Tatort Grundschule
12.07.2005

Studentenstreiks, Gewalt an den weiterführenden Schulen, insbesondere den Hauptschulen, Skepsis, ob in den Grundschulen die Grundlagen für später adäquat vermittelt werden - unser Bildungssystem gerät immer mehr unter Beschuß. Zwei von rheingold durchgeführte Studien zum Thema Grundschule haben die Not der dort Lehrenden näher aufgeschlüsselt. Die Beschäftigung mit ihren Problemen gibt dabei tiefe Einblicke in elementare Probleme unserer heutigen Kultur.

Wie in einem Brennglas kommen bei den Grundschullehrerinnen und -lehrern die verschiedenartigen Forderungen zusammen, die heute in unserer Kultur vorherrschen: Sie sollen einerseits die Kinder führen und leiten, aber gleichzeitig ist klare Führung und Leitung verpönt. Sie sollen mit dem Abwechslungsreichtum des Fernsehens und der multimedialen Welt mithalten, ihm aber auch entgegenwirken und Schwerpunkte setzen. Sie müssen zwischen Leistungsvorgaben und gleichzeitiger Skepsis an reiner Leistungsorientierung vermitteln. Welchen Ansprüchen sie insgesamt genügen sollen, ist den Lehrerinnen und Lehrern häufig nicht bewußt. Was jedoch vorherrscht, ist das Gefühl, ihrer Aufgabe kaum gerecht werden zu können.

Dieser Situation hat sich in den letzten Jahren das Bild, das von den Kindern gezeichnet wird, mehr und mehr angepaßt: Das Kind von heute soll möglichst selbstbestimmt sein, gilt aber als hilfsbedürftiger, da kulturell "verdorbener" als in früheren Zeiten. Insbesondere neuere Unterrichtsmethoden setzen auf die "Selbstlernkräfte" des Kindes und auf deren vermeintlich unerschöpfliche Kreativität und Spontaneität. Adäquates Unterrichten ist jedoch aus psychologischer Sicht nur in einer Kultur möglich, die weiß, auf welche Anforderungen hin unterrichtet werden soll und welche Werte ihr wichtig sind. Das Dilemma, inmitten einer weitgehend orientierungslosen Kultur konkrete Arbeit verrichten zu müssen, treibt viele Lehrer in einen verbissenen Aktionismus, der sich vor allem in einem "patchworkartigen" Unterrichtsstil äußert - ein wenig Freiheit hier, ein wenig Zwang dort. Solange unsere Kultur beziehungsweise die Gesellschaft jedoch insgesamt nicht weiß, wohin sie steuern will, wird der Nachwuchs eher verwaltet und verwahrt als zielgerichtet (aus-)gebildet.

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