Totgesagte leben länger: Die Renaissance des Fernsehens
Totgesagte leben länger: Die Renaissance des Fernsehens
20.10.2008

Eine psychologische Verfassungsanalyse deckt unerwartete Chancen des Mediums Fernsehen für die Zukunft auf.

Die neuen Formen der Mediennutzung führen zu einer neuen Psychologie des Medienumgangs, in der das Fernsehen eine Renaissance erleben und sich wieder verstärkt als Leitmedium etablieren kann – vorausgesetzt die Fernsehmacher erkennen rechtzeitig die Zeichen der Zeit und entwickeln Angebote und Formate, die der neuen Rolle des Fernsehens entsprechen! Eine dezidierte und gründliche Analyse der aktuellen Rezeptionsverfassungen auf Basis von einigen Hundert Interviews, die das rheingold Institut zur Mediennutzung im Bereich TV und Internet in den vergangenen Jahren durchgeführt hat, führt zu einem überraschenden Ergebnis: Je mehr Rezeptions- und Nutzungsverfassungen entstehen, je mehr Verfassungen hin zum Internet oder zu mobilen Medien 'wandern', umso attraktiver wird wieder das Fernsehen.

Es ist viel in Bewegung in der Medienlandschaft und der Mediennutzung. Wie bei einer Völkerwanderung begeben sich Rezeptionsverfassungen auf eine Wanderung zwischen den Medienangeboten, sie verlassen ihre angestammten Medienräume, sie spalten sich auf, bilden Unterformen, besiedeln Neuland und lassen so immer neue Verfassungen entstehen. Eine Verfassung wie das ‚Bummeln und Streunen’, die jahrelang im Fernsehen mit seinen Boulevardmagazinen zu Hause war, zieht aus dem Fernsehen aus und gründet im Internet-Land eine Unterform, weil sie dort ganz neue ‚Bummel-Bedingungen’ vorfindet. Begleitet wird sie von der Schwester-Verfassung des ‚Heimeligen Plauderns’, die - im TV der Talkshows überdrüssig geworden – ihr Glück in den Foren und Chatrooms des Internets sucht. Aber auch ganz neue Verfassungen entstehen durch Angebote wie YouTube oder MyVideo. Sich durch Filmschnipsel zu klicken, ist eine neue Spezies der Mediennutzung, die im Fernsehen so noch nicht existierte. Und dabei hat man den Eindruck, diese Verfassungen lassen sich nur vorübergehend nieder, sind schon auf dem Sprung, wieder neue Gefilde und Medienräume zu erkunden, wo sie wieder neue Unterformen und Mutationen bilden können: Den mobilen Medienräumen von Handys, MP3-Playern oder mobilen Alleskönnern wie dem iPhone.

Und mit den Verfassungen wandern die Zuschauer, und das bereitet Sorge, insbesondere den Fernsehmachern. Sie beklagen eine immer älter werdende Zuschauerschaft, sinkende Einschaltquoten und einen zunehmenden Verlust der Orientierungsfunktion des Fernsehens. Sie schauen mit einem mulmigen Gefühl auf das Internet, dass echte Interaktivität und durch immer größere Bandbreiten inzwischen ruckelfreie Bewegtbilder liefern kann. Eine Entwicklung, die scheinbar gerade erst richtig begonnen hat und – so die pessimistische Variante – das Fernsehen zu einem aussterbenden Medium macht.

