Was ist wirklich wichtig?
27.09.2007

Die Frage nach dem wirklich Wichtigen und Wertvollen im Leben  ist auf endgültige, einfache Antworten aus. Idealer weise ließen sich diese auch noch prozentual darstellen: 80% finden z,B, Vertrauen, Familie oder Glück erstrebenswert. Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings oft heraus, dass solche Messungen wenig über die Befindlichkeiten in Deutschland aussagen. Die Ergebnisse solcher Befragungen zur Kenntnis nehmend, bleibt ein schales Gefühl zurück. Natürlich ist davon nichts richtig falsch – aber ist es wirklich wichtig? 

Bezieht man sich ausschließlich auf die Statistiken, hat sich Deutschland in den letzten Jahren  nicht verändert. Die Ergebnisse quantitativer Erhebungen rund um die Werte und Einstellungen der Deutschen differieren nur marginal. Tiefenpsychologische Analysen zeigen jedoch deutlich, wie sicher sich die allermeisten Menschen sind, dass sich gerade in der letzten Zeit etwas bewegt hat. Allein: Spiegeln können die quantitativen Befragungen das kaum. Familie und Gesundheit kursieren seit eh und je auf den Ranglisten weit oben, während Geld und Erfolg generell als eher weniger glücklich machend gelten. Das ist nicht weiter verwunderlich: Denn erstens glauben die meisten Menschen natürlich wirklich, dass Geld  zumindest allein nicht glücklich macht. Und zweitens sind solche Antworten sozial erwünscht. Wir möchten vor anderen nicht schlecht dastehen. Anonymisierte Fragebögen legen jedoch nahe, dass sozial verträgliche Antworten selten allein für die Außenwelt gegeben werden. Kaum jemand kann rein eigennützige Neigungen als wichtigste Züge seines eigenen Charakters zugeben oder will sich selbst als ‚Egosau’ sehen. Menschen halten sich meist für freundlicher als sie tatsächlich sind. 

Deutschland konnte sich vor dem Hintergrund solcher Erhebungen gar nicht verändern. Denn in regelmäßigen Befragungen werden beständig die gleichen Parameter und Faktoren abgefragt. Das ist um der Vergleichbarkeit willen methodisch sauber. Notgedrungen liefert diese vermeintliche Vergleichbarkeit häufig ganz ähnliche Ergebnisse. Natürlich kann  die Zustimmung zu den jeweiligen Parametern prozentual variieren und so wären dann Veränderungen messbar. Das gelingt aber nur, wenn die abgefragten Werte den tatsächlichen Befindlichkeiten der Menschen entsprechen. Ist dies nicht der Fall, entsteht ein Artefact. Die Menschen wählen dann Werte, die ihren momentanen Verfassungen irgendwie nahe kommen – sie aber nicht genau kennzeichnen und somit eine Veränderung nicht messen können. Es ist daher in der Tat nicht ganz einfach, zu ermitteln, was den Menschen wirklich wichtig ist.

Auffallend ist auch: Das was auf den ersten Blick Menschen wirklich Spaß macht: Fußball, einen Trinken gehen, Sex, Shoppen etc.  findet sich in den Befragungen erst gar nicht. Sei es zu banal oder zu wenig abstrakt. In tiefenpsychologischen Befragungen kommen aber auch solche Dinge zur Sprache.

Die Menschen fühlen, denken und erleben heute anders als vor 10 Jahren. Lang bevor von Aufschwung die Rede war, hatte sich die Stimmung in den Tiefeninterviews verändert. Das erste Mal stellten wir das deutschlandweit nach dem 11. September fest. Das zweite Mal während und nach der WM in Deutschland.

