Zurück in die Zukunft? Internet vs. Fernsehen
Zurück in die Zukunft? Internet vs. Fernsehen
07.11.2012
Hat Fernsehen gegen das Internet überhaupt eine Chance? Lohnt es sich, TV weiterhin als Werbeplattform zu nutzen? Wohin geht die Zukunft? Sebastian Buggert über die Frage, ob wir auch in Zukunft fernsehen werden und warum das Fernsehen ein Leitmedium bleiben wird.

Von  Sebastian Buggert

Fernsehen vs. Internet?

Die Zahl der Internetuser in Deutschland wächst stetig. Darüber hinaus stiegdie tägliche Nutzungsdauer der Online-User deutlich an, fast 90 Minuten täglichbereits 2010. Das Fernsehen steht dennoch unangefochten an der Spitze. Trotzdemwurde in den letzten 15 kontinuierlich mehr ferngesehen und die Verkaufszahlenvon Fernsehgeräten sind vor allem in den letzten 3 Jahren ebenfalls gestiegen.

Es stellt sich die Frage, wie und warum das Fernsehen nach wie vor seineRolle als Leitmedium halten kann, obwohl der Abgesang auf das Medium seitJahren im Gange ist. Auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass die zunehmendeVerbreitung und Mobilisierung des Internets Folgen für die Nutzung desFernsehens haben wird. Eine psychologische Analyse erklärt die Stärken desFernsehens gegenüber dem Internet und die Erfolgsaussichten des Medienkanalsfür die Zukunft.

Medien sind Alltagstherapeuten

Nach Freud haben wir alle mit dem ‚Unbehagen in der Kultur’ zu kämpfen. JedeKultur kann nur einen bestimmten Weg einschlagen. Alles, was hier ausgeschlossenwird und nicht in Umsatz kommt, erfüllt uns zumindest unbewusst mit einemUnbehagen. Dieses Unbehagen spüren wir als Gesellschaft, aber auch jederEinzelne fühlt den Stachel der unerfüllten Wünsche, Ambitionen und Träume. Wirwollen immer mehr und anderes als wir aktuell können, im Leben aber auchbereits in jedem einzelnen Moment.

Die Medien sind insofern Alltagstherapeuten, als sie die resultierendeinnere Unruhe zu behandeln helfen. Fernsehen, Radio oder Internet vermittelnErlebnisse, in denen unsere alltäglichen Befindlichkeiten, Unsicherheit, Enttäuschung,Wut und Sehnsucht untergebracht werden können.

Von der Flimmerkiste zum Rettungsschirm

Eine jede Kultur und Zeit hat ihr ganz spezielles Unbehagen. In den Zeitender Schwarz-Weiß-Fernseher bestand das Behandlungsversprechen darin,verkrustete Strukturen der Adenauer-Zeit aufzulockern, Bewegung und Abwechslungin die Leben der Menschen zu zaubern. Der Alltag folgte damals noch festen,ritualisierten Strukturen, und abends wurde sich vor der Flimmerkisteversammelt, um ein Stück Glanz, Drama oder Auflockerung zu erfahren. Bis Endedes 20. Jahrhunderts flimmerte das Fernsehen immer bunter und vielfältiger, bises wie eine Art Gefühlsapotheke für jede individuelle Regung ein Format imAngebot hatte.

Heute sieht die Ausgangslage vollkommen anders aus: Seit 9/11 leben wir ineinem Zustand der Dauerkrise. Vertraute Instanzen, Währungen und Werteerscheinen unsicher und brüchig. Es resultiert ein starkes Gefühl vonUnsicherheit, Desorientierung und Überforderung. Demgegenüber betreiben wireinen enormen Aufwand, den Status Quo irgendwie zu bewahren. Wir spannen rastloseinen Rettungsschirm nach dem anderen auf und bringen uns im Kleinen wie im Großenan die Belastungsgrenze. Jenseits dieser Grenze droht der Crash oder derBurnout.

In diesem kulturellen Spannungsfeld bedienen die Medien vor allem dieBedürfnisse nach Stabilität, Orientierung und Beruhigung. In dieser Hinsichtbietet das Fernsehen aktuell Erlebnisse und Nutzungsverfassungen, die dasInternet (bisher) nicht zu bieten vermag. Online bedeutet heute noch in ersterLinie lean forward, denn der User muss sein ‚Programm’ selbst gestalten. Erwird zur Aktivität, Interaktivität und damit zur Performance aufgefordert. DasInternet hat sozusagen sein eigenes Unbehagen, denn im Hintergrund einer jedenAnwendung lauern im Grunde unzählige Alternativen, das ganze World Wide Web.

