Von Aufmotzern und Kapitänen
Von Aufmotzern und Kapitänen
12.07.2005

Der Straßenverkehr ist die letzte sozialistische Bastion in unserem Alltag: Vor der Ampel oder im Stau sind alle gleich. Angesichts der Straßenverkehrsordnung nivellieren sich berufliche Positionen, Einkommen und Bildung weitgehend. Dieses Egalitäts-Prinzip des Verkehrs hat eine entlastende Funktion: Wir können in den gleichförmigen Strom abtauchen und zu einem kleinen, namenlos-popelnden Teil einer umfassenden Blechlawine werden.

Viele Autofahrer versuchen jedoch, dieser Egalität zu entkommen, indem sie sich im Verkehr über die Automarke oder den persönlichen Fahrstil abheben beziehungsweise profilieren. Das Auto wird zum mobilen Blechkleid und die Straße zum Laufsteg, auf dem wir zeigen wollen, wer wir sind und worauf wir abfahren.

Vor allem der Stilist folgt dem Motto "Sehen und gesehen werden". Ihm kommt es auf die Ausgefallenheit seines Wagens an. Egal, ob es sich um einen kostspieligen Oldtimer, einen original Army-Jeep oder einen mit Graffitis geschmückten Käfer handelt: Er ist sich auf allen deutschen Prachtstraßen der Blicke der anderen Verkehrs- teilnehmer sicher. Sein Fahrstil ist sorgsam, da er keine Schramme riskieren will.

Auch dem Aufmotzer ist es wichtig, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der jüngere, tendenziell männliche Verkehrsteilnehmer folgt dem Prinzip des "Aufdrehens": Mit aufgedrehter Musikanlage und quietschenden Reifen legt er Wert darauf, seine Potenz unter Beweis zu stellen - auch oder gerade, weil er im "wirklichen" Leben nicht immer auf der Überholspur fährt.

Von der großen Masse hebt sich auch der First-Class-Fahrer ab: Nur ungern teilt er mit dem "gemeinen" Volk die Straße, lieber pocht er auf seine "eingebaute Vorfahrt". In seinem teuren und mit Handy oder Fax gut ausgerüstetem Status-Wagen kann der Streß-Manager zeigen, daß er es zu etwas gebracht hat. Ob er nur wichtig tut oder Wichtiges tut, beides jedenfalls könnte sich hinter seiner ständig Zeitnot signalisierenden Fahrweise verstecken.

Der Kapitän läßt es demgegenüber schon deutlich gelassener angehen. Auf hohe PS-Zahlen möchte er zwar nicht verzichten, aber Souveränität heißt bei ihm: Ich kann, wenn ich will, aber ich muß nicht (mehr). Im Gegensatz zu den "jungen Wilden", für die er väterliches Verständnis aufbringt, zeigt er durch seinen gekonnt beherrschten Fahrstil, daß er sich bereits ausgetobt hat.

Der Vermittlungskünstler betont mit seinen geräumigen Vans Produktivität und Fruchtbarkeit in jeder Hinsicht: Er hat es beruflich zu etwas gebracht, erfreut sich einer kleinen Kinderschar und findet in seinem Alltag (und geräumigem Wagen) auch noch Platz für viele Hobbys. Ausgeglichenheit und Harmoniebedürfnis kommen auch in seinem Fahrstil zum Ausdruck.

Eine das Straßenbild belebende (tendenziell) weibliche Variante stellen die Wendigen dar. Die Wendigkeit ihrer Kleinwagen korrespondiert mit der Wendigkeit ihrer Fahrweise: Häufiges Spurwechseln und der Einsatz von bestechendem Charme garantieren ein flüssiges Vorwärtskommen, auch ohne große PS-Zahl.

Ein weniger "liebevolles" Verhältnis zu seinem Fahrzeug charakterisiert den Pragmatiker. Er hält es gut aus, im Einheitsstrom mit vielen Gleichgesinnten unauffällig mitzuschwimmen. Autoliebhaber sind ihm suspekt, und betont wird, daß das Auto Mittel zum Zweck sein soll.

Eine Steigerung in puncto Anpassung stellt der Rechtschaffen(d)e dar. Er gebärdet sich als Unschuldslamm, das nirgendwo anecken möchte, und ist stolz darauf, noch nie einen Strafzettel bekommen zu haben. Sein oberstes Gebot ist das "Spuren": Er befolgt alle Verkehrsregeln und braucht Regeln und Begrenzungen, die er auch benutzt, um andere zur Räson zu bringen.

Um so erstaunlicher ist, daß dieser Regelbefolger nicht immer auch der sicherste Autofahrer ist. Schon in früheren rheingold-Studien stellte sich nämlich heraus: Sicher fahren die "seelisch Mobilen". Vorbildlich sind in dieser Hinsicht die Kapitäne, die Wendigen und die Vermittlungskünstler. Sie haben es am wenigsten nötig, mit ihrem Auto und ihrem Fahrstil etwas zu demonstrieren, und können so am mobilsten auf die Wechselfälle des Straßenverkehrs reagieren.

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