Senioren heute: Die Vertreibung ins Paradies
Senioren heute: Die Vertreibung ins Paradies
12.07.2005

Wer glaubt, Senior-Werden heißt, auf eingefahrenen Schienen weiter seine Bahnen zu ziehen, irrt: Das Senior-Werden bringt umfassende Veränderungen mit sich. Die Änderung zahlreicher "äußerer" Lebensumstände - Verrentung der eigenen Person und/oder des Partners, Verlust/Tod nahestehender Personen, Spät-Scheidung, Verlassen des Hauses der "Kinder" - zwingt dazu, das bisherige Leben und vor allem den bisher gelebten Alltag noch einmal komplett umzustellen: Ehefrauen müssen damit rechnen, daß ihr Haushalt nun generalstabsmäßig von ihren Ehemännern übernommen wird und diese sich nun in das letzte verbliebene "Geschäft" (mehr oder weniger produktiv) einmischen; die Mutter-Rolle gerät ins Wanken, wenn das letzte Kind das Haus verlassen hat; der Verlust oder der Rauswurf des Partners zwingen dazu, noch einmal nach einem (jüngeren?) Lebensgefährten Ausschau zu halten. Dieser Übergang ist für jeden hart und stellt die komplette Lebens-Art auf eine (Zerreiß-)Probe.

Über die Schwierigkeit, diese Veränderungen zu bewerkstelligen und sich einen neuen stabilisierenden Alltags-Rahmen schaffen zu müssen, täuscht die Tatsache hinweg, daß es vielen Alten eigentlich noch nie so gut ging wie heute. Man hat einen kompletten Lebensabschnitt vor sich, in dem man von seinen eigenen Rücklagen (Rente, Ersparnisse, Lebensversicherung etc.) alimentiert wird.

Ähnlich wie die "Kinder" der anti-autoritären Erziehung sind die "Alten" nun mit dem Problem konfrontiert, jeden Tag tun zu müssen, was sie wollen. Es gilt nun, einen Alltag jenseits der "Knute Neun-bis-Fünf" zu etablieren. Die älteren Menschen finden heute Bedingungen vor, wie sie in früheren Zeiten höchstens als Paradies-Phantasien vorstellbar waren. Ohne einer geregelten Arbeit oder den häuslichen Pflichten nachgehen zu müssen, ist genug Zeit und Geld da, alle (aufgesparten) Lebenswünsche zu realisieren.

Während früher die Menschen durch Paradies-Vorstellungen und Belohnungen im Jenseits zu einem harten und entbehrungsreichen Leben motiviert wurden, ist es heute bereits im Diesseits - als Senior nämlich - möglich, ins Paradies zu kommen. Unsere Kultur sagt: Erlebe diese ehemals dem Jenseits zugeordneten Freuden bereits im Diesseits. Wir teilen unser Leben derzeit ein wie beim Bausparen - in einen Anspar- und einen Zuweisungs-Teil. Heute: Arbeit, Schaffen, Mühsal erleben, Entbehrungen aushalten. Morgen (als Senior): Reisen, Ergötzen, Genießen, Frei-Sein.

Doch dies wird von denen, die es (be-)trifft, durchaus als ambivalent erlebt. Es gibt zwar einerseits viele Möglichkeiten, dieses "Lebensgeschenk" mit Aktivitäten wie Hobbys, Reisen, Weiterbildung etc. positiv zu füllen. Andererseits wird jedoch ein großer Druck verspürt, den Imperativ "Erfinde dich selbst" Tag für Tag mit Inhalten und Sinn angehen zu müssen.

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