TV: Von der öffentlich-rechtlichen Sendung zum privaten Seelenstriptease
TV: Von der öffentlich-rechtlichen Sendung zum privaten Seelenstriptease
12.07.2005

Seit der Einführung der privaten Fernsehsender finden Darstellungen von ganz privaten Haltungen und Lebenslagen ein immer breiteres Publikumsinteresse. Das Fernsehen entdeckt die Dramatik des Banalen und verliert ein Stück seiner Aura des Besonderen, die es durch das Bemühen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in der Vergangenheit aufgebaut hatte. Die private Nabelschau ist psychologisch betrachtet aber mehr: Sie scheint ein Ventil für Bedürfnisse zu sein, die im Empfinden der Zuschauer in ihrem normalen Alltag nicht mehr erfolgreich befriedigt werden können.

Die Aufhebung des öffentlich-rechtlichen Fernsehmonopols war nicht zuletzt auch die Abkehr von einem Stück staatlich-kultureller Bevormundung. Was dem breiten Publikum an ihr Unbehagen bereitete bzw. wonach es sich insgeheim sehnte, zeigt sich an den heutigen aktuellen Fernsehgewohnheiten: Gewünscht wurde mehr Raum für seelische Eigenwelten der unterschiedlichsten und skurrilsten Art.

Was zu Sigmund Freuds Zeiten allenfalls im privaten Schonraum einer Psychotherapie möglich war, ist heute in aller Öffentlichkeit für die geladenen Gäste der Fernsehshows von Meiser, Schreinemakers oder Arabella Kiesbauer etc. gang und gäbe: Der Seelenstriptease. Jedermann kann sich sozusagen ''seelisch ausziehen'' und für seine Sichtweisen, Gefühle und Schicksalsschläge eine Bühne bekommen. Auf ihr wird dann z.B. von unerfüllten Lieben, Ordnungskriegen in Wohngemeinschaften oder Problemen des Zwillingsdaseins berichtet. Dramatisiert werden kann dies noch, indem gegensätzliche Positionen miteinander konfrontiert werden. Da treffen dann gewollt oder ungewollt Arbeitslose auf Arbeitsvermittler und Festbeschäftige, Gescheiterte auf frischgebackene Millionäre, Alleinerziehende auf intakte Familien, Dicke auf Dünne, Rindfleischesser auf Rindfleischverweigerer. Alle sind aufgefordert ihre Lebenslagen und Haltungen möglichst persönlich und affektgeladen darzulegen. Hin und wieder helfen zudem geladene Psychologenexperten, die Äußerungen zu erläutern und zu vertiefen. Das breitere Zuschauerkreise ansprechende Fernsehangebot verschiebt sich dabei in den letzten Jahren vom allgemeinen "öffentlichen Interesse" so ins Private, als ob Aspekte und Inhalte einer psychoanalytischen Individual-Therapie plötzlich bei einem größeren Fernsehpublikum auf größtes Interesse stoßen.

Der Vergleich mit Aspekten einer Psychotherapie soll auch im weiteren dazu beitragen, die Entwicklung der neuen Fernsehgewohnheiten besser zu verstehen. Beim Fernsehen wollen die Zuschauer anders als etwa bei der Nutzung einer Tageszeitung oder des Hörfunks überwiegend von ihren normalen Alltagspflichten Abstand nehmen und ihre Freizeit oder ihren Feierabend genießen. Dabei sollen insbesondere seelische Regungen Raum finden, die ansonsten im Alltag nicht oder nicht genügend befriedigt werden konnten. Über das Fernsehangebot der öffentlich-rechtlichen Anstalten konnten sich offenbar in der Vergangenheit diese Wünsche nach seelischen Eigenwelten nicht genügend entfalten. Mit den Programmen der privaten Anbieter wurde das anders. Plötzlich gab es ein Fernsehangebot für die verborgenen Wünsche nach Sex, Intrigen und Sensationsgier. Diese Entwicklung weist wiederum eine Parallele zu einem Grundzug einer Psychotherapie auf. Denn auch in der Psychotherapie unterstützt der Therapeut die Äußerung von insgeheimen und ''verbotenen Wünschen'' seines Klienten. Die Parallele zwischen der Entwicklung der Fernsehgewohnheiten und einer Psychotherapie besteht somit darin, daß beide mehr Freiraum für insgeheime seelische Regungen ''erobern'', die zwar oft unter moralischen Gesichtspunkten wenig Beifall finden, die aber dennoch alle Menschen mehr oder weniger verspüren.