Wie kam dieser Stimmungswandel zustande? Was ist anders als vor ein paar Jahren? Und was ist den Deutschen denn nun wirklich wichtig? Bevor wir auf den Stimmungswandel eingehen, widmen wir uns noch einmal der Ausgangsfrage:  Wirk-lich ist  für Menschen zunächst etwas, das wirkt und Aus-wirkungen auf ihr Leben hat. Wichtig ist, was im aktuellen Zusammenhang  relevant  und bedeutungsvoll ist. Dass es dabei keine einheitlichen Definitionen von Werten wie Familie, Partnerschaft und ähnlichem gibt, lässt sich an einfachen Beispielen darstellen. Je nach Zusammenhang – sei er nun kulturell oder situativ – bedeutet Gesundheit etwas anderes. So wird unsere Großmutter genauso antworten, dass sie wert auf gesunde Ernährung legt wie die heutige junge Frau. Aber für die eine ist das Fleisch mit durchgekochtem Gemüse, Kartoffen und reichlich Soße, für die andere ein Salat mit leichtem Dressing und  Fisch. Eine allgemeine Frage nach Gesundheit sagt wenig  darüber aus, was die Menschen darunter verstehen. Sie sagt noch weniger darüber aus, wie ein solcher ‚Wert’ in der Gesellschaft oder besser im Alltag der Menschen verankert ist. Wenn viele Menschen Familie für ‚wichtig’ halten, bedeutet es dann, dass sie viel Zeit mit der Familie verbringen, dass sie eine Familie möchten, um eine gute Rückendeckung für ihre Karriere zu haben oder bedeutet es schlicht die Sehnsucht nach einer Familie, da man keine hat oder die eigene nicht in Takt ist? 

Zentral aus Sicht der tiefenpsychologischen Forschung ist die Erkenntnis, dass sich Relevantes und Bedeutungsvolles je nach Kontext und Verfassung für die Menschen verändert. Wenn man abends mit Freunden ein Bier trinkt, spielt das Thema Gesundheit nach dem 7. oder 8. Bier  nur eine sehr untergeordnete Rolle. Trotzdem geht man vielleicht am nächsten Tag joggen und achtet auf  gesunde Kost. Bei einem Fußballspiel kann man leicht seine gute Erziehung  vergessen. Es wird geflucht, was das Zeug hält. Deswegen wird man in anderen Zusammenhängen noch lange nicht immer ein Mensch sein, der mit Gebrüll zum Sieg möchte. Bei einem Bewerbungsgespräch mag ein passables Outfit wichtig sein, auch wenn ansonsten über Äußerlichkeiten die Nase gerümpft wird bzw. Erfolg und Geld als weniger wichtig eingeordnet werden.

Kann man also was wirklich wichtig ist allgemein und generell nicht beantworten? Im Sinne von übergeordneten Werten und eindeutigen Definitionen eher nicht. Kontextbezogen verhalten Menschen sich sogar entgegen ihrer geäußerten Wertvorstellungen  – und in den allermeisten Zusammenhängen ist das wie oben gesehen nicht einmal verwerflich.

Dennoch gibt es aber Themen, die den Menschen in einer Kultur wichtiger sind als andere. Solche thematische Valenzen sind Themen, die unbewusst oder im Hintergrund mitbewegt werden und für die jeweilige Zeit  besonders relevant sind. Themen, die die Menschen besonders beschäftigen und berühren. Sie können nicht immer ‚aktiv’ benannt werden, werden aber ausführlichen Tiefeninterviews deutlich. Durch einschneidende kulturelle Ereignisse wie z.B. den Mauerfall, den 11. September oder die WM können sich die relevanten Themen für die Menschen verändern.

Was berührt die Menschen heute besonders? Welches sind die kulturell relevanten Valenzen? Um das zu verstehen, muss man einen kurzen Blick auf die Profilierungssehnsucht der 90er Jahre werfen. Unsere Individualisierungwünsche beschäftigten uns so sehr, dass wir die Welt um uns herum eine Zeit lang vergessen haben. Wir haben uns zwar immer wieder beklagt über Werteverluste, Verfall der Sitten und mangelnde Bindungsfähigkeit, aber wirklich geändert haben wir nichts. Vielmehr haben wir die ‚Spaßgesellschaft‘ genossen.

