Weck den Ludolf in Dir - Die Analyse einer etwas anderen Sendung im TV-Spartensender DMax.
Weck den Ludolf in Dir - Die Analyse einer etwas anderen Sendung im TV-Spartensender DMax.
10.01.2008

Der kleine Spartensender DMAX (Eigenwerbung: Für die tollsten Menschen der Welt: Männer) sendet regelmäßig Folgen der Serie ‚Die Ludolfs – 4 Brüder auf’m Schrottplatz’. An Neujahr sogar ein 24stündiges Special. Es ist zu vermuten, dass die Verantwortlichen wussten, was und warum sie das tun. Dem Zuschauer bleibt, sich selbst ein Bild zu machen, die Nation staunt.

Jede der Folgen handelt von den Aktivitäten eines Brüderquartetts aus dem relativ unbekannten Örtchen Dernbach im Westerwald – höchstens Viel-Befahrern der A3 als ‚Dernbacher Dreieck’ nahe dem Rasthof Limburg ein Begriff. Die Brüder zwischen ca. 44 und 55 Jahren – allesamt und allezeit in ölverschmierter Arbeitskluft – betreiben dort eine offenbar ganz einträgliche Altauto-Verwertung. In gängiger Sprache: einen Schrottplatz. Dieser besteht aus einem mit alten Autowracks zugestellten Außenbereich sowie einer geräumigen Halle, in der sich die Ergebnisse von Tausenden erfolgreichen Ausschlachtungen als Einzelteile bis zur hohen Decke stapeln. Geordnet sind diese nach einem System, welches der zweitjüngste der Brüder, der beleibte Peter, seit 35 Jahren als ‚Haufenprinzip’ pflegt und so perfektioniert hat, dass selbst die kleinsten und unscheinbarsten Teile aus dem 5-Millionen-Stück-Gebirge nach kürzester Zeit von ihm gefunden und für ehrliche Preise (die offenbar stets zwischen 5 und 50 Euro liegen) an die Kundschaft gebracht werden.

Verkauft werden die Artefakte vom Bruder Günther, einem phlegmatischen Melancholiker, der in seinem ‚Büro’ (einer Art Müllhalde mit Ess-Gruppe) das Telefon bewacht, Laufkundschaft an der Tür bedient und ansonsten seine aktiveren Brüder bei deren Unternehmungen beobachtet und kommentierend (‚Na ja!’) begleitet.

Im Zentrum der meisten Folgen stehen die beiden ‚Eckbrüder’ Manni (jüngster) und Uwe (ältester). Diese beiden Aktiv-Posten sind die eigentlichen ‚Schlachter’ der verblichenen Blechträume, welche während ihrer Arbeit immer wieder neue, unterhaltsame Ideen entwickeln: welches Altauto hat (noch) die bessere Straßenlage, das größere Beschleunigungs-Potenzial oder welches fährt am längsten ohne Öl und Kühlwasser.

Meist endet eine Folge auf einem alten Flugplatzgelände oder in einer Kiesgrube, wo die drei Brüder (ohne den Stubenhocker Günther) durch ein Rennen oder einen Hindernisparcours ihre Wetten als Wettbewerb austragen – der dicke Peter als Schiedsrichter, die beiden Spaßvögel als Kontrahenten.

Soweit in aller Kürze das eher dünne Gerüst jeder Folge. Zum Personal der Serie gehören neben den diversen Tür-Kunden von Zeit zu Zeit weitere Familienmitglieder: Uwe ist verheiratet und hat Kinder, die Schwester Sabine besorgt die Einkäufe der Brüder und die verstorbenen Eltern der Geschwister sind auf dem nahen Friedhof sozusagen immer ‚im Geiste’ mit von der Partie.

Was nun in aller Welt reitet einen Sender, diese bizzare Konstellation von Freaks aus dem Wiederverwertungs-Business zum Zentrum ihres gesamten Sende-Angebots am Neujahrstag zu machen? Und was macht offenbar den Zuschauern, die das Angebot annehmen, Spaß an der Teilhabe? Ist es Häme, Spott und das Gefühl der eigenen Überlegenheit angesichts der offenbar sehr bescheidenen Arbeits- und Wohnverhältnisse (Manni und Peter bewohnen die Familien-Halde, während Günther und Uwe jeden Morgen um Punkt 9 ihre Plätze einnehmen)? Amüsiert man sich über die täglichen Kabbeleien der Brüder und ihren oftmals vergeblichen Kampf gegen die deutsche Sprache und ihre verzwickte Grammatik oder schwer verständliche Fremdworte (‚Beige ist so eine Art von Beesch’). Bemitleidet man die Brüderschar um die etwas sonderbaren Koch-Experimente von Peter? Der zitiert gerne den Automobilen Tagesfavoriten (einen Volvo, einen Jaguar, einen Citroen) mit einer kulinarischen Hommage: ‚Der Engländer und seine Fish+Chips’.