Eigentlich sind Medien aus psychologischer Perspektive so etwas wie Alltagstherapeuten. Sämtliche rheingold-Studien zur Mediennutzung haben immer wieder bestätigt: Medien helfen dabei, die grundlegende, leicht schwelende und kribbelige Unruhe des Tages zu behandeln. Unruhe ist ein Grundzustand unserer Psyche. Wir wollen immer mehr sein als wir sind, und nehmen uns mehr vor, als wir umsetzen können. Medien werden in solchen Situationen im Tageslauf genutzt, in der diese Unruhe deutlicher zu spüren ist als sonst, dies ist i.d.R. dann der Fall, wenn wir zeitliche Freiräume haben. Die Zuschauer schalten den Fernseher ein oder gehen ins Internet gerade dann, wenn Lücken im Tageslauf entstehen, wenn sie sich unbefriedigt oder einsam fühlen oder wenn die kleine Sinnkrise des Tages droht. Die Medien helfen ihnen dabei, diese Unruhe loszuwerden, sie zu dämpfen oder durch Rituale prophylaktisch dafür zu sorgen, dass sie gar nicht erst auftritt. Dabei kann diese psychologische Unruhe-Behandlung ganz unterschiedliche Formen annehmen. Diese Formen sind die Rezeptions- und Nutzungsverfassungen. So suchen sie eine Daily Soap im Fernsehen auf, um in einen entlastenden Leerlauf zu schalten, bummeln durch die farbige Vielfalt der Wirklichkeit, indem sie sich ein Boulevard-Magazin ansehen oder geben sich der packenden Verwandlung durch einen Spielfilm hin. Rezeptionsverfassungen als Formen der Unruhebehandlung. Jedenfalls war das bisher so.

Paradoxerweise scheint die heutige Mediennutzung dieses Prinzip ad absurdum zu führen. Durch das Verfassungs-Wandern und die entstandenen neuen Verfassungen bereiten sich die Menschen genau das, was sie doch eigentlich behandeln wollen: Unruhe. Die Mediennutzung selbst wird vielfältiger, fragmentierter, beweglicher, flimmernder. Permanentes Kommunizieren, Konsumieren und Interagieren schafft eine nie da gewesene Unruhe und Bewegtheit, die den Sinn der Mediennutzung scheinbar pervertiert.

Betrachtet man aber die neuen und 'mutierten' Rezeptions- und Nutzungsverfassungen im Einzelnen, dann stellt man fest, dass sie lediglich neue Formen der Unruhe-Behandlung verkörpern, die sich fundamental vor denen der Fernsehnutzung unterscheiden. Das ‚punktuelle Kitzeln’ ist eine solche neue Verfassung. Sie ist für das Internet prototypisch. In Momenten des Leerlaufs oder auch während ermüdender Tätigkeiten können sich Internetnutzer eine kurzzeitige und relativ konsequenzlose Belebung holen, indem sie kleine Filmchen auf YouTube, MyVideo oder anderen Seiten anklicken. Es handelt sich um eine relativ junge Verfassung, da sie erst durch die Verfügbarkeit vieler kleiner witziger, alberner, peinlicher oder erregender aber immer relativ harmloser Filmschnipsel entstanden ist. Die Nutzer suchen keine Einbindung in einen geschichtlichen Zusammenhang, sondern wie auf der Kirmes lediglich kurz und pointiert mehrere kleine Erregungen. Die  Unruhe des Alltags wird hier nicht stillgelegt und auch nicht abgefackelt, sondern vielmehr in ein harmloses Zischen und Zündeln verwandelt. Nachdem sich die Nutzer 15 bis 20 Minuten dergestalt gekitzelt haben, haben sie auch genug und gehen ihren Alltagsgeschäften weiter nach.

Das ‚Bummeln und Streunen’ ist eine 'Wander-Verfasssung'. Sie ist momentan dabei, vom Fernsehen in das Internet zu wandern und sich dabei zu verändern. Der Fernseh-Zuschauer konnte bzw. kann in Boulevard- oder Themenmagazinen durch die farbige Vielfalt der Wirklichkeit unverbindlich zappen, ohne sich zu sehr auf eine Sache einzulassen. Die Zuschauer werden dabei getrieben von einer Gier nach Klatsch und Tratsch, kleinen und großen Sensationen, nach anrüchigen, komischen, tragischen, anzüglichen oder aufregenden Geschichten. Ein Magazin am Vorabend beispielsweise bietet dem Zuschauer dafür Futter in Form von leicht verdaulichen Zwei-Minuten-Dramen. Dies führt zu einer spürbaren Beruhigung der Zuschauer. Bummeln und Streunen lässt sich auch im Internet, aber anders, denn der Internetnutzer als Regisseur seines eigenen Programms findet keine Vorgaben und keine Rahmung vor, wie es z.B. das Boulevardmagazin tut. Das Bummeln und Streunen im Internet ist grundsätzlich aktiver, bewegter, getriebener, offener, freier, hat eine Tendenz zur Endlosigkeit und ist nicht selten frustrierend, weil man das Gesuchte nicht wirklich gefunden hat. Das Entscheidende dabei: Bummeln im Internet führt meist nicht zu einer spürbaren Beruhigung – dennoch suchen die Nutzer diese Verfassung immer wieder auf, denn es bietet ihnen die Möglichkeit, sich in Momenten besonderer Unruhe eine Zeitlang zu beschäftigen.

