Wie macht die Stadt Familien glücklich?
Wie macht die Stadt Familien glücklich?
01.09.2014
Was macht Familien in der Stadt glücklich? Was gehört für Paare mit Kindern zum Familienglück dazu? Warum bleiben Familien in der Stadt? Und welche Rolle spielt das Familienglück überhaupt? Wodurch wird es beeinträchtigt? In einer groß angelegten Studie hat das Kölner rheingold-Institut auf Initiative der Deutschen Reihenhaus AG jetzt untersucht, ob und wenn ja warum junge Familien gerne in der Stadt bleiben. Und welche Faktoren bei der Wohnungs- bzw. Haus-Suche im urbanen Umfeld eine Rolle spielen?

Das Familienglück ist sehr labil

Familienglück ist kein konstanter Zustand sondern muss immer wieder neu hergestellt werden. Die Befragten erleben das Glück nicht als feste Größe, sondern als flüchtiges Phänomen, für das sie immer wieder etwas tun müssen. Dabei beziehen die Eltern ihre Kinder durchaus in den Wunsch nach Glück mit ein, auch die Kleinen sollen sich wohl fühlen, mit ihrer eigenen Situation glücklich sein.

„Wichtig ist die Wechselwirkung zwischen dem individuellen Glück eines jeden einzelnen Familienmitglieds und dem kollektiven Glück der Familie insgesamt“, erklärt Stephan Grünewald, Dipl. Psychologe und Geschäftsführer des rheingold instituts. Für die Probanden ist das eine eng mit dem anderen verbunden, ja sogar gegenseitige Voraussetzung, das Familienglück konstituiert sich quasi aus dem Einzel- und dem Kollektivglück. Und dies ist durchaus eng mit der aktuellen Wohnsituation und dem Wohnwunsch der in einem Haushalt lebenden Familienmitglieder verbunden.

Ein Wohnviertel in dem man sich sicher fühlt, eine gute Verkehrsanbindung und eine nette Nachbarschaft – diese drei Faktoren zählen für junge Familien zu den Hauptkriterien, bei der Suche nach einem Haus oder einer Wohnung in der Stadt. Hinzu kommen die Größe der Wohnfläche, die ruhige aber trotzdem städtische Lage und die individuelle Gestaltungsmöglichkeit des eigenen Wohnraums. Diese auf den ersten Blick banal erscheinenden und auch altbekannten Voraussetzungen sind jedoch in einem größeren psychologischen Zusammenhang einzuordnen und zu verstehen.

Die tiefenpsychologische Studie, in der 52 ausgewählte Probanden in je zweistündigen Interviews von Diplom-Psychologen befragt wurden, wurde durch eine Online-Befragung von 500 Frauen und Männern ergänzt. Alle Befragten wohnten in Städten mit mindestens 100.000 Einwohnern und in einem Haushalt mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren zusammen. Nur so konnte herausgefunden werden, welche Faszination Städte auf Familien ausüben und worin genau der Reiz des Lebens in der Stadt liegt.

„Harte“ und „weiche“ Argumente für die Stadt

Auf der Suche nach dem Glück nimmt der eigene Wohnraum also eine große Rolle ein. Besonders für junge Familien haben die unterschiedlichsten Faktoren Einfluss auf die Wohnform und den Wohnort. Bei der Studie stellte sich heraus, dass vor allem Erwachsene, die bereits selbst als Kind in einer Stadt aufgewachsen sind, auch für ihre eigene Familie die Stadt als idealen Wohnort bevorzugen. Zwar werden auch kritische Faktoren des Stadtlebens durchaus nicht ausgeblendet - so zählten für die Befragten das hohe Verkehrsaufkommen und der Parkplatzmangel (je 67 % der Befragten) und die Kriminalität (48 % der Befragten) zu den Nachteilen des Stadtlebens. Doch überwiegen unter dem Strich die Argumente für ein Familienglück in der Stadt.

Die in der Stadt gegebenen, zahlreichen unterschiedlichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung für jedes Familienmitglied (80 %), gute Möglichkeiten, die Paarbeziehung zu pflegen (60 %), die erlebte Dynamik und Lebendigkeit der Stadt (56 %) und die empfundene Inspiration und Anregung, die von einer Stadt ausgehen (54 %) wurden als „weiche“ Argumente für das Stadtleben am deutlichsten hervorgehoben.