Oder ist es etwas ganz anderes, was die Ludolfs gerade zur besinnlichen Weihnachtszeit zu Kultfiguren einer (wachsenden?) Fangemeinde werden lässt – nämlich ihre zutiefst menschliche und grundehrliche, von allem Dünkel und Schein-Kultiviertheit absehende Lebens-Art? Eine Authentizität, die uns vor allem beim TV-Konsum vor lauter Superstars-Sucherei, Auswanderer-Besessenheit, Comedy-Tsunami, Talkshow-Sprechdurchfall und Schein-Reality so schmerzhaft verloren gegangen ist.

Die Ludolfs setzen da einen entschiedenen Kontrapunkt: Sie leben, wo andere nur etwas vor-spielen. Sie spielen, wo andere nur verbissen arbeiten. Sie setzen ihre Gedanken und Ideen in Taten um, wo andere nur schwadronieren oder theoretisieren. Sie reflektieren über den Sinn des Lebens, in dem sie herausarbeiten, was wirklich zählt: Mitfühlen, Zusammenhalten, Freude teilen usw.

Und wir freuen uns als staunende Betrachter über

-         ihre Ignoranz darüber, wie sie aussehen und auf andere wirken könnten (nur Manni kehrt ab und zu den ‚feinen Kerl’ raus, was aber auch irgendwie komisch wirkt).

-         ihren Spieltrieb, bei dem nicht selten Autos auf lustvolle Art erst noch mal aufgepeppt und anschließend umso radikaler exekutiert werden.

-         ihre kleinen Streits und Zwistigkeiten, welche sie kreativ in Wettbewerben, kleinen Streichen oder witzigen Dialogen austragen und schließlich überwinden.

-         ihre Bemühungen, die Welt auf ihre Ludolfsche Weise zu verstehen oder experimentell zu ergründen (ein Ökotest mit einem radikal erleichterten Polo endet mit der Erkenntnis: gut für die Umwelt [weil ca. 10% weniger Spritverbrauch], schlecht für den Menschen [weil Grippegefahr wegen fehlender Windschutzscheibe]).

Den Ludolfs bei ihrem (all-)täglichen Treiben zuzuschauen, macht einfach Spaß. Sie leben tatsächlich ihren (und auch unseren) Traum vom nicht-entfremdeten Leben, von der erstrebenswerten Aufhebung zwischen privater Existenz und lebensnotwendiger Erwerbsarbeit. Sie demonstrieren uns den Zusammenhang zwischen Spiel, Leben, Arbeit, dem Sinn von allem, den wichtigen und richtigen Werten sowie der Dialektik zwischen Destruktion und konstruktiver und erfüllter Lebensweise.

Sie leben mitten unter uns den sprichwörtlichen Traum von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Sie holen für uns den Lebens-Sinn aus dem Medienschrott, den uns die etablierten Sender und Formate seit langer Zeit zu riesigen Haufen aufgetürmt haben.

Statt die Ludolfs wegen mancher Unzulänglichkeit in Bereichen der Hygiene, Wohnraum-Gestaltung oder Sprachgebrauch zu verspotten, sollten wir ihnen freundlich und aufrichtig danken und sie hochleben lassen. Zugleich sollten wir sie davor bewahren, dass sie ihre beneidenswerte Unschuld und Unbedarftheit verlieren und zu ‚Medienstars’ mutieren. Das wäre ihr Ende!

Und man sollte auch die Verantwortlichen von DMAX einmal loben und herzlich drücken. Welcher Instinkt! Welches Vertrauen in die Kraft des Wirklichen und Wahrhaftigen! Wieso wird ihnen eigentlich kein Preis verliehen? Wieso gehen die einschlägigen Ehrungen immer an die ewig gleichen Mario Barths, Hape Kerkelings und Gabi Kösters? Also Leute, die höchstens (mal schlecht, mal besser) spielen, was die Ludolfs ganz ungekünstelt einfach sind. Nämlich Menschen wie Du und Ich!

© 2015 rheingold