Das ‚Abtauchen in Themenwelten’ ist die Mutation einer traditionellen TV-Verfassung: der ‚Stundenexpedition’. Reisemagazine wie Voxtours, Abenteuerberichte oder monothematische Dokumentationen bieten im Fernsehen die Möglichkeit, eine Zeitlang in eine andere, fremde, manchmal exotische Welt einzutauchen. Die Zuschauer können sich durch das Format fesseln und einbinden lassen, ihre Träume, Erinnerungen, Gedanken, Phantasien werden belebt, für eine seelische Stunde sind sie so konzentriert, dass die Unruhe komplett gebunden ist. Anders wiederum im Internet. Auch hier können die Nutzer abtauchen in eine thematische Welt, rund um ihre Lieblingsserie, ihre Musik, ihren Sport oder einem anderen Thema, das sie interessiert oder fasziniert. Durch die inzwischen erreichte Geschwindigkeit des Internets gerät der Nutzer dabei zugleich aber in einen aktiven Nutzungsfluss, in dem er – mit DSL in seelischer Originalgeschwindigkeit - von Link zu Link, von Seite zu Seite klickt. Die stärkere 'Ruhigstellung' dieser Verfassung geht einher mit einer hohen Aktivität und Bewegtheit.

‚Chatten und Networking’ ist eine bei Jugendlichen sehr häufige Nutzungsverfassung des Internets. Das Internet wird als Plattform für die permanente Kommunikation mit den Freunden genutzt. Die simple email ist da auch schon mittlerweile out, man steht im permanenten Kontakt über Chatrooms, Foren, Communities, Instant Messanger, ICQ etc. pp. Eine noch im Jahr 2000 wichtige Fernseh-Verfassung, das ‚Heimelige Plaudern’ ist hierin – zumindest für die junge Zielgruppe - weitestgehend aufgegangen. Noch vor wenigen Jahren wurde die Unruhe, die besonders durch Gefühle von Alleinsein oder Einsamkeit hervorgerufen wurde, über Formate wie VIVA Interaktiv behandelt. Die Rezeption dieser Sendungen verschaffte einem das Gefühl von Geselligkeit, insbesondere am Nachmittag nach der Schule. Heute wird der Rechner hochgefahren und die Messangerprogramme geladen. Auch die älteren Nutzer entdecken – wenn auch erst langsam – die sog. Web 2.0 Angebote wie Foren und Chatrooms als Alternative zu den klassischen Talkshows und Diskussionsrunden im Fernsehen. Durch ständige Erreichbarkeit und Online-Sein, wird bei dieser Nutzungsform vielleicht am stärksten der Unruhe mit Unruhe begegnet. Sie hat aber auch bereits ihre Koffer gepackt und schon das Ticket für die Reise auf die mobilen Medien in der Tasche.