Diese quantitativen Ergebnisse lassen sich auch tiefenpsychologisch erklären. Sie sind Ausdruck eines aktuellen Lebensbildes, in dem Multioptionalität ein ganz wesentliches Merkmal unserer Zeit ist. Anders als noch Generationen zuvor, erleben wir heute eine schier unüberschaubare Vielfalt von Möglichkeiten sowohl im Job als auch in unserer Freizeit. Im digitalen Zeitalter switchen wir von Option zu Option, klicken uns durch die Unendlichkeit des Internets und leben in einem rastlosen Hamsterrad, immer auf der Suche nach dem noch größeren Kick. Alles das, um ja nichts zu verpassen, immer und überall dabei zu sein. Die Stadt bietet uns dabei eine multifunktionale Spielwiese.

„Da ist immer was los, da kann ich jederzeit vor die Tür gehen und was erleben“

Dem zur Seite stehen für die Familien als Argumente für die Stadt die „harten“ Fakten wie die Nähe zum Arbeitsplatz (40 %), die gute Erreichbarkeit von Geschäften und Supermärkten (42 %), kurze Wege für die Kinder zu Schule und Kindergarten (46 %) und die gute Taktung und Erreichbarkeit des Öffentlichen Personennahverkehrs (52 %). Überraschend wurden das große Gastronomie- und Freizeitangebot, Kultur- und Sport-Veranstaltungen oder Shoppingmalls nur recht selten als Faktoren für ein Leben in der Stadt genannt (jeweils unter 10 Prozent).

„Die Kinder können früher selbstständig sein in der Stadt und sind nicht auf die Eltern als Taxi angewiesen.“

Ambivalenz der Stadt

Das Leben in der Stadt wird von den jungen Familien durchaus auch als ambivalent erlebt. So sehen sie die Verlockungen der Stadt nicht immer nur positiv, sondern auch als anstrengende Multioptionalität, gegen deren unentwegte Verführung sie bestehen bzw. angehen müssen. Die Familien sehnen sich nach einem Rückzugsort, nach Orientierung, nach Halt. So sind die Verlockungen der Stadt Chancen und Bedrohungen des Familienglücks zugleich. Aufgrund dessen wird der familiäre Rückzugsort als materielle Verortung des fragilen Familienglücks fast heilig und immens schützenswert verteidigt Die ganz realen Tatsachen, dass z. B. Kinder in der Stadt eher und schneller mit den negativen Seiten dieser Welt konfrontiert werden (Armut, Kriminalität, etc.), ist den Eltern durchaus bewusst.

Das Thema Sicherheit steht ganz oben

Das Erleben von Sicherheit wird von den Stadtbewohnern sehr unterschiedlich und differenziert gesehen. Bei der Auswahl des Wohnortes legen die Familien sehr viel Wert auf die Sicherheit des konkreten Wohnviertels und der jeweiligen Straße, auf das nahe Umfeld und auf die intakte Sozialstruktur der Bewohner. Sie wünschen sich eine soziale Kontrolle durch die Nachbarschaft und ein mehr oder minder geschlossenes Wohnumfeld. Psychologisch gesehen bietet diese „Sozialkontrolle“ auch die Sicherheit und Gewissheit, nicht vom eigenen, rechten Weg abzukommen. Hier stärkt also das Kollektive auch das Individuelle, eins profitiert vom anderen.

„Ich finde es schon gut, wenn die Nachbarn darauf achten, wer da durch unseren Vorgarten läuft oder ob das Fremde sind in unserem Hausflur, die da nichts zu suchen haben.“

Geht es aber um die Kriminalität und Sicherheit in der Stadt als Ganzes, wird dies als dazugehörendes Übel mehr oder minder toleriert und akzeptiert. Es ist quasi der Preis, den man für die urbane Lebensfreude bereit ist zu zahlen.

„Da kommen meine Kinder mit Sachen in Verbindung, die noch nichts für sie sind. Die Stadt verführt eben auch zu vielem, das muss man wissen und da muss man aufpassen.“

Das positive Gefühl für die Stadt wird von den Stadtbewohnern oft auch über Generationen erlebt, sie „leben“ ihre Stadtviertel, begeistern sich für die Heimat. 70 Prozent der befragten Familien, die heute in einer Stadt wohnen, sind selbst als Kinder auch in einer Stadt aufgewachsen. Nur 18 % wuchsen in einer Kleinstadt, nur 12 % auf dem Land auf. Und sie scheinen sich mit den Umständen in der Stadt gut arrangiert zu haben: Hektik und Stress der Stadt bzw. die höheren Lebenshaltungskosten und Mieten wurden nur von gut einem Drittel der Befragten als negative Faktoren angeführt.

