Unter Geiern - Motivforschung bei Autobahnplakaten
Unter Geiern - Motivforschung bei Autobahnplakaten
12.07.2005

Nicht jedes Autobahnplakat zeigt die gewünschte Wirkung: "Abstand halber Tacho" als belehrender Slogan erinnert an Fahrschulzeiten und gilt aus der Sicht der Autofahrer höchstens für Anfänger.

Das Fließen im Verkehrsstrom der Autobahnen wird von Fahrern als hochbrisant, lebensgefährlich und abenteuerlich erlebt. Eine falsche Reaktion kann das Leben kosten. Es ist eine Zuspitzung des normalen Alltags, der die Möglichkeit des Todes weitgehend verdrängt hat: Beim Fahren auf der Autobahn gewinnt das Schicksal eine neue Qualität, da man es mit dem Lenkrad selbst in der Hand hält. Das erzeugt Furcht, aber auch bereichernden Nervenkitzel. Doch beim Autobahnfahren dominiert auch die Monotonie des grauen Bandes: gleich bleibende Geschwindigkeit, wenig Abwechslung entlang der Strecke, Langeweile.

Autofahrer bewältigen diese psychologischen Gegebenheiten mit zwei unterschiedlichen Fahrstilen: Zurückhaltende Fahrer erdulden die Gefahren und fordern das Schicksal nicht heraus. Regeln und Gebote geben ihnen Sicherheit und vermindern die Lebensgefahr.

Anders der risikobereite Fahrer, der Gefahren aktiv bekämpft und den schwierige Verkehrs-Situationen geradezu herausfordern. Durch die Dramatik seines Handelns, des Geschwindigkeitsrausches und der Suche nach Grenzerfahrungen entgeht er der Lebensgefahr und Eintönigkeit. Er vergewissert sich seiner eigenen Vitalität und Lebendigkeit - und er erhöht das Verkehrsrisiko für sich und andere. Auf diesen Fahrstil muss die Verkehrssicherheitsarbeit sensibilisierend einwirken und Handlungsalternativen aufzeigen: Diese Fahrer suchen bei Autobahnplakaten Anhaltspunkte, um der Monotonie und der Regelmäßigkeit des Autobahnfahrens zu entkommen. Die Motive müssen eine Belebung und eine Bereicherung darstellen und in eine spannend-produktive Verwicklung führen.

Ob konservativ-belehrend, schockierend oder witzig: Wichtig ist bei der Gestaltung von Autobahnplakaten, dass sie einerseits den Fahrer in seinen unangemessenen Einstellungen destabilisieren, aber andererseits auch die Möglichkeit eröffnen, eigenverantwortliche Handlungsalternativen zu entwickeln.

Das aktuelle Plakat "Hallo Raser, wir warten" erfüllt diese Kriterien musterhaft: Das Motiv lässt Bedrohungen spüren und führt zu intensiven Auseinandersetzungen: Du hast es selbst in der Hand, ob du dich den Geiern zum Fraß vorwirfst. Durch Überdenken des eigenen Fahrstils werden viele Handlungsalternativen entwickelt - ein Appell, aktiv das Fahr-Schicksal zu meistern, ohne dabei unnötige Risiken einzugehen.

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