Allein die ‚Fixierung’ auf die Fernsehcouch in Verbindung mit der‚Auslieferung’ an einen vorgegebenen Programmfluss haben eine entlastende,beruhigende Wirkung. Dies erklärt nicht zuletzt die Tatsache, warum nach wievor die lineare TV-Nutzung klar dominiert, trotz Festplattenrekorder und trotzMediatheken.

Medialer Kompass

Das Fernsehen ist immer noch unser Leitmedium, weil es eine Kompassfunktion erfüllt.Eine große Rolle spielen hier die Nachrichten- und Informationsformate,insbesondere der öffentlich-rechtlichen Sender. Tagesschau, heute, Tagesthemen,heute Journal etc. stehen für die fast ‚amtliche’ Aufbereitung desTagesgeschehens. Alles, was tagsüber im Internet an Informationsschnipseln aufuns eindringt, wird am Abend im Fernsehen selektiert, hierarchisiert und strukturiert.Der ungemein wertvolle Effekt ist eine beruhigende Ordnung, das chaotischeAllerlei ist zumindest für den Abend geklärt, was das Einschlafen deutlicherleichtert.

Ideelle Heimat

Über diese ordnende Funktion hinaus verwickelt das Fernsehen emotionaleErlebnisse, in denen die Zuschauer sich getragen, versöhnt oder besänftigtfühlen können. Vor allem in harmonischen und weich zeichnenden TV-Formaten, wieeinige Soaps und Telenovelas, aber auch Dokus und Infotainment finden dieMenschen mediale Schutzräume, in die sie sich zeitweise zurückziehen und vonden Härten des Alltags abschotten können. Serien wie Lindenstraße, GZSZ oderBerlin Tag und Nacht eröffnen einen immer gleichen, vertrauten Rahmen, der vorallzu großen, ‚bösen Überraschungen’ schützt. Die Zuschauer bekommen zwar auch hierein kleines bisschen Beunruhigung, die jedoch schnell und verlässlich wiederaufgelöst wird. Dies entspricht dem Mechanismus einer psychischen Impfung – dieZuschauer wollen das Unbehagen der Welt latent verspüren, aber mit derBotschaft entlassen werden, dass eigentlich alles gut ist bzw. wird

Einen vertrauten Rahmen vermitteln auchdie Sendermarken, deren Präsenz bereits eine beruhigende Wirkung auf die Zuschauerhaben. Das führt dazu, dass das Fernsehen auch dann wirkt, wenn man gar nichthinschaut oder es nur nebenbei laufen lässt. Zum einen setzt es der Vielfaltder alltäglichen Anforderungen eine einheitliche Klammer entgehen, zum andereneröffnet es im Hintergrund ein Fenster zur ‚großen’ Welt, wodurch die Enge dereigenen (Haus-)Arbeit leichter zu ertragen ist. Das Fernsehen hat dann weitmehr als nur die Funktion einer Flimmertapete und Geräuschkulisse, es sorgt fürein Gefühl von Bewegung, Unterhaltung, Vertrautheit, Beruhigung – durchvertraute Formate oder vertraute Stimmen.

Abends in die Lebensschule

Das Unbehagen unserer Zeit besteht nicht zuletzt darin, dass uns die Weltzunehmend komplex und fragmentiert erscheint. Es resultiert eine Sehnsucht nachSinn und überschaubaren Zusammenhängen. Wissenschafts- oder Koch-Shows,Heimwerker-Sendungen, Doku-Soaps oder Ratgeber-Formate ermöglichen,Sinnzusammenhänge zu erleben und daraus etwas für das eigene Leben zu lernen. Dieskann auf sehr bewusster Ebene passieren, wenn sich der Zuschauer Koch-,Schmink-, Einrichtungs- oder Bewerbungstipps abholt. Oder auf einer mehrsubtilen Ebene, wenn man sich in Formaten wie ‚Das perfekte Dinner’ ansieht,wie Menschen miteinander umgehen, was Sympathie und Antipathie erzeugt, und wieman selbst wieder einmal ein perfekter Gastgeber sein könnte – auch wenn es ausBequemlichkeitsgründen meist beim gedanklichen Durchspielen bleibt.

