langeweile.de
12.07.2005

Man braucht weder Namen noch Adressen zu nennen: es ist wohl kaum zu übersehen, daß sich das deutsche online- und internet-Angebot nicht durch Originalität, Witzigkeit, Mut und Innovativität auszeichnet.

Allenthalben herrschen vor: Print-Menatität, sprachliche Ödnis, Werbe-Charme und leerlaufende Bemühtheit um nicht vorhandenen Esprit.

Das deutsche online wird beherrscht von Medien-Machern, die mit Print und TV großgeworden sind. Dazu kommen die Agenturen mit ihren Interactive-Ablegern, die das Web für die Zwecke ihrer Werbekundschaft domestizieren wollen. Die Mattscheibe des Monitors wird zum Fenster, das den Blick frei gibt in ein Datenaquarium, in dem mehr oder weniger bunte Info-Fische uninspiriert herumdümpeln. Alleine das grausige Willkommen, daß einem auf jeder Seite entgegenprangt, straft jede Behauptung, hier walte Vision und neuer Geist, Lüge.

Was ist falsch gelaufen? Ein Blick über den Datenzaun ins Herkunftsland allen Digitalen, den USA, zeigt, daß es vor allem die jungen, wilden und verrückten waren, die das Medium in seinen Anfängen prägten und seine spezielle Sprach- und Bildwelt hervorbrachten. Als sich die Großen an den Boom anhängten, war das Vokabular, die Netiquette sowie der graphische Code bereits medienexklusiv etabliert. Hier kann mit Fug und Recht von einer Evolution gesprochen werden, die Zeit und Muße hatte, neue Formen zu erfinden und zu erproben.

Wie anders hier! Die wahren Webpioniere in unserer Republik heißen Gruner+Jahr, Burda, Langnese, Bertelsmann oder West. Bevor das Medium auch nur annähernd Zeit hatte, sich den Weg ans Licht des allgemeinen Interesses durch eine innovations-bereite Subkultur zu bahnen, hatten sich bereits die großen (Medien-)Konzerne der Sache angenommen. Bevor auch nur annähernd ausprobiert werden konnte, welche medien-speziellen Möglichkeiten online in sich birgt, wurden schon die ersten Instrumente zur Festlegung der Werbepreise ersonnen. Hier von Medien-Revolution zu sprechen, ist irgendwie richtig und tragisch zugleich. Online wurde im Handstreich genommen und einkassiert.

Die Jungs von Yahoo mußten sich noch was einfallen lassen. Die Männer (und wenigen Frauen) in den großen Medienhäusern übertrugen ihre Printlandschaft mit wenigen Nuancen in das neue Medium. Jetzt können sie stolz darauf sein, daß die höchsten Zugriffszahlen genau auf den Websites liegen, deren Namenspatrone auch im offline-Bereich die höchsten Auflage- oder Einschaltergebnisse zu verzeichnen haben.

Dies mag für die Karrieren der Betreffenden sowie die Werbeeinnahmen ihrer Häuser erfreulich sein. Das Medium ächzt und quietscht jedoch unter der Bürde, für die digitale Verlängerung der Gelüste der offline-Branche den Büttel machen zu müßen. Innovationen, Originalitäten, mutige Ansätze finden aufgrund des Symbiose-Vertrages zwischen Sendern, Verlagen und ihren online-Ablegern weitestgehend unter Ausschluß der großen Öffentlichkeit statt!

Dabei braucht online die innovativen Impulse so, wie die Fische im Aquarium ihren Sauerstoff. Letztlich sind es weder das Lesen (langer, vertiefender Texte) noch das Anschauen bewegter Bilder (in minderer Qualität, mit endlos langen Ladezeiten gekoppelt), welches die Möglichkeiten und Vorteile des Mediums online ausmacht.

Es sind dies ganz andere Optionen: Permanentes Up-Dating, Querverbindungen schaffen (linken), interaktiv sein, wo es wirklich Sinn macht (also nicht: nimm Kontakt mit Deinem Suppenwürfel-Anbieter auf!); Anbindung an die Angebote, Dienstleistungen und Möglichkeiten im jeweiligen physischen Umfeld (also Werbung für Sachen, für sonst nicht oder nur wenig geworben wird und werden kann!); Informationen über Lebensbereiche, Weltgegenden oder auch Produkte, die man nicht an jeder Ecke sowieso nachgeschmissen bekommt; Bestellmöglichkeiten für seltene oder ansonsten wesentlich teurere Waren und Marken durch Abkürzung des Vertriebsweges usw.

Und auch: einen neuen Umgang mit der Sprache erproben, neue Möglichkeite visueller Darstellungen ersinnen, die nicht auf Kosten unerhörter Datenmengen gehen, die erstmal minutenlang auf die Festplatte geholt werden müßen.

Das IFM-KÖLN wird nicht müde werden, auf das Dilemma von Online hinzuweisen! Das neue Medium ist buchstäblich unter die Wölfe geraten und muß und wird sich emanzipieren (müßen). Denn soviel ist sicher: Langeweile.de wird in Zukunft immer weniger angesteuert werden - auch wenn man mit noch so findiger Zahlentrickserei den Erfolg der öden Angebote zu beweisen versucht.

Zum Schluß: der Autor Heinz Grüne () bittet um Zusendung von Beispiel-Adressen für gelungene d e u t s c h e Angebote im WWW. Und natürlich auch: Beipiele völlig entgleister Scheußlichkeiten.

Um einen Anfang zu machen:

Gelungen (wg. Aufmachung, Informationsfülle, Produktangebot und Preisen):

Der Whisky-Store

Http://www.whitehawk.com/whisky

Nicht gelungen (Wegen penetranter Forschreibung des Printauftritts)

Praktisch alle deutschen Unternehmens-Auftritte! (Adressen bitte selbst herausfinden)

-->Ausnahmen bestätigen die Regel!

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