Der 11. September läutete das Ende dieser Zeit ein. Vordergründig verhielten wir uns im Alltag zunächst zwar kaum anders. Aber die Atmosphäre und das Gefühl der Menschen hatte sich verändert: Wir stiegen in die Straßenbahn – wahlweise ins Flugzeug – und wurden zumindest von leisen Angstgefühlen beschlichen, wenn  Menschen offensichtlich moslemischen Glaubens einstiegen. Das Gefühl der Angst war zunächst nicht konkret. Unsere täglichen Verrichtungen wurden kaum beeinflusst.

Die Terroranschläge haben jedoch aus heutiger Sicht die Psyche der Menschen nachhaltig beeinflusst und das Vertrauen in eine allzu selbstverständliche Spaßgesellschaft erschüttert. Die Menschen merkten plötzlich, dass es doch noch etwas ‚Wertvolles‘ gibt: Das Leben selbst! Denn Sätze wie: ‚Ihr liebt das Leben, wir den Tod’ gingen uns durch Mark und Bein. Unser Leben wollen wir nicht verlieren.

Die Individualisierungs- und Profilierungstendenzen der Menschen wichen einer Besinnung auf das Wesentliche. Dieses Wesentliche ist in den Augen fast aller Befragten: Das Leben und – man wagt es fast nicht auszuschreiben: die Liebe!

Inzwischen haben diese neuen wichtigen Gefühle Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Ohne genau zu wissen, warum sie das tun, bewerten Menschen nicht nur Menschen, sondern auch Unternehmen, Produkte, Werbung und Marken danach, ob sich hier ein genereller Respekt vor dem Leben findet. Deswegen sind nun Themen wie Bio, Wellness, aber auch Gesundheit  auf dem Vormarsch. Bioprodukte werden heute nicht mehr nur von einigen verkniffenen Asketen gekauft, sondern haben realiter Einzug in den Alltag vieler Menschen gefunden. Sie drücken auf besondere Weise aus, dass man das Leben zu schätzen weiß. Es ist ebenfalls ein Ausdruck für die Wertschätzung des Lebens, dass Menschen zunehmend auf Nachhaltigkeit  oder Klimaschutz achten. Was viele Aufklärungsversuche der ewigen Aktivisten nicht fertig brachten, der 11. September und die WM haben es geschafft.

In der Tat lassen sich beide Ereignisse bezogen auf die kulturrelevanten Themen in einem Zusammenhang sehen. Für den Blick auf das Wesentliche – das Leben und die Liebe -  waren die Terroranschläge verantwortlich. Mit der WM in Deutschland haben die Deutschen dann noch einen zusätzlichen Dreh bekommen: Sie hat den neuen Werten einen optimistischen Anstrich gegeben und sie von ihrer ‚Schwere’ befreit. Für  Deutschland ist es eher ungewöhnlich, das Leben nicht nur wert zu schätzen, sondern sogar Freude daran zu entwickeln. Die Deutschen blicken heute sogar optimistischer in die Zukunft als zu Zeiten der Spaßgesellschaft.

Jenseits der quantitativen Messungen entwickelt sich die Kultur und das Wirklich Wichtige für die Menschen in Abhängigkeit von einschneidenden Ereignissen. Das Wirklich Wichtige ist nicht nur im situativen Sinne sondern auch im kulturellen Sinne immer kontextbezogen. Es lässt sich eher in ausführlichen Befragungen erfassen als in einfachen Parametern. Und das Wesentliche sind meist nur ein oder zwei Dinge die allem anderen  - wie Familie und Gesundheit – erst den eigentlichen einen Sinn geben – wie das Leben und die Liebe. Es lässt sich kaum  in 50 Parametern abbilden.

 

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