Warum viele Menschen gerade im Urlaub die Virus-Angst verlieren und auf Mallorca abfeiern, erklärt Stephan Grünewald im Focus-Interview.


Kein Abstand und keine Maske – aber dafür Bier und Sangria in rauen Mengen: Nicht nur am Ballermann auf Mallorca feiern Deutsche gerade so, als ob die Corona-Krise schon überstanden wäre. Stephan Grünewald über die Auswüchse der Coronakrise.

Herr Grünewald, nicht nur auf Mallorca sind am Wochenende Deutsche bei wilden Partys eskaliert. Auch in Österreich, Kroatien und Südfrankreich wurden Abstands- und Maskengebot bewusst ignoriert. Gibt es eine psychologische Erklärung dafür, dass sich so viele im Urlaub wie Corona-Chaoten verhalten?

Wenn wir verreisen, suchen wir buchstäblich das Weite. Viele bestreiten das ganze Jahr mit Disziplin und Formstrenge. Im Urlaub wollen sie dieser Enge entfliehen, sie genießen die Sinnlichkeit und Unbeschwertheit des Südens und legen buchstäblich Hemd und Hemmungen ab. Wenn dann auch noch Alkohol hinzukommt, zersetzt das das Kontrollvermögen, wir verflüssigen uns im Rausch und wollen nicht nur den nächsten, sondern die ganze Welt umarmen.

Genau das ist auf Mallorca geschehen. Die Exzesse am Ballermann sind ja nicht exaltierter als sonst – sie finden nur unter anderen Voraussetzungen statt. Dass es nach Aufhebung der Reisebeschränkung zu solchen Szenen kommen würde, war voraussehbar. Wir konnten diese Tendenz anhand unserer psychologischen Tiefeninterviews schon länger ablesen.

Was erzählen Ihnen die Menschen?

Viele Menschen empfinden derzeit eine wachsende große Sehnsucht nach Gemeinschaft, Nähe und Umarmung. Wir alle haben in den letzten Monaten ja eine Art soziale Fastenzeit erlebt. Und wie beim normalen Fasten ist die Lust auf Kuchen, Fleisch und Völlerei nach der Entbehrung groß. Nicht nur jungen Menschen verspüren eine große Lust nach Verbrüderung und Vergeschwisterung, nachdem das Schlimmste überstanden scheint. Auf Mallorca suchen manche daher nicht nur das Bad im Mittelmeer, sondern auch in der Menge. Nicht allen reicht es, weiter zu Hause zu bleiben oder den regelkonformen Kontemplativ-Urlaub an Nord- und Ostsee zu verbringen. Viele wollen Partylaune, steil gehen, einen drauf machen. Vor allem die Jugend.

Warum eskalieren jetzt vor allem junge Leute?

Die Jugend wurde durch den Lockdown in eine Art Vorruhestand geschickt. All die Einschränkungen, die erzwungene Häuslichkeit, das kontemplative Momentum der Entschleunigung entsprechen nicht dem Lebensduktus der Jugend. Die Jugend ist die Zeit des Überschwangs und des Aufbegehrens. Jungen Menschen geht es ums Experimentieren mit dem Leben, um sexuelles Ausprobieren, ums Küssen, Händchenhalten, um Fernreisen und Auslandssemester.

All das war in den vergangenen Monaten nicht möglich. Junge Menschen wurden durch die Coronakrise also viel stärker in ihren Ausbreitungstendenzen beschränkt als ältere Semester. Was wir jetzt erleben, ist eine abrupte Selbstbefreiung von Teilen der Jugend, ein neuer Corona-Überschwang, der auch verständlich ist.

Sie sprechen von einer Art Zwischenwelt in der wir leben, die seltsam gebremst und abgedämpft wirkt. Wie passt das mit der lautstarken Party-Wut am Ballermann zusammen?

Wir sind gerade dabei, uns in dieser neuen Zwischenwelt einzurichten; und das ist gar nicht so leicht. Einerseits können wir wieder Freunde treffen, einkaufen gehen und reisen. Andererseits führen wir immer noch ein Leben mit der Handbremse, weil die Gefährdung durch das Virus ja nicht verschwindet. Es geht jetzt also darum, unseren Alltag komplett neu zu normieren und Spielregeln zu finden, die das Spannungsverhältnis aus Einschränkung und Ausleben regulieren.

Dieses Austarieren passiert mitunter auch durch Grenzüberschreitungen in die eine oder andere Richtung. Wenn Menschen auf Mallorca wild feiern und dabei keinen Abstand halten und auf Masken verzichten, stellen sie die Regeln unserer neuen Welt nach Corona auf die Probe. Die momentane Phase gleicht in gewisser Weise also dem Kinderspiel „Fischer, wie weit darf ich reisen“: Die Menschen probieren aus, wie weit sie gehen können, ohne aus der Kurve zu fliegen.