Sieht man sich unter psychologischen Gesichtspunkten an, wie diese Freiräume nun von den Zuschauern genutzt werden, so fallen neben den erwähnten Shows insbesondere die Erfolge der Serien in den Blick. Sie stellen zu einem großen Teil wiederum den ganz normalen Alltag einer Gruppe von Menschen dar, der dann im Verlauf auf die einzelnen Gemütslagen der Charaktere und ihre verborgenen, insgeheimen Interessen durchleuchtet wird. Eine der Grundbedingungen für einen Serienerfolg ist so gesehen wiederum der Seelenstriptease - hier von seiten der Darsteller. Die Serien unterscheiden sich jedoch darin, wie das Verhältnis von offiziellem Schein im Alltag und den dahinter verborgenen Geheimnisse ausgestaltet wird. Sitcoms wie "Eine schrecklich nette Familie (Al Bundy)" übersteigern die verborgen gehaltenen seelischen Regungen so ins Groteske, daß sie und nicht mehr das normale Alltagsverhalten im Vordergrund stehen. Serien wie die "Lindenstraße" stellen dagegen sowohl das Bemühen der Hausgemeinschaft dar, den Schein zu wahren, als auch immer wieder die vielen kleinen und großen Geheimnisse der Hausbewohner. Mit am radikalsten erscheinen vor diesem Hintergrund "Die Fußbroichs", weil hier der reale Alltag einer Familie ohne jede Fiktion 1:1 dargestellt wird. Die Grenze zwischen äußerem Schein und tatsächlichem Verhalten der Menschen wird durch die permanente Anwesenheit der Kamera weitgehend aufgehoben.

Mit dem neuen, umfangreicheren Programmangebot wurden aber auch die gegensätzlichen Fernsehinteressen in den Ehen, Familien, Wohngemeinschaften immer deutlicher. In vielen Familien begann ein allabendlicher Kampf um die Fernbedienung, der häufig erst dadurch beendet wurde, daß weitere TV-Geräte angeschafft wurden. Neu war insbesondere, daß ein großer Teil der Jugendlichen nun über einen eigenen Fernseher verfügte und eigene Fernsehinteressen verfolgen konnte. Der Fernsehabend kann in vielen Haushalten seitdem die Familie nicht mehr wie früher vereinen. Vielmehr verfolgen die Jugendlichen z.B. spezielle Daily Soaps wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "Melrose Place", während die Eltern wiederum ihren eigenen Fernsehvorlieben nachgehen. Damit ist das Fernsehprogramm letztlich durch die stärkere Betonung von privaten Eigenwelten selbst in den Familien weiter individualisiert werden.

Mit der Betonung der privaten Eigenwelten fand zugleich auch eine generelle Banalisierung und Entzauberung des Fernsehens statt. Denn das frühere öffentlich-rechtliche Fernsehen vermied den allzu tiefen Einblick in die privaten Eigenwelten mit ihren banalen Momenten. Es war vielmehr geprägt von der Seriosität der "Tagesschau" oder des "Kommissars". Selbst die Serien aus dieser Zeit wie "Cobra, übernehmen Sie", "Immer, wenn er Pillen nahm", "Bonanza", "Mit Schirm, Charme und Melone" etc. stellten besondere Abenteuer und keinesfalls den privaten Alltag in den Vordergrund. Mit der heutigen Betonung der privaten, seelischen Eigenwelten hat das Fernsehen somit ein Stück seiner Aura des Besonderen aufgegeben. Damit wurde es aber vertrauter und zugänglicher für die Belange des "kleinen Mannes".

Welche Erwartungen und Hoffnungen erfüllt die private Nabelschau?

Worin besteht nun im Empfinden der Zuschauer der besondere Reiz, sich immer wieder mit diesen Eigenwelten auseinanderzusetzen und den privaten Seelenstriptease aufzusuchen? In den von unserem Forschungsinstitut durchgeführten psychologischen Tiefeninterviews zeigte sich zunächst, daß die Befragten Spaß daran hatten, nach Art von Seelen-Voyeuren an den Gemütslagen anderer zu partizipieren. Nicht wenige der Befragten konnten sich aber durchaus auch vorstellen, ihre eigenen Belange im Fernsehen darzulegen, so daß insgesamt sowohl von einer Schau- als auch einer Zeigelust ausgegangen werden kann. Im Vordergrund stand dabei nahezu immer die Lust an der Darstellung und nicht das Interesse an der Lösung von aufgeworfenen Problemstellungen. Dies deckt sich wiederum mit dem Aufbau der meisten Shows, die in erster Linie die verschiedenen Positionen und Lebenslagen ihrer Gäste offenbaren, ohne aber am Ende konkrete Forderungen aufzustellen, Entschlüsse zu fassen oder Abhilfen zu verlangen.

