Stress lass nach: Die fieberhafte Suche nach dem passenden Geschenk!
11.12.2007

Jedes Jahr um die Weihnachtszeit geht es wieder los – die meist hektische Suche nach Geschenken für die Lieben und die ebenfalls zu beschenkenden weniger Geliebten. Pünktlich zur gleichen Zeit finden sich in diversen (Frauen-)Zeitschriften gutgemeinte Ratschläge – das sind neben einem üppigen Angebot an ‚Geschenkideen’, auch Tipps und Strategien zur Geschenksuche.

Um es gleich vorweg zu sagen: Aus psychologischer Sicht gibt es weder für das passende Geschenk noch für die Suche nach eben einem solchen ein Patentrezept. Egal wie viel Zeit, Liebe oder Geld man investiert  - ein Geschenk ist niemals nur ein ‚altruistisches’ Give-away. Und das haben wir alle schon einmal am eigenen Leib erfahren: Oft ist gibt ein gerade erhaltenes Geschenk Anlass zu Fragen und zum Zweifel. Wieso habe ich das jetzt bekommen? Was bin ich demjenigen eigentlich wert? Wozu bin ich jetzt verpflichtet? Was hat der eigentlich für ein Bild von mir?

Schenken und  Beschenkt-Werden sind aus psychologischer Sicht zwei Seiten einer Sache. Der Gebende nimmt – gewollt oder ungewollt – immer Einfluss auf den Beschenkten.  Durch etwas Teures kann man jemanden in eine ‚Schuld’ bringen, durch etwas zu Billiges jemanden abwerten. Durch den  kurzen Akt des Schenkens kann  unter Umständen jahrelangen Einfluss genommen werden: eine Lebens begleitende Uhr bei einer nur flüchtigen Bekanntschaft oder ein die Beziehung auf Eis legender Kühlschrank von nahen Verwandten. Jedes  Geschenk enthält eine Botschaft: So siehst Du mich! Das willst Du also von mir! So sollte ich in Deinen Augen sein! Aber auch: So sieht unsere Beziehung zueinander derzeit aus!

Die Annahme eines Geschenks bedeutet die Erweiterung der eigenen  Persönlichkeit um etwas Neues,  vorher Fremdes. Das kann eine ‚Bereicherung’ sein – muss es aber nicht. Denn genauso kann man sich durch das Angenommene auch festgelegt, eingeschränkt und ‚typisiert’ fühlen.

Durch die Reaktionen auf das Geschenkte, nimmt auch der Beschenkte Einfluss auf die Beziehung.  Zurückgewiesene Geschenke sind fast immer schlimme Erlebnisse. Man fühlt als Schenkender, dass nicht nur das Geschenk abgelehnt wird, sondern man selbst gleich mit ‚weggemacht’ wird. Die Empörung des falsch Beschenkten kann in das blanke Entsetzen des Schenkenden münden.

Viele Menschen probieren daher die unterschiedlichsten Strategien bei der Geschenksuche aus – allesamt sollen helfen die Brisanz des Schenkens abzumildern. Beispielhaft lassen sich die nachfolgenden 4 typische Strategien unterscheiden:

1.     ‚Ich schenke nur, was mir auch gefällt – oder ich schon immer wollte – dann kann ich es zur Not selbst behalten.

Hier möchte man besonders viel von der eigenen Persönlichkeit an den anderen weitergeben – und das heißt letztlich besonders stark auf den anderen Einfluss nehmen – er soll dem Schenkenden möglichst ähnlich werden.  Gleichzeitig besteht der starke Wunsch vom Gegenüber so wie man ist angenommen und geliebt zu werden. Besonders dramatisch ist  dann die Ablehnung des Geschenks – denn man wird in seiner gesamten Person abgelehnt .

2.     ‚Ich recherchiere  genau, was dem anderen gefällt, welche heimlichen Vorlieben er hat  oder beobachte welcher ‚Typ’ er ist - damit ich genau seine Wünsche treffe’.

Der andere hat eine heimliche Briefmarkensammlung von dem die Kollegen nichts wissen?  Was auf den ersten Blick so aussieht als würde man nach den ‚wirklichen’ Wünschen fahnden, kann als peinliche Bloßstellung enden. Der heimliche Sinn, der vermeintlich altruistischen Geschenksuche, ist möglicherweise ein voyoristisches Eindringen in die Privatsphäre: Seht her, so einer ist das, hättet ihr das gedacht?

Ähnliches kann auch durch die Auswahl eines typischen – sportlichen, flippigen, verrückten, intellekutellen -  Geschenks deutlich werden: so wollte man nicht gesehen werden oder festgelegt werden!  Nur in wenigen Fällen ist es dem beschenkten Menschen wirklich recht, dass andere ihre heimlichsten Wünsche kennen.

3. Ich setze ‚auf Nummer sicher’, frage, was sich gewünscht wird oder kaufe ein Standartgeschenk mit dem ich nichts falsch machen kann.

Ein Geschenk mit dem man nichts falsch machen kann gibt es nicht. Natürlich hat die Standartauswahl – Socken, Krawatte und Bücher – immer auch etwas ‚Unpersönliches’. Wie auch bei der Frage nach den Wünschen, bleibt der Beigeschmack, dass man sich keine richtigen Gedanken oder keine Mühe machen will. Andererseits kann  durch das ‚distanziertere’ Geschenkverhalten auch versucht werden, sich ‚anzupassen’ und dem Gegenüber weniger von seiner eigenen Persönlichkeit ‚aufzudrängen’.

4.    Ich ziehe einfach mal los und finde schon etwas

Auch dieses Verhalten sieht auf den ersten Blick aus, lieblos aus. Nicht im Vorfeld wird sich bemüht und überlegt, sondern auf den letzten Drücker. Aber es steckt auch darin, dass man einen halben oder sogar ganzen Tag in Gedanken an jemanden herumläuft und sich mit ihm beschäftigt – und dabei nach etwas passendem, meist eher ungewöhnlichem sucht.

Ganz gleichgültig, welche Strategie man beim Schenken auch verfolgt – man kann sich nie sicher sein – denn man weiß meist nicht, welche ‚Deutungen’ der andere dem Geschenk entnimmt. Vor allem aber kann man sich selbst nicht über den Weg trauen: Ein Geschenk aus reiner Nächstenliebe gibt es eben nicht. Was wir dem Beschenkten gerne noch geben oder sagen wollen, das ist uns oft allerdings selbst nicht bewusst.

Allein die Erkenntnis, dass es das passende Geschenk eigentlich nicht gibt, sollte Grund genug sein, sich nicht auch eines anzutun: Stress beim Einkauf der Weihnachtsgeschenke – leider gehört nun gerade der wieder dazu – weil wir immer das ‚passende’ suchen, obwohl wir merken, dass es niemals so ganz gelingt…

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