Andere Internet-Verfassungen waren nie an das TV angedockt. Dazu gehören die stärker zweck-rationalen Verfassungen ‚Fragmentarische Nutzung’ und die ‚Nutzung nach Plan’, die einen eher geschäftig-aktiven Anstrich haben. Am anderen Ende des Spektrum gibt es noch das ‚Ausleben von Obsessionen’, wenn sich der Nutzer in der Gewissheit relativer Anonymität einer sexuellen oder anderen Obsession hingibt, aber auch dabei meist in ein wildes und unruhiges Herumklicken gerät. Auch die mobilen Medien werden die Bewegtheit, Aktivität und Unruhe der Mediennutzung nicht verringern, sondern eher weiter vergrößern. Wenn man Spielfilme auch unterwegs gucken kann, wird dies weitere Nutzungsverfassungen hervorbringen und die 'Entropie' der Mediennutzung insgesamt erhöhen.

Die beschriebenen neuen und veränderten Verfassungen offenbaren einen neuen Mechanismus, mit der alltäglichen Unruhe umzugehen. Die Unruhe wird in der Tat mit Unruhe behandelt: Im Vergleich zu den Fernsehverfassungen sind die Nutzer aktiver, bewegter und weniger in ihrer Motorik stillgelegt. Die Verfassungen der Internet-Nutzung und erst recht die der mobilen Medien machen zeitlich unabhängig. Damit gibt es auch keine 'psychologischen Timeslots' mehr, also Tageszeiten, die mit bestimmten Behandlungsformen korrespondieren. Den Nutzern wird schließlich kein Programm serviert, dieses müssen sie erst individuell selbst gestalten. Die neuen Verfassungen sind gewissermaßen weniger gefasst oder gerahmt. Die eine Unruhe scheint nur durch eine andere Unruhe ersetzt zu werden, dennoch findet eine Form der Behandlung dieser Unruhe statt. Wie das?

Möglich wird dies, weil die Unruhe verwandelt wird: Die Menschen verspüren nach wie vor die Unruhe des Tages und des Lebens, sogar mehr denn je. Diese Unruhe fühlt sich unangenehm an, sie kann uns in kleine Krisen stürzen, sie kann auch zu Mord und Totschlag führen. Wir geben ihr über die Internetnutzung ein Feld, auf dem sie sich ihres Stachels beraubt austoben kann. Aus der bedrohlichen und explosiven Unruhe des Tages wird eine harmlose und selbstgenügsame Bewegtheit, bei der die Nutzer mit sich und dem Medium beschäftigt sind. Die Unruhe wird nicht besänftigt sondern beschäftigt. Die Unruhe der Mediennutzung ist dann auch eine andere als die, die sie behandelt: Im Chatten, Kitzeln, Bummeln und Streunen lebt nur noch die blanke seelen-kinetische Energie, die aber keine Kraft mehr hat und keine Umsetzung ins Zahnrad der Wirklichkeit erfährt. Das ist sicher nicht befriedigend, aber wir sind beschäftigt und unsere potentiell umstürzlerischen Kräfte gebannt. Wir sind keine glücklichere Gesellschaft mit unseren Computern und mobilen Alleskönnern, wir spüren aber, sie machen Sinn und wir brauchen sie.

Allerdings bleibt hierbei einiges auf der Strecke: Mal richtig zur Ruhe kommen beispielsweise, ein tief-seufzendes Gefühl von Vertrautheit, Wohlfühlen, Befriedigung, Zuhause-Sein, Momente der Besinnung, das Gefühl, mal etwas anpacken, machen, tun, umsetzen zu wollen – statt nur klicken, kitzeln und Zustände von selbstgenügsamer Bewegtheit und harmlos-unbefriedigender Mediennutzung zu perseverieren.

