Wir alle haben uns verzockt -  Im Finanzcrash platzt ein kultureller Traum, die Gesellschaft steht vor einem Schwarzen Loch
Wir alle haben uns verzockt -  Im Finanzcrash platzt ein kultureller Traum, die Gesellschaft steht vor einem Schwarzen Loch
30.10.2008

In der Spekulationsblase zerplatzt eine ganze Lebensform. Sie ist nicht nur ein finanztechnisches Desaster, sondern Symbol für das Scheitern eines kollektiven Lebensentwurfs: unseres Traumes, aufwands- und mühelos zu maximalen Lebens-Möglichkeiten („Vermögen“) zu kommen. Dieses „digitale Lebensideal“ hat rheingold in zahlreichen Untersuchungen und Veröffentlichungen immer wieder beschrieben.

Aktuelle rheingold-Studien lassen befürchten, dass wir vor einem Stimmungsumschwung stehen wie 2001 nach dem Platzen der Internetblase und den Anschlägen auf das World Trade Center. Der Finanzcrash wirkt wahrscheinlich noch nachhaltiger: Der 11. September war zwar ein ähnliches Horrorszenario, aber für die Menschen vergleichsweise fassbar. Die einstürzenden Türme versinnbildlichten, dass zwar vieles zusammengebrochen war, die Börsenkurse, die Wirtschaft, die Arbeitsplätze. Aber der Zusammenbruch war endlich. Bei der Finanzkrise fürchtet man dagegen, dass sie nie mehr aufhört. Die Menschen sind also mit einem unfassbaren Szenario konfrontiert. Es erscheint wie ein kosmisches Schwarzes Loch, das alle Besitztümer, Jobs und Renten verschlingt.

Psychologischer Hintergrund: Das spekulative Zocken ist gar keine Eigentümlichkeit der Investmentbanker, sondern durchgängig in allen Schichten zu beobachten. Wir alle haben uns verzockt! Das Fernsehen predigt seit Jahren den aufwandslosen Spekulationsgewinn: „Deutschland sucht den Superstar“, „Über Nacht zum Millionär“. Coole Jugendliche wollen ohne Arbeit, ohne mühsame Entwicklungen gleich ganz groß rauskommen. „Werde reich oder stirb traurig.“ Erwachsene spekulieren darauf, „sofort und auf einmal“ die perfekte Familie zu haben - ohne Leiden, ohne Schuld, ohne Konflikte. Und die „Dienstleistungsgesellschaft“ schiebt schweißtreibende Arbeit wie etwas Unanständiges in die chinesischen Fabriken ab.

Nicht nur auf den „Finanzmärkten“, sondern durchgängig zeigt sich das Kultur-Phänomen, dass eine perfekt maximierte Schein-Wirklichkeit auf Kosten der menschlichen Alltagswerke ein abgekoppeltes Eigenleben entfaltet. Internet-Communities zum Beispiel sind soziale Spekulationsblasen: 200 Freunde, aber kein Freund „aus Fleisch und Blut“. Der Finanzcrash führt jetzt den Crash dieser kollektiven Träume vor Augen. Da kein alternativer Lebensentwurf mehr präsent ist, da die „spekulative Maximierung“ alle anderen Lebensinhalte verschluckt hat, stehen die Menschen jetzt vor einem Schwarzen Loch. Nicht nur die Ersparnisse, die Jobs, die Renten sind möglicherweise weg - sondern die ganze Lebensform. Der Katechismus des Share Holder Values - bisher eine tragende „Glaubenswahrheit“ der Kultur - ist plötzlich in Verruf geraten.

Die Unfassbarkeit dieses Geschehens führt aktuell zum vollkommenen Verdrängen. Man weiß zwar, dass Banken hops gehen, blendet es aber aus. Darum kam es vorerst nicht zum panischen Ansturm auf die Bankschalter. Die Deutschen klammern sich beschwörend an die Stabilität der Banken - und re-installieren überraschenderweise den starken Staat, der sich machtvoll vor das Loch stellen und Unheil abwehren soll. Eine Art Schockstarre breitet sich in der Wirtschaft aus. Das Resultat ist eine self-fulfilling prophecy: Man fürchtet die Rezession und tut dummerweise genau das, was sie begünstigt: Investitionen aussetzen, Arbeitsplätze abbauen, Konsum einschränken.

Aufgrund dieser Befunde befürchten die rheingold-Forscher, dass die seit Jahrzehnten verfolgte Taktik des „Löcherstopfens“ in Staat und Wirtschaft nicht mehr ausreicht, das neue Schwarze Loch zu stopfen, das ein kulturelles Sinn-Loch ist. Ohne eine schmerzliche soziale Reform, ohne eine durchgreifende Umbildung des Produktionssystems, ohne Besinnung auf kulturelle Werte ist diese Krise nicht zu bewältigen. Gerade darin liegt ihre Chance.

(Foto: Deutsche Börse AG)

 

© 2015 rheingold