 2006 und heute bei der EM zu Euphorie und zum Wir-Gefühl geführt? Gibt es einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und Turnier-Erfolgen? Und worin besteht die weltumspannende Faszination des Fußballs?

I. Deutschland und die EM 2008

Die WM als nationale Lockerungs-Übung 

Die WM 2006 war vor allem auch eine private Wende. Die Jahre nach dem 11.September 2001 waren geprägt von einer Angst vor einer unberechenbaren Welt und dem Rückzug in den engsten Familienkreis. Diese Verschanzungsmentalität ist seit der WM vorbei. Die Leute haben wieder Spaß daran rauszugehen, ein Wir-Gefühl zu erleben, gemeinsam zu feiern und gemeinsam etwas zu durchleiden. 

Deutschland erlebt seitdem eine regelrechte Eventomanie – eine Sehnsucht nach immer neuen Gemeinschaftsevents. Egal ob  Handball-WM, Frauen-Fußball-WM oder Katholikentag. Auch die Wirtschaft profitiert von dieser Entwicklung, denn das „Aus-Sich-Rausgehen“ der Verbraucher hat belebende Auswirkungen auf den Konsum.

Schwarz-Rot-Gold als Banner der Feierwilligen

Noch vor der WM hatten viele Deutsche Angst, dass die leidenschaftlich feiernden und anfeuernden Deutschen wieder ihr hässliches Gesicht zeigen und ihre Gastgeberpflichten vernachlässigen könnten. Als eine wahnsinnige Befreiung wurde es daher erlebt, dass der Spagat zwischen Heimat-Euphorie und Fremden-Charme gelang. Die Deutschen konnten wieder aus sich herausgehen und die Welt applaudierte noch dazu.

Allerdings ist diese nationale Euphorie kein Symptom eines wiedererstarkten Patriotismus, sondern Ausdruck eines befreienden Party o tismus. Die Nationalmannschaft stiftet eine ideelle Heimat, zu der man sich aufgrund der eigenen Herkunft verbunden fühlt. Den Millionen Fans und Sympathisanten geht es keinesfalls um preussisch-disziplinierte Vaterlandsliebe, sondern um mütterlich-beschwingte Heimatliebe. Das eher weibliche Prinzip der Heimatliebe manifestiert sich in dem Wunsch nach umspannender Geborgenheit (Wir-Gefühl), nach sinnenfreudiger Vollversorgung (Bier, Bratwurst, Chips) und gemeinsamen Feiern. Die Deutschlandfahne ist in diesem Kontext weniger eine ideologische Position, als vielmehr das Banner der Feierwilligen.

II. Die gesellschaftlicher Katalysatorfunktion des Fußballs

Die Frage, ob es in den nächsten Wochen viele Feieranlässe für die deutschen Fans geben wird und das Sommermärchen ein Happy End hat, lässt sich natürlich nicht beantworten. Der Blick zurück zeigt jedoch, dass Turniererfolge immer auch eng mit gesellschaftlichen Ereignissen einhergingen. Zeitenwenden artikulieren sich auch im Fußball. 1954 war das Wunder von Bern ein zentraler Wendepunkt. Die damalige Mannschaft spürte, dass Deutschland im Umbruch war und dass die Bußjahre nach dem Krieg vorbei waren. Sie war getragen von der Vision, dass Deutschland wieder zu positivem Ansehen in der Welt gelangen kann. Umgekehrt hat der WM-Titel jedoch auch das Wirtschaftswunder dynamisiert.

Bei der EM 1972 beflügelten die Umbrüche der 68er Bewegung den Fußball. Er wurde freier und kreativer und Günther Netzer avancierte mit seinen langen Haaren zum Rebellen am Ball. Der WM-Titel 1990 war getragen von der Euphorie der Wiedervereinigung und dem Glauben, dass man jetzt gemeinsam unschlagbar sei. 2006 schließlich war die wirtschaftliche Talsohle durchschritten. Deutschland hatte mit Merkel und Klinsmann zwei neue Führungsfiguren. Merkel avancierte als erste Frau im Kanzleramt zu einem Vermittlungs-Engel, der parteiliche Gräben überwinden half und eine neuen Ausgewogenheit in die Politik brachte. Klinsmann schnitt als ungestümer Siegfried alte Zöpfe ab, beschwor den Teamgeist und führte mit seinen Klinsmannen das Land aus dem Tal der Tränen.

Eine WM oder EM kann also als Katalysator dienen und bereits bestehende gesellschaftliche Entwicklungstendenzen verstärken. Was allerdings auch für negative Entwicklungen gilt: 1994 war die Euphorie der Wiedervereinigung verpufft. 1998 war Deutschland am Ende der Ära Kohl – inklusive Abdankungsstimmung. Und 2004 war geprägt von der sich zuspitzenden wirtschaftlichen Krise.

Heute bei der EM 2008 ist eine Prognose schwierig, da die Gesellschaft sich in einer wohltemperierten Mittellage befindet. Die großen Krisen und Einbrüche scheinen erstmal überwunden, aber die Hoffnungen auf eine persönliche Partizipation am Aufschwung haben sich stark abgeschwächt. Eine Gemengelage, in der zwar alles möglich ist, in der aber ein Ausscheiden im Viertelfinale oder Halbfinale wahrscheinlich ist.