Genau hier kommt das Fernsehen ins Spiel. Es ist nicht nur grundsätzlich in der Lage, diese Sehnsüchte zu bedienen, die Analyse der wichtigsten 6 TV-Verfassungen zeigen, dass das Fernsehen bereits heute in diesem Sinne genutzt wird! Die ‚Besänftigung’ z.B. ist eine sehr typische und momentan sehr verbreitete TV-Verfassung. Die alltägliche Unruhe wird hierbei nicht nur beschäftigt wie bei der Internetnutung, sondern spürbar besänftigt und beruhigt. Relevant ist dabei inzwischen eine breite Palette an Formaten: Dazu gehören harmonische und weich zeichnende TV-Formate wie einige Soaps und Telenovelas aber auch Dokus und Infotainment – und sogar Nachrichtensendungen! Diese Formate bieten Zeitfenster im Alltag, in denen man sich temporär von den Härten der Realität abschottet, sich beruhigt und sich vergewissert, dass ‚alles nicht so schlimm’ ist. Diese Verfassung verträgt keine ‚bösen Überraschungen’, die Zuschauer brauchen manchmal zwar auch ein kleines bisschen Beunruhigung, dies entspricht in dieser Verfassung aber dem Mechanismus einer psychischen Impfung – die Zuschauer wollen das Unbehagen der Welt latent verspüren, aber mit der Botschaft entlassen werden, dass eigentlich alles gut ist. Genau das gibt es im Internet nicht! Das Internet wird als unzensiertes Total der Möglichkeiten erlebt, als offenen Raum, in dem hinter jedem Klick die beunruhigenden Seiten der Wirklichkeit lauern. Besänftigung ist die Domäne des Fernsehens. Ähnliches gilt für die 'Tranceartigen Zustände'. Wird die Beunruhigung noch stärker verspürt, dann brauchen die Menschen mehr als Besänftigung. Dann suchen sie eine Rezeption auf, die beinahe drogenartige Wirkung hat und sie vorübergehend aus der unliebsamen Realität entführt. Sie sitzen dann wie besinnungslos vor dem Fernseher und tauchen völlig ein in das Geschehen auf dem Bildschirm. Nachher können sie sich kaum erinnern, was sie gesehen haben. Vielfältige Formate können diesen Zustand 'hervorrufen', u.a. Soaps, Dokus oder Musikvideos.

‚Beschützende Vertrautheit’ ist eine weitere Fernseh-typische Form, Unruhe loswerden. Die Zuschauer setzen ihre Unruhe in Nebenbei-Aktivitäten um, das kann ein ungerichtetes Wimmeln und Wuseln in der Wohnung sein, oder aber ein Mini-Werk – wie das Aufräumen eines Zimmers - wenn der Tag selbst als fragmentiert und wuselig erlebt wurde. Das Fernsehen hat weit mehr als nur die Funktion einer Flimmertapete und Geräuschkulisse, es sorgt für ein Gefühl von Bewegung, Unterhaltung, Vertrautheit, Beruhigung – durch vertraute Formate oder vertraute Stimmen. Mit dieser Verfassung macht das Fernsehen dem Radio Konkurrenz. Die Zustände von Besinnung und Besinnlichkeit, die der Zuschauer in der Verfassung ‚Besinnliches Reflektieren’ sucht, entlasten gerade die Menschen, die ihren Alltag als zerstückelt, hektisch und ungerichtet erleben. Die Zuschauer halten für einen Moment inne und fragen sich, wo stehe ich eigentlich, was hatte ich für Träume, was habe ich erreicht, wo will ich noch hin etc. Je nach Format kann diese Besinnung stärker ein besinnlicher Rückblick, ein hoffnungsfroher Ausblick oder ein besinnliches Innehalten sein. Verwandt mit dieser Verfassung ist die ‚Lebens-Schule’, die aber deutlich pragmatischer erscheint, wenn die Zuschauer sich Tipps und Tricks für den Alltag holen. Dies kann auf sehr bewusster Ebene passieren, wenn sich der Zuschauer Koch-, Schmink-, Einrichtungs- oder Bewerbungstipps abholt, oder auf einer mehr subtilen Ebene, wenn man sich in Formaten wie ‚Das perfekte Dinner’ ansieht, wie Menschen miteinander umgehen, was Sympathie und Antipathie erzeugt, und wie man es anstellen könnte, wenn man denn selbst wieder einmal Freunde einladen möchte und dabei ein perfekter Gastgeber zu sein – auch wenn es aus Bequemlichkeitsgründen meist beim virtuellen Durchspielen bleibt.

