Sekundenschlaf - Der stille Schrei nach Leben
Sekundenschlaf - Der stille Schrei nach Leben
12.07.2005

Der "Sekundenschlaf" zählt zu den häufigsten Unfallursachen auf deutschen Autobahnen. Wenn sich die Strecke endlos zieht und die Gespräche versiegen, das Radio langweilt, die Kinder schlafen und die Beifahrer schweigen, werden die Lider schwer. In der öden Autobahn-Monotonie regt sich unwiderstehlich der Drang, für einen Augen-Blick einfach mal "weg" zu sein.

Die rheingold-Analyse dieses "toten Punkts" zeigt: Der Sekundenschlaf ist ein Sekunden-Traum. Der lahmgelegte "Seelenbetrieb" sucht keine Ruhe, sondern Dramatik - eine bunte Traumwelt mit erotischen Phantasien und wüsten Gedankenkaskaden. Diese Traumwelt übt eine Sogwirkung aus, da sie viel reicher und bewegender ist als die endlose Streckenbewältigung. Die auf der Fahrt stillgelegten Lebensbezüge und Begehrlichkeiten werden im Sekundentraum wieder wach.

Der (Tag-)Traum am Steuer ist aber so brisant, daß er beim Aufschrecken sofort vergessen und zugunsten des aktuellen Verkehrsgeschehens "verdrängt" werden muß. Wieder hellwach, gilt es, die Situation schnell in den Griff zu bekommen. Einige "notorische Einschläfer" nutzen den Sekundenschlaf wie einen Wecker: "Ich erschrecke mich tierisch und bin gleich wieder hellwach." Dabei verwickeln sie allerdings sich und andere in ein lebensmüdes Spiel mit dem Tod.

Was tun? Wenn am Steuer alle "wachen" Unterhaltungen einschlafen, hilft gegen den Sog des Sekunden-Traums nur eine Pause. Beim Essen, Spielen, Turnen, Tanken, Dösen und Träumen kann man sich (endlich) anders bewegen und anders bewegt werden. Zu kämpfen hat die Pause allerdings mit der "schlafmützigen" deutschen Parkplatz-Kultur: "P" steht hierzulande vor allem für Tristesse, Langeweile, Leere und Notdurft.

Gefordert ist daher vor allem eine andere Raststätten- und damit Pausenkultur. Parkplätze und Raststätten sollten als anziehendes und spannendes Belebungs-Angebot am Wegesrand gestaltet und beworben werden - als verlockende und ungefährliche Alternative zur bunten Welt des Traums.

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