III. Die Faszination des Fußballs

Wieso gelingt ausgerechnet dem Fußball, was Politiker, Verbände und Prominente, Organisationen und gesellschaftliche Gruppen jeglicher Coleur nicht vermögen: Ein ganzes Volk quasi zu verwandeln?

Schicksalsdrama in 90 Minuten

In einem Fußballspiel ballt sich die ganze Schicksalsdramatik Lebens auf 90 Minuten. In dieser Zeit durchstehen die Fans meist mehr Höhen und Tiefen als in der ganzen Woche. Vom Ausgang dieses erregenden Stundenwelt hängt meist auch die weitere Seelenlage und Gestimmtheit ab: Die Stimmungspalette reicht dabei von einer euphorisierenden Hochstimmung im Falle eines Sieges über eine entspannte Mattigkeit beim Unentschieden bis hin zu einer niederschmetternden und dumpf nachhallenden Enttäuschung nach einer Niederlage. Es ist manchmal für Nichtinteressierte erstaunlich zu beobachten, wie diese scheinbar kleine Schicksalsinfusion mit einem Mal die beruflichen Erfolge oder privaten Triumphe einer ganzen Woche beinahe gänzlich auslöschen kann. Umgekehrt kann ein berauschender oder gar unerwarteter Sieg der eigenen Mannschaft einen fast manischen Zustand universellen Gelingens auslösen, der mit vollen Segeln in die nächsten Tage trägt.

Übergreifendes Ziel und persönliche Mitwirkung

Der Fußball eröffnet für einige Stunden - bei der Europameisterschaft sogar für einige Wochen - eine schöne neue Parallelwelt, in der man eine temporäre Besessenheit ausleben kann. Diese besessene Parallelwelt kompensiert Defizite des formalisierten Alltags. Die unübersichtlichen und unverständlichen Dimensionen der modernen Welt schrumpfen auf ein überschaubares Spielfeld, das durch ein klares und leicht nachvollziehbares Regelwerk gefasst wird. Und man findet ein übergreifendes und hehres Ziel für das man bereit ist zu kämpfen und sich einzusetzen: Jeder Einzelne hat dabei das Gefühl durch seine persönliche Mitwirkung, durch Mitreden, Mitfiebern, durch Anfeuern oder Auspfeifen einen wichtigen und spürbaren Beitrag zum Gelingen der Mission Europameisterschaft zu leisten.

Gemeinsinn und Unmittelbarkeit des Erlebens: Kollektives Stöhnen, Schreien, Jubeln

Der Fußball schafft im Stadion, in der Kneipe oder im Wohnzimmer Gemeinschaftsevents. Das Gefühl individueller Parzellierung und Atomisierung weicht dabei dem rauschhaften oder ozeanischen Erlebnis, in einer bewegten Masse aufgehoben zu werden. Der Gemeinsinn wird durch kollektive Symbole, durch Trikots, Mützen oder Schals und durch die lithurgischen Gesänge beschworen.

Im Kreis dieser besessenen Gemeinde eröffnet sich dann ein viel sinnlicherer und vor allem unmittelbarer Umgang mit der Wirklichkeit: Erwachsene Menschen werden von der Not der gepflegten Konversation entbunden und können sich zwei Stunden lang nur über Stöhnen, Schreien, Jubeln und Schluchzen verständigen. Vor allem für Männer eröffnet sich wieder ein unmittelbarer und unzensierter Zugang zu ihren eigenen Gemütsbewegungen. Sie dürfen herzerweichend Weinen, ihre Nachbarn umarmen, küssen und liebkosen oder springen und toben wie ein kleines Kind.

Unsterblichkeits-Versprechen

Trotz aller Rückschläge und Niederlagen: Der Fußball hat etwas ungemein tröstliches, denn vom Fußball gehen ein Ewigkeitsversprechen und eine Forever-Young-Magie aus. Die Schicksalswendungen, die der Fan mitmacht und durchleidet, erreichen niemals das Stadium der Endgültigkeit. Nach 90 Minuten steht zwar fest, ob man gewonnen oder verloren hat. Nach einer Europameisterschaft ist zwar besiegelt, ob man Meister oder Verlierer ist. Aber nach jedem Spiel und jedem Wettbewerb werden die Schicksalskarten neu gemischt. Es gibt immer wieder eine Stunde Null: im virtuellen Schöpfungswahn werden Mannschaften anders zusammengestellt und andere Trainer verantwortlich gemacht. Selbst der Verlierer kann somit den Traum aufrecht erhalten, im übernächsten Jahr bei der WM oder EM wieder ganz vorne dabei zu sein. Der Fußball beschert uns damit eine Produktions-Unsterblichkeit, die uns im wirklichen Leben versagt bleibt: Nach dem Spiel ist immer vor dem Spiel.

Der Autor:

Stephan Grünewald ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des rheingold Instituts für Qualitative Markt- und Medienanalysen in Köln. Sein im Campus-Verlag verlegtes Buch „Deutschland auf der Couch“, in dem er eine aufrüttelnde Bilanz über unser Land zieht, ist wegen des großen Erfolges jetzt auch als Taschenbuch im Heyne-Verlag erschienen. Grünewald hat seit 1990 zahlreiche Fachbeiträge und Studien zu den Themen Markenführung, Werbewirkung, Lebensalltag, Jugend und Kultur veröffentlicht. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählt die Trendforschung.  

Pressekontakt: Thomas Kirschmeier, 0221 / 912 777 44,   kirschmeier~AT~rheingold-online.de

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