Die Partygänger auf Mallorca testen also ihre „Corona-Grenzen“ aus. Ein Kinderspiel ist das aber nicht. Immerhin geht es um die Gesundheit anderer Touristen und der Inselbevölkerung.

Daher ist auch eine elterlich Autorität notwendig. Am Ballermann oder auf den Feierplätzen in Deutschland müssen Ordnungskräfte auf die Regeleinhaltung achten, sonst wird die Regel zur Farce. Die neue Normierung unseres Alltagslebens ist daher für alle anstrengend. Sie nervt und ist mit sehr viel Ärger und Wut verbunden. Die einen regen sich über diejenigen auf, die die Regeln ignorieren und unsere Gesundheit dadurch gefährden. Den anderen sind gerade jene ein Dorn im Auge, die am in ihren Augen obsolet gewordenen Masken- und Abstandsgebot festhalten oder die Regelbeachtung durchsetzen. Wir erfahren also alle gerade eine gewisse produktive Ernüchterung. Unser neues Leben nach Corona ist eben eine schwere Geburt.

In der Corona-Krise haben wir viel von einer neuen Solidarität gesprochen. Droht uns jetzt eine Post-Corona-Kluft in der Gesellschaft?

Die Zwischenwelt, in der wir jetzt gerade leben, wartet mit einem Dilemma auf, das uns alle betrifft – nicht nur die Touristen auf Mallorca, sondern alle Deutsche. Wir müssen mit der Tatsache fertig werden, dass wir einerseits weiterhin vorsichtig sein sollen, um unsere Gesundheit und die der anderen nicht zu gefährden. Andererseits wollen viele nach den Monaten des Social Distancings aber endlich wieder Nähe und Intimität spüren, sie wollen sich umarmen und sich als Gruppe erleben. Wir erleben also gerade den klassischen Konflikt zwischen Einschränkung und Ausleben, der durch die besondere Situation extrem zugespitzt wird.

Damit wächst auch die Gefahr, dass sich in dieser Situation fundamentalistische Lager herausbilden. Die einen setzen auf volle Risikominimierung und Abschottung, sie laufen von morgens bis abends mit Maske herum und dramatisieren die Corona-Gefahr. Die anderen ignorieren, bagatellisieren oder leugnen die Gefahr, sie feiern am Ballermann und andernorts sich selbst und den Exzess und verhalten sich so, als wäre nichts gewesen.

Dieses Spannungsfeld müssen wir jetzt aussöhnen. Die große Herausforderung besteht darin, einen vernünftigen und gesunden Mittelweg zwischen Einschränkung und Lebenslust zu finden.

Ein umstrittener Punkt dabei ist die Maskenpflicht. Viel wurde in den vergangenen Wochen über Sinn und Unsinn des Mundschutzes diskutiert. Wie stehen die Menschen zur „Corona-Maske“?

Die Maske ist für die Deutschen ein Mahnmal, das uns daran erinnert, dass Corona noch nicht vorbei ist. Niemand trägt sie gerne. Trotzdem überwinden sich die meisten, um sich und vor allem die anderen vor dem Virus zu schützen. Gleichzeitig bevormundet sie uns im wahrsten Sinne des Wortes: Unser Leben begründet sich durch unser Atmen, Essen und Sprechen. Diese Grundfunktionen des Lebens und Kommunizierens werden durch diesen „Maulkorb“ eingeschränkt.

Das viel größere Problem: Die Maske ist dabei, zu einer Klassifikation, zu einem Erkennungszeichen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zu werden – nach dem Schema: Hier die Maskenträger und Erfüllungsgehilfen, dort die Nicht-Träger und die Hasardeure. Das sorgt nicht nur für Zündstoff. Die Maske wird auch gar nicht mehr als das gesehen, was sie eigentlich ist: eine Schutzvorrichtung. Stattdessen dient der Mundschutz als Wappen, als Fahne einer Fraktion in der neuen Post-Corona-Welt.

Befürworter der Maskenpflicht argumentieren, der Mundschutz helfe uns dabei, eine zweite Virus-Welle zu verhindern. Wären die Deutschen psychisch überhaupt in der Lage, nochmal einen Lockdown mitzumachen?

Der erste Lockdown hat deshalb vergleichsweise gut funktioniert, weil es in Deutschland einen kollektiven Schulterschluss gegen das Virus gab. Alle wollten raus aus der Ohnmacht – und es hat funktioniert, weil die Gesellschaft sich einig war in dem, was gegen den Viruskampf unternommen wurde.

Diese Einmütigkeit haben wir inzwischen nicht mehr. Falls ein zweiter Lockdown nötig werden würde – was ich im Moment für unwahrscheinlich halte – müssten dieser unter Androhung drakonischer Strafen durchgesetzt werden. Es wäre ein höchst schwieriges Unterfangen – und ein Schlag ins Gesicht vor allem derjenigen, die sich immer stark eingeschränkt haben.

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Stephan Grünewald


Der Psychologe Stephan Grünewald aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald wurde u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie "Wie tickt Deutschland" (2019) Bestseller-Autor.

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