Von wegen Freiheit. Eine neue Studie beweist: Homeoffice gleicht eher einem Hamsterrad

Das Freiheitsversprechen, den Arbeitstag selbst zu gestalten und eigenverantwortlich zu organisieren, prägt die Vorstellung vom Home Office – vordergründlich zumindest. Viele Leute macht es krank, sagt Birgit Langebartels im Stern-Interview vom 30.11.2021. 

Frau Langebartels, wir sind einer Homeoffice-Lüge aufgesessen, sagen Sie. Was ist das für eine Lüge?

Wir leben in einer Kultur, die uns ständig verspricht, dass alles möglich ist. Corona hat dieses Bild zwar erschüttert, trotzdem wollen wir daran immer noch glauben. Wir als Autoren unseres eigenen Lebens! Auch deshalb haben wir das Homeoffice als Versprechen erlebt, als Verheißung. Wir haben uns eine nie dagewesene Gleichzeitigkeit erhofft: Arbeit und Privates parallel, hier einige Meetings, da kurz auf die Kinder aufpassen, mit dem Partner gemütlich frühstücken und zwischendurch noch Joggen oder Yoga.

Was ja, wenn es gelingen sollte, doch gar nichts Schlechtes wäre.

Aber das kann so natürlich nicht funktionieren, und das haben die Leute irgendwann gemerkt. Bei vielen, die wir im Rahmen unserer Studie gesprochen haben, hat sich so ein Gefühl eingestellt: Dass man nicht mehr gegen Chef oder Chefin ankommen muss, sondern gegen sich selbst. Gegen innere, widerstrebende Tendenzen. Die Seele ist gierig. Man wollte das Homeoffice gestalten wie durch die Verheißung erhofft, und ist
darüber aber in eine Überforderung hineingeraten. Nehmen Sie die prototypische Jogginghose, in der manche ja eine Verwahrlosung erkennen wollen. Ich glaube, die Jogginghose ist ein Symbol dafür, dass wir uns erstmal auf Betriebstemperatur bringen müssen – und dafür, wie schwer das im Homeoffice nun mal fällt, weil man ja theoretisch die Jogginghose auch einfach anbehalten könnte.

Äußere Routinen wie das angemessene Ankleiden, vielleicht die Morgendusche, der Weg zur Arbeit sind mit einem Male weggefallen. Was richtet das innerlich an?

Wenn ich in einem Unternehmen arbeite und da hinfahren muss, passiert viel automatisch. Ich habe den Weg, ich komme in das Gebäude, es riecht nach Arbeit und es sieht nach Arbeit aus. Ich treffe Kollegen und sitze in Meetings. Ich bin Teil eines größeren Ganzen. Aber im Homeoffice werden wir reduziert auf die Nettoarbeit, auf das, was am Ende des Tages geschafft ist, aber ohne dass irgendwer gesehen hätte, wie wir das geschafft haben. Das führt zu Bedeutungsverlusten. Viele haben das Gefühl: Ich bin weniger wert, ich bin nur noch ein kleines Würmchen, das am Rechner vor sich hinarbeitet. Die ganzen Ablenkungen und Gestaltungsangebote, die eine Firma ausmachen, fallen weg. Das ist ein Umbruch in der Arbeitswelt.

Aber muss man deshalb schon von einer Lüge sprechen, wenn es um Heimarbeit geht? Homeoffice ist doch eine epidemiologische Notwendigkeit, um die Inzidenz zu drücken.

Das will ich auch nicht infrage stellen. Das Homeoffice hat seine Berechtigung, jetzt mehr denn je. Und es hat auch Vorteile, über die wir sprechen sollten: Wie einfach wir jetzt konferieren können, wie viel Zeit wir
einsparen, weil Wege wegfallen. Etliche Väter haben uns vorgeschwärmt von den Momenten, die sie jetzt mit ihren Kindern verbringen können, davon, dass sie viel mehr mitkriegen. Trotzdem müssen wir uns vor Augen führen: Manche sind in ein häusliches Hamsterrad geraten, aus dem sie nicht mehr hinausfinden. Es gibt
Schattenseiten. Privates und Arbeit diffundieren oft bis zu einem Punkt, wo sie kaum noch voneinander zu trennen sind.

Was haben Ihre Befragten erzählt?