Es ist, als ob sich die Beteiligten unbewußt darin einig sind, daß die Entfaltung der Eigenwelten keine weitergehenden Auswirkungen wie etwa Forderungen nach Veränderung zur Folge haben soll. Ein ähnliches Phänomen ist auch Sigmund Freud bei der Entwicklung seiner Psychotherapie begegnet. Seine Patientin nannte es damals Chimney Sweeping, um auszudrücken, daß sie ihre unter Hypnose geäußerten Darstellungen als eine Art seelische Reinigung empfand, so wie in etwa auch ein Kamin immer wieder gesäubert werden muß, damit er gut funktioniert. Zuschauer und Darsteller der Shows und Serien scheinen die seelischen Entkleidungen im heutigen Fernsehen auf eine ähnliche Weise zu genießen. Bereits die öffentliche Darstellung und Offenbarung des Privaten ist in aller Regel für den eigenen Seelenhaushalt ausreichend.

Sigmund Freud nahm später wieder Abstand von einer Psychotherapie unter Hypnose, da sie dem Patienten keine bewußte Veränderung seiner Haltungen ermöglichte und zudem keine dauerhafte Besserung zur Folge hatte. Anders als bei diesen Patienten ist bei der Masse der Fernsehzuschauer nicht davon auszugehen, daß sie ihre persönlichen Verhaltensweisen grundlegend ändern wollen. Der Seelenstriptease scheint für sie vielmehr zumindest vorübergehend eine Entlastungsfunktion im Umgang mit unserer immer komplizierter werdenden Welt zu entwickeln. Denn der Seelenstriptease bringt Lebenslagen, Stimmungen, Gefühle und Schicksale zu einem Zeitpunkt zu Gehör, in dem, wie empirische Studien immer wieder belegen, der Glaube an das positive Wirken von Institutionen wie Staat, Schule, Gewerkschaft, Kirche immer mehr verloren geht. Auch die Wirkkraft der traditionellen ''Macher'' wie Politiker, Ärzte, Manager wird immer mehr angezweifelt. Für viele Jugendliche ist das Wort ''Politiker'' sogar so etwas wie ein Schimpfwort geworden. D.h., daß viele Menschen ihre persönlichen Interessen und Belange nicht mehr positiv vertreten sehen. Psychologisch betrachtet ist der private Seelenstriptease somit eher ein Ventil für seelische Regungen, die im Empfinden der Zuschauer in ihrem normalen Alltag nicht mehr Aussicht auf erfolgreiche Befriedigung haben.

Die entdeckte Lust an der Entfaltung einer Vielzahl von privaten Eigenwelten erschwert andererseits wiederum die Bildung neuer übergreifender kultureller Ideale. Die Analyse der heutigen Jugendkultur zeigt, wohin dies zunächst führt: Die befragten Jugendlichen lehnen in ihrer Mehrheit nahezu jegliche Form von politischen Visionen und Weltverbesserungsideen ab. "Cool" ist es in erster Linie, auf die eigenen Interessen zu achten. Mit hehren ethischen Werten zu argumentieren, ist dagegen "uncool". Großen Idealen wird mit Reserviertheit und Ironie begegnet. Begeistert wird dementsprechend auch im Fernsehen die Humor-Kultur von Harald Schmidt, Wigald Boning, Stefan Raab verfolgt, in der bewußt auf ernsthaft inhaltliche Auseinandersetzungen und Anstöße verzichtet wird. Chimney Sweeping poor!

Verwendete Literatur

 

Bundesverband deutscher Zeitungsverleger e.V. (Hrsg.) (1996), "Jugendkultur und Mediennutzung",Bonn

Freud, Sigmund (1895), "Zur Psychotherapie der Hysterie" in Studienausgabe Ergänzungsband,
Frankfurt am Main 1982

Goldner, Colin (1996), "Die Seelenfummler", in Psychologie heute, Heft 6, Weinheim

Lönneker, Jens (1995), "Sieben Auslöser für ein Zapping", in Zwischenschritte 1/1995, Köln

Regionalpresse (Hrsg.) (1994), "Medienumgang und Werbewirkung", Frankfurt am Main

RTL-Trendletter (1994), "Psychographics", Köln

Salber, Wilhelm (1987), "Kulturpsychologie - Wie und Warum", in Zwischenschritte 2/1987, Köln

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