Wohnraum als behütende Burg für die Familie

Die Wichtigkeit des Wohnraums zur Erlangung des Glücksgefühls wurde in der Studie besonders deutlich. Die Befragten beschrieben das Familienglück als ein sehr fragiles Gut, welches vor Bedrohungen von außen geschützt werden muss. Und dabei spielt die Wohnform für viele Familien eine ganz wichtige Rolle, dient sie doch als Rückzugsort und sichere Burg für alle Haushaltsmitglieder. „Sie bietet Halt und Orientierung, die durch die Mauern sprichwörtlich manifestiert wird“, konstatiert rheingold-Psychologe Stephan Grünewald. Der eigene Wohnraum, und ganz besonders das eigene Reihenhaus oder Einfamilienhaus, bietet nicht erst seit der Finanzkrise einen sicheren Investitionshafen, sondern auch „einen wohligen Vertrauens-Hafen für die ganze Familie“, so Grünewald. „Und dies ist gerade heute, in Zeiten, in denen Mobilität in Job und Freizeit nicht mehr weg zu denken ist, in der räumliche Gebundenheit fast schon die Ausnahme darstellt, besonders für die Familien und das Familienglück von enormer Bedeutung.“

Besonders für die befragten Frauen ist die Stadt das ideale Wohnumfeld für das eigene Familienglück. Denn hier, anders als auf dem Land, können sie auch ihre eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse jenseits des Mutterseins besser unterbringen, fühlen sich nicht so sehr in die alleinige Mutterrolle gedrängt. Die Stadt ermöglicht den Frauen, aber auch der gemeinsamen Partnerschaft, nach deren eigenem Bekunden eine bessere Selbstverwirklichung, sie schränkt die Eltern weniger auf ihre Mutter- und Vaterrolle ein und gibt ihnen größere Spielräume – sowohl für sie als Einzelperson als auch zur gemeinsamen Verwirklichung mit dem jeweiligen Partner.

Paradoxerweise bietet die Stadt also mit ihrem engen Raum dem Einzelnen und auch den hier befragten Paaren mehr Raum; für eigenes Glück und somit auch für das Familienglück. Paare haben das Gefühl, sich in der Stadt weniger entscheiden zu müssen zwischen den Alternativen Kind oder kein Kind. In der Stadt, so die Auffassung der in der Stadt wohnenden Familien, lassen sich Familie und individuelle Verwirklichung besser unter einen Hut bekommen.

„In der Stadt können wir viel leichter als Paar etwas unternehmen. Da braucht man nicht weit fahren.“

Zur Stadt unbedingt dazugehören

Bei der Suche nach dem richtigen Wohnraum gehen die Wünsche und Vorstellungen der Stadtbewohner erwartungsgemäß weit auseinander. Was sich jedoch wie ein roter Faden durch die Studie zieht, ist der Wunsch der Stadtfamilien, auch in der Stadt zu bleiben und als Städter dazuzugehören. Nicht unwichtig ist dabei für viele das Autokennzeichen als Identifikationssymbol für die Stadt. Wer das Kennzeichen der Stadt fährt, gehört auch zur Stadt - egal, ob das Wohnviertel fünf oder mehr Kilometer vom eigentlichen Stadt-Zentrum entfernt liegt. Das Kennzeichen hat eine Ausweisfunktion, wird sinnbildlicher Ausdruck für die eigene Aktivität, die urbane Lebendigkeit und das „Dazugehören“.

„Befreiung vom Performance-Druck“

„Sag mir wie du wohnst und ich sag dir, was du kannst.“ Die Wohnverhältnisse und besonders die Wohnform ist immer noch ein sichtbarer Beleg für den eigenen beruflichen Erfolg und die Erreichung des Glücks-Grades. Entscheiden sich Familien in der Stadt z. B. für ein Haus, spielt daher bei der Wahl der Unterkunft auch der soziale Druck eine Rolle.

Besonders junge, städtische Familien wollen aber nicht mehr miteifern in der Gunst um den besten Garten, die tollste Haustür und das größte Dachfenster. Sie sehnen sich nach einer Entlastung vom so genannten „Performance“-Druck des sozialen Wohnumfeldes. Sie wollen sich nicht genötigt fühlen, wünschen sich eine Entspannung und Entlastung. Eine Möglichkeit dazu bieten nach Auffassung der Stadtbewohner zum Beispiel architektonische Vorgaben für ganze Wohnviertel, die den Veränderungswünschen bestimmte Grenzen setzen. Dort sind Giebelneigungen, Dachpfannenfarben und Dachfenster vorgegeben, Gartenzäune und Garagen dürfen nur in eng limitierten Grenzen verändert werden. Dieses vor allem bei Reihenhausquartieren häufig vorhandene Reglement, was durch die Gleichheit der Innenraumarchitektur der Reihenhäuser noch unterstützt wird, erleben viele Befragte als sehr angenehme Begleiterscheinung. Sich in den eigenen vier Wänden kreativ auszutoben, bleibt einem immer noch unbenommen.