Es gab einen Mann, der musste sein Arbeitszimmer zuhause abschließen und den Schlüssel dann seiner Frau geben, damit die den versteckt. Sonst wäre er immer wieder an den PC gegangen. Er selbst hat die Trennung zwischen Arbeit und Privatem nicht
bewerkstelligen können. Eine andere deckt ihren Schreibtisch in der Wohnung mit einem Tuch ab, um die Arbeit auszublenden. Ein Dritter beklagte, dass seine Frau ihn und das, was er beruflich macht, gar nicht mehr wertschätzt, seit er im Homeoffice sitzt.
Der wurde permanent gestört, sollte den Müll wegbringen und Einkaufen gehen, alles in der Arbeitszeit. Arbeit wurde nicht mehr als Arbeit wahrgenommen, weil sie zuhause stattfindet. Wie damit umgehen? Wir haben vier verschiedene Typen herausgearbeitet.

Welche sind das?

Erstens: die Privatiers. Klingt erstmal gut. Aber die Privatiers haben das Gefühl, allen gerecht werden zu müssen, vor allem im Home. Die kommen zu nichts. Dem gegenüber stehen die Außendienstler, die permanent mit dem Gerät in der Hand leben, ihr ganzes Leben in den Dienst des Office gestellt haben und auch spätnachts kein Ende finden. Die checken noch um drei Uhr nachts die Mails. Dazwischen gibt es Typen, die mit alledem beweglicher umgehen. Die Durch-Lässigen, die Home und Office kreativ verbinden, teilen sich vielleicht sogar ein Arbeitszimmer mit dem Partner oder Partnerin. Auf jeden Fall steht da schon mal die Tür auf, dürfen auch die Kinder mal durchtoben, wird das Homeoffice als Erweiterung der eigenen Möglichkeiten wahrgenommen. Und zuletzt die sogenannten Home-Offiziere: Die verbinden Home und Office, indem sie strukturieren und streng trennen.
Morgens um 7:30 Uhr ins Arbeitszimmer, dann erst zum gemeinsamen Mittag wieder raus, nachmittags wieder an den Schreibtisch und die Tür zu. Die leben auch im Homeoffice nach der Devise: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Was viele belasten dürfte und auch im Journalismus ein Extrem ist: Wie oft konferiert wird, seit alle im Homeoffice sitzen. Sind solche Videomarathons dem Kontrollzwang verzweifelter Chefs geschuldet, die überwachen wollen, ob ihre Unterstellten auch wirklich arbeiten?

Es gab eine digitale Verdichtung, die war unglaublich. Das haben wir vielfach erzählt bekommen. Die Allmachtsfantasie, dass wir im Homeoffice nicht mehr an Zeit und Raum gebunden sind, hat sich da ungut verselbstständigt. Und weil man so viel konferiert, Konferenzen teilweise parallel angesetzt werden, kriegt man am Ende gar nichts so richtig hin. Früher gab es Pausen im Ablauf: Raumwechsel, Kantinengänge, vielleicht mal zwei Stunden Bahnfahrt zu einem Kunden. Heute haben manche im Homeoffice verlernt, Mittag zu essen – weil man eigentlich auch dabei noch arbeiten
könnte.

Wir müssen wieder lernen, Pause zu machen?

Man braucht eine Selbstfürsorge. Man braucht Pausen, man muss auch mal weg vom Schreibtisch. Längst ist doch erwiesen, dass es dem frischen Denken zuträglich ist, wenn man durch den Garten läuft oder eine Runde um den Block.

Aber wenn ich das mache, kommt sofort das schlechte Gewissen: Steht mir das zu? Im Homeoffice kann ich nicht mehr beurteilen, wie viel meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Konkurrenz wird so getriggert.

Es führt dazu, dass Sie gar nicht mehr aufhören zu arbeiten, weil Sie glauben, die anderen machen noch mehr als Sie. Die Angst, ins Hintertreffen zu geraten, ist immens. Da ist ein innerer Argwohn entstanden, gegen den man erstmal ankommen muss.

Das klingt aber, als sei es am Ende bloß eine persönliche Entscheidung zwischen zwei Extremen: entweder Selbstverwirklichung oder Selbstausbeutung, entweder Glück oder Unglück.

Das ist keine Entscheidung, die man allein trifft. Ich möchte unsere Untersuchung als dringenden Appell an die Führungskräfte in Unternehmen verstanden wissen. Man muss die Menschen anders führen, wenn sie im Homeoffice sitzen. Man hat eine andere Fürsorgepflicht. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen das Gefühl haben, dass sie gesehen werden – auch damit sie sich nicht immerzu mit Sichtbarkeitsdemonstrationen selbst unter Druck setzen. Der Gang zur Toilette darf nicht zum Wettlauf gegen die Zeit werden, das Lämpchen bei Teams muss nicht immer auf online leuchten. Führungskräfte sollten Gemeinsinn stiften, jetzt mehr denn je. Auch damit sich die Leute im Homeoffice nicht vom Arbeitgeber abkoppeln.

