Sehnsucht nach einer heilen Welt
Sehnsucht nach einer heilen Welt
08.01.2013
Die zunehmende Sehnsucht der Menschen nach einer heilen Welt ist einerseits krisengetrieben: Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Eurokrise verunsichern und destabilisieren die Aussichten auf eine berechenbare Zukunft. Und andererseits ist die Sehnsucht die Antwort auf die Digitalisierung unseres Alltags. Eine rheingold-Studie zeigt die Zusammenhänge auf. Von Nanda Dukat und Daniela Freund.

Es ist nicht zu übersehen: Retro-Kitsch ist allgegenwärtig. Rot karierte Tischdecken und Blümchengeschirr, Zwergenwelten, Fliegenpilze, Hirschgeweihe und zarte Rehlein entführen uns in Kindermärchenwelten und imitieren die gute alte Zeit. Schaufenster, Websites, Plattformen und Wohnungen sind von diesen Manifestationen der Sehnsucht nach einer heilen Welt betroffen. Kaffee trinkt man heute im ‚Himmelreich’, ‚Milchmädchen’ ‚Hans im Glück’ und im ‚Scheuen Reh’.

Handwerk und Handarbeitboomen. Obwohl man alles preisgünstig und ohne Aufwand kaufen kann, möchte mansein Stück ‚heile Welt’ doch im Bauen eines Vogelhäuschens oder Stricken vonStulpen selbst herstellen.

Schrebergärten werden heutevon 20-30jährigen betrieben – noch vor einigen Jahren völlig undenkbar.‚Guerilla-Guardening’ begrünt die Parkbuchten und rundet das Stadtbildliebevoll mit bunten Blumen ab. Die Zeitschrift ‚Landlust’ unterstützt denDrang zur Natur, ihre Auflage sprengt bald die Millionengrenze.

Die Sehnsucht nach einerheilen Welt ist einerseits krisengetrieben:

Bankenkrise,Wirtschaftskrise, Eurokrise verunsichern und destabilisieren die Aussichten aufeine berechenbare Zukunft. Das Scheitern des Weltklimagipfels, Hilflosigkeit undUneinigkeit gegenüber Despoten und Terror machen Angst für kommendeGenerationen. Unglaubwürdige Politiker und Führungskräfte demonstrieren undverstärken die Orientierungslosigkeit.

Andererseits ist dieSehnsucht nach einer heilen Welt eine Antwort auf die Digitalisierung unseresAlltags:

Da ist die zunehmende Entrhythmisierungunseres Alltags durch Verschmelzung von Arbeit und Freizeit, vollgestopfteWochenenden und den Verlust des Jahreslaufs durch in Vergessenheit gerateneFeiertagsrituale. Das Nachlassen sozialer Verbindlichkeiten trägt ebenso dazubei. Ähnlich wie die weitere Entfremdung von sinnlichem Erleben durch die Verlagerunghin in eine virtuelle Welt.

Aus dieser Glaubenskrise undOhnmacht heraus rettet man sich nun in eine selbst inszenierte ‚heile Welt’.Menschen wenden sich von der unüberschaubaren Welt da draußen ab undkonzentrieren sich auf das eigene, nahe Umfeld: Da wird das traute Heim als ‚HeileWelt’ dekoriert, man kocht mit Freunden und fühlt sich wie in der Großfamilie, jungeGroßstädter bauen eigenes Gemüse an und erleben das als Revolution gegenindustrielle Anbaumethoden.

Bedeutet dieser Rückzug indie heile Welt, dass sich die Gesellschaft nur noch resigniert von den globalenKrisen und Problemen in eigene künstliche Welten verkriecht und bis hin zurErstarrung abschottet? Oder kann daraus auch Kreatives, Neues entstehen?

Ja. Denn zahlreicherheingold-Studien zeigen, dass tatsächlich Keimzellen zu neuen produktivenEntwicklungen erkennbar sind, die den Schritt aus dem Nah-Umfeld heraus ineinen größeren Zusammenhang vollziehen: Car Sharing, etliche Elterninitiativenoder private Hilfsprojekte sind aus privaten Bedürfnissen heraus entstanden,zielen aber auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen. Steigende Nachfragenach Regionalität, fair produzierten und gehandelten Produkten und diegesteigerte Bedeutung des Begriffs Nachhaltigkeit und all seiner Implikationen beeinflusstlangfristig die Produktionsbedingungen und damit letztendlich auch unser Leben.Der Rückzug in die heile Welt kann also durchaus auch der erste Schritt zuneuen Ufern sein.

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