Seelenkino

Über Filme und Serien ist es möglich, in Wirkungswelten einzutreten, indenen komplette Spannungsbögen über 90 Minuten oder eine ganze Staffel erfahrenwerden können. Erfolgreichen Formaten gelingt es, die Zuschauer in eineSchicksalsspiegelung zu verwickeln, indem sie die seelischen Konflikteaufgreifen, welche die Menschen aus ihren eigenen Lebenszusammenhängen kennen.Die Zuschauer können dann im TV-Sessel probeweise erleben, wie Durchsetzung,Vereinigung oder Trennung, Treue und Verrat, Veränderung oder Konstanz einmalanders gelebt werden können.

Das Seelenkino ist eine Domäne des Big Screen und damit auch des Fernsehens.Allerdings passen solche längeren Nutzungsformen immer weniger in unserefragmentierten Alltagsverläufe, so dass oft entweder flexiblere Dareichungsformengewählt (DVD, VoD) oder gleich kürzere Formate bevorzugt werden (Serien).

Public Viewing

Schließlich ist das Fernsehen als Gemeinschaftserlebnis einzigartig. Esversammelt allabendlich und vor allem am Wochenende ein Millionenpublikum vormedialen Großevents. Vor allem Sportereignisse aber auch Shows wie DSDS oderSchlag den Raab sind hier zu nennen. Mit Millionen anderen dieNationalmannschaft anzufeuern vermittelt das Gefühl einer Volksbewegung, anderen Größe und Dynamik jeder Einzelne teilnimmt.

Die Castingsshows sind erfolgreich, weil sie die Zuschauer in ihren Träumenund Sehnsüchten abholen und sie auf eine fantastische Reise vollerVerwandlungen mitnehmen, um am Ende die große Erfüllung oder das großeScheitern mitzuerleben. Sie setzen sich mit den Kandidaten einem unerbittlichenWirklichkeitsabgleich in Form einer Jury aus, die ihnen dabei hilft, eineigenes Maß zu finden. Die Zuschauer sind dann am Ende oft mit der eigenen Lebenssituationausgesöhnt und zufrieden. In dieser Fernsehverfassung wird mit-gefiebert,mit-gelitten, zuweilen mit-geheult. Man schaut entweder alleine und will nichtgestört werden oder veranstaltet eine Art Public Viewing daraus.

Verwicklung in der Masse

Die vom Internet bisher unerreichte Stärke des Fernsehens liegt in derKombination aus der stärkeren inhaltlichen Verwicklung durch die größereFesselungskompetenz und der parallelen Mobilisierung eines mehr oder wenigergroßen Massenpublikums. Dem Zuschauer ermöglicht es Erlebnisse echterBesänftigung und Beruhigung wie sie das Internet bisher nicht bieten kann.Ferner strahlt das Fernsehen eine größere Autorität aus, weshalb es in höherem MaßeOrientierung, Vor- und Leitbilder vermittelt. Im Endeffekt bedient das Fernseheninsbesondere die Sehnsüchte, die durch die zunehmende Digitalisierung unsererWelt entstehen. Von daher gelangen wir mit dem Fernsehen zurück in die Zukunft.

Und in Zukunft?

Soziale Netzwerke und Facebook erfüllen die immens wichtige Funktion der Vergemeinschaftungdes Internets. Das zuvor unendliche und dadurch bedrohlich flüchtige Netz wirdpersonalisiert und auf überschaubare Maße reduziert. Die anonyme Masse der Userwird zur Community und damit stärker zum Orientierungspunkt (wem folge ich?). Fernerwird das Internet über Facebook mehr zu einem Lean Back-Medium, da sich dieUser die Inhalte über ihre Likes und Abos auf ihre Wall holen können.

Beide Kanäle wachsen - zumindest technisch - zunehmend zusammen (Hybrid,VoD, Mediatheken, IPTV etc.). Im Hinblick auf das Erlebnis ‚Bewegtbild’ werden Big-und Small Screen sowie Lean Back und Lean Forward die entscheidenden Kategoriensein. D. h. differenzierend werden der Grad der Verwicklung sowie das Ausmaßder eigenen Aktivität sein. Es geht nicht mehr darum, die Kanäle zudifferenzieren, sondern Anbieter-Marken, die für die Menschen sinnvolleErlebnisse anbieten, welche die oben beschriebenen Bedürfnisse und Sehnsüchtebedienen. Dazu gehören dann auch tragende Offline-Erlebnisse eben ohne dieOption auf Interaktion und Feedback, aber auch die Möglichkeit der Teilhabe anGemeinschaftsevents einschließlich persönlichen Einfluss auf das Geschehen(Social Media TV).

© 2015 rheingold