ADAC - Über Schutzengel und Papiertiger
ADAC - Über Schutzengel und Papiertiger
29.01.2014
Autofahrer wünschen sich im Notfall die Wiederherstellung ihrer Autonomie und sind zugleich gekränkt, dafür fremde Instanzen wie den Club zu brauchen. Was steckt hinter dem ADAC? Eine rheingold-Kolumne über Schutzengel, Papiertiger und Hubschrauber. Ein Beitrag aus Kölner Stadt-Anzeiger und Frankfurter Rundschau.

Von Stephan Grünewald

Der ADAC ist zwar in der Lage Autos zu mobilisieren, aber nicht seine Mitglieder. Das ist offensichtlich geworden, seitdem bekannt wurde, dass der ADAC über Jahre die dürftigen Votings seiner Mitglieder verzehnfacht hat. Damit ist der große Bluff des ADAC aufgeflogen als Lobby und Stimme der deutschen Autofahrer eine permanente politische Großmacht zu sein. Psychologisch betrachtet, bezog der ADAC immer schon seine Macht aus der temporären Ohnmacht der Autofahrer – der Panne. Die Vorstellung bei Tag oder in eisiger Nacht mit seinem Auto auf der Autobahn liegen zu bleiben, beschwört den plötzlichen Verlust der Auto-nomie und versetzt uns in einen Zustand völliger Hilflosigkeit. Es ist tröstlich, dass es für diese Notfälle Schutzengel gibt, die man – wie in früheren Zeiten die Heiligen - anrufen kann und die sogleich die Rettung versprechen. Für solche Schutz-Versicherungen sind wir bereit jährliche Opfergaben zu entrichten.

Aber die Tatsache, dass wir uns als erwachsene Bürger im Pannen-, oder Krankheitsfall nicht selber helfen können, ist auch zutiefst kränkend. Das führt dazu, dass die Dienstleistungen von Schutzmächten wie dem ADAC oder von Versicherungen wieder ausgeblendet werden, sobald die eigene Autonomie wieder hergestellt ist und alles wieder in den geordneten Bahnen verläuft. Im Alltagsleben der Kunden spielt der ADAC daher überhaupt keine Rolle. Genau dass bezeugen die mickrigen Rückläufe bei den Wahlen zum Auto des Jahres.

Die Fälschungen sollten vertuschen, dass der ADAC eben kein politischer Leitwolf, sondern allenfalls ein papierner Pannentiger ist. Die ADAC-Mitglieder sind auch keine homogene Einheit, wie der ADAC uns immer weismachen wollte, sondern in ihrer politischen Meinung genauso heterogen wie die gesamte Bevölkerung. Das einzige, was sie eint, ist ihr großer Wunsch nach Autonomie. Und das bedeutet in Verkehrsfragen die eigene Steuerungs- und Meinungshoheit zu erhalten und sich nicht von einem Verein bevormunden zu lassen.

In vielen Leserbriefen und in massiven Unmutsbekundungen auf den digitalen Datenautobahnen artikulieren die Autofahrer jetzt ihre Enttäuschung über die gefallenen Engel und profilieren ihre autonomen Standpunkte. Aber diese demonstrative Emanzipation von der Gernegroßmacht ADAC wird nicht dazu führen, dass die Mitglieder in Scharen AdeAC sagen und den Verein verlassen werden. Die Schutzoption wollen sich die Menschen erhalten. Aber sie erwarten, dass sich der „Club“ wieder in den Dienst ihrer Kunden stellt. Wie ein guter Schutzengel soll er zur Stelle sein, wenn man ihn braucht, aber ansonsten unsichtbar bleiben.

Gefragt werden auch weiterhin all die Service-Leistungen sein, die im Dienste der Autonomie stehen. Gerne erinnern sich die Fahrer noch daran, wie der ADAC ihnen half in Vornavi-Zeiten mithilfe farbig markierter Routenpläne über den Brenner zu kommen. Die Mitglieder werden auch weiterhin das Magazin „Motorwelt“ schätzen, weil es ihnen das Gefühl vermittelt in aktuellen Autofragen das Heft in der Hand zu haben. Bedeutsam werden auch in Zukunft die Rettungshubschrauber des ADAC sein. Gerade wer krank oder verletzt völlig am Boden liegt, will sich von den Engeln buchstäblich in den Himmel heben lassen und einer schnellen Rettung entgegen fliegen.

Daher hat ist es ein fatalen Signal, wenn der ADAC auch hier die Lufthoheit für sich beansprucht. Ganz egal, ob die persönliche Nutzung der Flugflotte rechtlich zulässig ist, sie ist in den Augen der Mitglieder keine Lappalie. Die Hubschraubernutzung der Oberengel hat ähnlich wie die Badewanne des Bischofs von Limburg einen Symbolwert, der den Vertrauensverlust zuspitzt. Sie versinnbildlicht die abgehobene Selbstbezüglichkeit der Vereinsoberen und pervertiert die altruistische Mission. Hier die Chefs eines Automobilclubs, die sich dem gemeinen Autoverkehr einfach entziehen. Dort der Bischof, der sich nicht damit begnügt, das Bad in der Menge zu suchen.

Vertrauen kann der ADAC nur zurückgewinnen, wenn er buchstäblich am Boden bleibt und sich wieder in den Dienst der Autonomie seiner Kunden stellt. Das erfordert eine neue Demut und eine endgültige Abkehr von dem Illusion eine fünfte Macht im Staate zu sein oder dem Anspruch ein in alle Himmelsrichtungen verzweigter Milliardenkonzern zu werden. Statt sich als vermeintliches Sprachrohr der Autofahrer zu gebärden, sollte der ADAC ein offenes Ohr für die alltäglichen Nöte und die automobilen Zukunftsfragen seiner Mitglieder entwickeln. Und als gelber Engel den Menschen weiterhin die Furcht vor der Panne nehmen.

Foto: ADAC
© 2015 rheingold