Schließlich spielt die Verfassung 'Mitsiegen und Mitscheitern' zurzeit eine wichtige Rolle für die Fernsehzuschauer. Formate wie DSDS, Popstars oder GNPM holen die Zuschauer bei ihren Träumen und Sehnsüchten ab, nehmen sie mit auf eine fantastische Reise voller Verwandlungen, um am Ende die große Erfüllung oder das große Scheitern mitzuerleben. Die Zuschauer setzen sich aber mit den Kandidaten einem unerbittlichen Wirklichkeitsabgleich in Form einer Jury aus, die ihnen dabei hilft, ein eigenes Maß zu finden. Die Zuschauer sind dann am Ende oft mit der eigenen Situation ausgesöhnt und zufrieden. In dieser Verfassung wird mit-gefiebert, mit-gelitten, zuweilen mit-geheult. Man schaut entweder alleine und will nicht gestört werden oder veranstaltet eine Art Public Viewing daraus. Hier schafft es das Fernsehen, noch echte Markierungen zu setzen und große Events zu kreieren. Diese Verfassung zieht i.d.R. auch noch weitere Kreise: Sie macht eine komplette Wirkwelt auf, die auch das Internet und andere Medien mit einbezieht.

Diese 6 wichtigsten TV-Verfassungen sind fundamental andere Formen der Unruhe-Behandlung, als es die Verfassungen der anderen hier untersuchten Medien sind. Mithilfe des Fernsehens erreicht der Zuschauer zum einen eine echte Besänftigung, Beschwichtigung und Beruhigung (in den Verfassungen 'Besänftigen', 'Tranceartige Zustände' und 'Beschützende Vertrautheit'). Zum anderen gibt das Fernsehen dem Zuschauer Vor- und Leitbilder, Lebens-Hilfe und hilft dabei, ein Maß für das eigene Können und die eigene Position im Leben zu finden (in den Verfassungen 'Besinnliches Reflektieren', 'Lebens-Schule' und 'Mitsiegen und Mitscheitern'). In diesen Kern-Verfassungen sind zugleich die derzeitigen und künftigen Kern-Werte des Fernsehens verkörpert. Indem es auf diese Verfassungen und Grundfunktionen setzt, macht es ein für die Mediennutzer eindeutiges Verfassungs- und Behandlungsangebot – und steht damit einzigartig im Vergleich zu den anderen Medien dar. Zentral aber ist: Das Fernsehen setzt damit an den Sehnsüchten der Menschen an, die im Zuge der Digitalisierung und Entwicklungen in der Medienlandschaft entstanden sind, und die mit dem weiteren Fortschritt noch zunehmen werden: Die Antwort des Fernsehens auf das iPhone sollten neue Angebote zur Besinnung sein. Wenn diese Chance konsequent genutzt wird, dann wird das Fernsehen noch lange nicht sterben, sondern sich im Gegenteil zum neuen Leitmedium aufschwingen.

Für die konkrete Umsetzung müssen die Verfassungen auf die entsprechenden Formate übersetzt werden. Verschiedene Formate können die gleiche Verfassung bedienen, ebenso kann ein und dasselbe Genre je nach Machart ganz unterschiedliche Verfassungen ansprechen.

Eine TV-Nachrichtensendung kann der ‚Besänftigung’ dienen, während das Online-Nachrichtenmagazin das ‚Bummeln und Streunen’ bedient. Im ersten Fall wird die Unruhe des Tages besänftigt, im zweiten nur beschäftigt. Deswegen sind Nachrichten-Magazine im Internet selten eine Konkurrenz zu TV-Nachrichtensendungen. Welche Formate welche Verfassung bedienen, und ob neue oder bestehende Formate die neue Grundfunktion des Fernsehens stärken, lässt sich nicht pauschal angeben, sondern muss im Einzelfall immer empirisch ermittelt werden. Der Verfassungsansatz bietet dazu das theoretische wie praktische Rüstzeug.

Der Text "Totgesagte leben länger" von Dipl. Psychologe Michael Schütz wurde veröffentlicht im Fachmagazin "Planung und Analyse".

 

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