Miete oder Eigentum?

Auffällig bei der Studie waren auch die Eigentumsverhältnisse der 500 quantitativ Befragten. So wohnten 88 % der Familien, die in einer Wohnung in einem Mehrparteienhaus leben, zur Miete. Eigentumswohnungen scheinen also für Familien relativ uninteressant zu sein. Wenn Familien in der Lage sind, Eigentum zu erwerben, wählen sie in erster Linie eigene Häuser. Bei Reihenhäusern ergab sich ein ganz anderes Bild: Dort wohnen 48 % zur Miete und 52 % der Familien gehört das Reihenhaus, in dem sie wohnen. Doppelhaushälften sind zu 84 % im Eigentum ihrer Bewohner, bei Einfamilienhäusern sind dies sogar 87 %. Nur 13 % der Bewohner von freistehenden Einfamilienhäusern wohnen in diesen zur Miete.

Fazit

Familien, die in der Stadt wohnen, entscheiden sich meist ganz bewusst für die Stadt. Vor allem Erwachsene, die bereits selbst als Kind in einer Stadt aufgewachsen sind, bevorzugen auch für ihre eigene Familie die Stadt als idealen Wohnort. Für sie stehen die vielen, positiven Möglichkeiten, die für sie eine Stadt bietet, ganz klar vor den negativen Begleiterscheinungen, die mehr oder minder gerne in Kauf genommen werden. Als positive Argumente für die Stadt stehen bei den Familien hier die besseren Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung für alle Familienmitglieder, die guten Optionen zur Pflege der eignen Paarbeziehung und die gute Infrastruktur den Negativ-Themen Kriminalität, hohes Verkehrsaufkommen und Parkplatznot gegenüber.

Die allgemein verbreitete Auffassung, dass Familien gerne aufs Land ziehen, muss aufgrund dieser Studie zumindest eingeschränkt werden. Denn die Entscheidung für die Stadt als Lebensraum für die Familie wird gerade bei der Suche nach einem neuen Wohnraum ganz bewusst getroffen. Und dabei spielt für die Familien bei der Definition „Stadt“ eine entscheidende Rolle, welches KFZ-Kennzeichen sie fahren: Denn wer das Kennzeichen der Stadt fährt, gehört auch zur Stadt - egal, ob das Wohnviertel fünf oder mehr Kilometer vom eigentlichen Stadt-Zentrum entfernt liegt.

Eine weitere wichtige Erkenntnis: Wenn Familien in der Lage sind, Eigentum zu erwerben, wählen sie keine Eigentumswohnungen, sondern in erster Linie eigene Häuser. Das Haus, egal ob Einfamilien-, Doppel- oder Reihenhaus steht exemplarisch für den Wunsch nach der eigenen Burg, dem sicheren Rückzugsort für die ganze Familie. Von einer Stadtflucht junger Familien kann aufgrund der Studie nicht gesprochen werden. Die Stadt als Lebensraum für Familien ist ein Lösungsversuch, mit den mannigfaltigen kulturellen Anforderungen unseres digitalen Zeitalters umzugehen.

Aufbau der Studie:

Im qualitativen Teil der Studie wurden insgesamt 52 Frauen und Männer befragt, die dauerhaft mit jeweils mindestens einem Kind unter 18 Jahren in häuslicher Gemeinschaft leben. Mindestens 50 Prozent der Befragten hatten zwei oder mehr Kinder. Befragt wurden die Probanden in jeweils zweistündigen Tiefeninterviews von Diplom-Psychologen des rheingold-instituts. Voraussetzung war, dass alle Probanden in einer Stadt mit mindestens 100.000 Einwohnern ihren Hauptwohnsitz hatten. Gefragt wurde in den Großräumen Köln, Bonn, Düsseldorf, Hamburg und Essen.

Ergänzt wurde die qualitative Studie durch einen quantitativen Teil, bei dem insgesamt 500 Männer und Frauen, Alter wie oben, online in ganz Deutschland befragt wurden. Auch hier war die Bedingung, dass die Probanden in einer Großstadt wohnten und mindestens ein Kind unter 18 Jahren im Haushalt lebte. Zudem wurde auf eine breite Verteilung nach Bildungsstand und Region geachtet.

Untersuchungszeitraum war Frühjahr / Sommer 2014. Initiiert wurde die Studie von der Deutschen Reihenhaus AG, die allerdings keinerlei Einfluss auf die gewonnenen Untersuchungsergebnisse nahm.
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