Wie schafft man Gemeinsinn, wenn in einem Arbeitgeberverhältnis die Hierarchien doch ziemlich klar definiert sind?

Indem man nochmal erklärt: Für was in einem Unternehmen gearbeitet wird, wofür die Firma steht, welche Werte sie vertritt, was sie anbietet – und was sie fordert. Leitplanken definieren! Und auf den jeweiligen Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin eingehen, sich klarmachen: Wen habe ich da vor mir? Was fällt dem leicht, was schwer? Braucht die viel Ansprache oder arbeitet sie lieber in Ruhe und eigenverantwortlich? Hybride Formen können zusätzlich helfen. Dazu ermutigen, einen Tag in der Woche ins Büro zu kommen, oder einmal im Monat ein Treffen arrangieren, um den Teamgedanken zu festigen. Übrigens wird den Führungskräften auch ganz viel genommen derzeit. Viele arbeiten ja gerne mit ihren Teams zusammen, und denen fehlt das total.

Aber die alte Bürowelt mit ihren Gruppenversammlungen an der Kaffeemaschine, dem klebrigen Stromberg-Humor, der verstaubten Yucca in der Ecke und Stau auf dem Arbeitsweg, die wünscht man sich auch nicht zurück.

Die will niemand zurück. Jedenfalls behaupten wir das. Und doch ist es realistischerweise so, dass das von Ihnen Beschriebene sehr viel von unserer Arbeitswelt ausmacht – und also nicht nur schlimm ist, sondern auch für diese Betriebstemperatur sorgen kann. Manchmal brauche ich den Kollegen, der wieder zu laut telefoniert, und sei es nur, um mich über ihn aufzuregen. Im Homeoffice bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, jeden Tag. Ich habe gar kein Ventil für negative Emotionen.

Auf der Arbeit gewöhnt man sich mit der Zeit an vieles, an die Unannehmlichkeiten auch, an all das also, was nervt. Wieso gelingt das im Homeoffice nicht?

Vielen gelingt das. Die haben sich zurechtgeruckelt, haben wieder die Türen eingehängt, um sich abzugrenzen. Die haben auch verstanden, dass es eine feste Zeit braucht, zu der man die Arbeit beendet. Aber es gibt eben auch jene, die zuerst dachten: Das mit dem Homeoffice geht ein paar Wochen. Und jetzt merken sie, dass es doch länger dauert. Manche geraten in etwas hinein, was wir als Long Homid bezeichnet haben: mit Gefahren des Burnouts, der Weltfremdheit und Verwahrlosung.

Sagen Sie mal, Frau Langebartels, diese Untersuchung, in der Sie mit dem Homeoffice hart ins Gericht gehen – ist die eigentlich im Homeoffice entstanden?

Von meiner Seite ja, zumindest die allermeiste Zeit. Ich war im Homeoffice. Die Kollegen, die viele der tiefenpsychologischen Interviews geführt haben, ebenfalls. Nur manchmal mussten wir uns für ein Meeting richtig zusammensetzen.

Und ich soll Ihnen glauben, dass Sie nie in die Fallen der Selbstausbeutung getappt sind?

Sagen wir so: Ich kann dem Homeoffice viel abgewinnen und auch zuhause konzentriert arbeiten. Mir fehlen nur die Ausschläge, mir fehlt die kalte Luft am Morgen, mir fehlt das Unerwartete. Es ist immer alles gleich temperiert. Ich brauche ab und zu das Office. Um einen Ausgleich zu schaffen, bin ich viel laufen gegangen. Am Ende eines langen Tages noch ein Spaziergang, doch, mir hilft das. Und nicht zuletzt helfen mir auch der Trubel und die Anforderungen meiner Familie.

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Birgit Langebartels

Birgit Langebartels


Birgit Langebartels, Diplom-Psychologin, ist Account-Managerin und Leiterin Kids & Family Research beim Kölner Marktforschungsinstitut rheingold. Sie forscht auf den Gebieten Frauen, Gesellschaft/Kultur/Trends sowie Pharma/Gesundheit und ist seit 1999 bei rheingold erfolgreich tätig.

Tel.: +49 221-912 777-14
E-Mail: langebartels@rheingold-online.de

rheingold ist Institut für qualitative Markt- und Medienanalyse.