Arbeitsleben in der Pandemie: Home-Worker brauchen Begleitung

Home Office bedeutet für die Home-Worker viel mehr als nur zu Hause zu arbeiten. Neue Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit oder Arbeitsleben und Familienleben müssen gezogen werden. Das ist eine Herausforderung, die Unterstützung und Begleitung der Unternehmen erfordert. Birgit Langebartels hat die neue Arbeitswelt und ihre Erfordernisse erforscht. Ihre Ergebnisse hat sie mit der Lebensmittelzeitung geteilt.

Leere Büroflure, aber viele rauchende Köpfe in Privatwohnungen: Corona macht Homeoffice wieder auf breiter Front notwendig. Zu Beginn der Pandemie, im Frühjahr 2020, stöpselten Millionen Arbeitnehmer ihren Laptop erstmals außerhalb des Unternehmens ein. Seitdem verhalf der Praxistest dem mobilen Arbeiten zu großer Anerkennung: Kaum ein Unternehmen beklagte sich über schlechte Ergebnisse. Aber die Gefühle der Menschen schlugen im Zeitverlauf Wellen und so wird die Rückkehr zur Homeoffice-Pflicht diese Woche einige traurig bis entsetzt stimmen.

„Wir sind einem Entfesselungsversprechen aufgesessen“, erklärt Birgit Langebartels, Diplom-Psychologin und Head of Kids and Family Research bei Rheingold. Für viele sei das Homeoffice zu Beginn eine Verheißung gewesen, die die große Freiheit verspricht und die Möglichkeit, Grenzen zu überwinden. „Yoga, Kinder erziehen, Rasen mähen und im Job performen – all das und noch viel mehr scheint plötzlich gleichzeitig möglich und nötig.“

Aus dem Blick geriet, was man aufgab: Das Ritual, sich zurecht zu machen, zur Arbeit zu fahren, geplante und zufällige Begegnungen zu haben, im vertrauten Büro zu sitzen, die Pause mit Kollegen zu verbringen, verpflegt zu werden. „Die Seele braucht Struktur“, erklärt die Psychologin. Fällt sie weg, steht viel auf dem Spiel: „Ich muss mich selbst auf Betriebstemperatur bringen und ständig mit mir allein verhandeln, wie viel ich arbeite, was ich privat nebenher machen darf, und ob ich mich überhaupt noch mit meinem Job identifiziere, wenn ganz viel von dem wegfällt, was mir früher Halt gegeben hat am Arbeitsplatz.“

Ein gelungenes Homeoffice sei nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Technik, Arbeitsplatz und Ungestörtheit, zeigt die Untersuchung, die mit der Business & Law School in Berlin durchgeführt wurde. Sie basiert auf 94 zweistündigen Tiefeninterviews und 54 quantitativen Interviews. Vielmehr seien komplizierte seelische Kräfte am Werk, die nicht selten zu beeinträchtigenden Spannungen führen bis hin zu Burnout und Verwahrlosung. Das Rheingold Institut veranschaulicht das an vier Typen. Doch sei niemand davor gefeiht, dass die Balance zwischen Home und Office zeitweise aus den Fugen gerate – auch „Home-Offiziere“ nicht.

„Long Homid“ haben die Rheingold-Psychologen das Phänomen getauft – angelehnt an die Langzeitwirkung einer Corona Infektion. „Long Homid“ hat seinen Ursprung in freiwilliger Selbstausbeutung, nicht endenden Arbeitszeiten, aber auch Langeweile, Einsamkeit oder dem Gefühl, für die geleistete Arbeit nicht mehr gesehen und gewertschätzt zu werden. Mit mangelnder Sichtbarkeit hätten übrigens gerade Führungskräfte zu kämpfen. Typisch auch: Viele Menschen geraten nach anfänglicher Begeisterung erst spät in eine Spirale aus Erschöpfung, depressiver Verstimmung und empfundener Selbstauflösung. Ihnen fehlt die Office-Gemeinschaft und damit das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Die Öffnung der Büros im Zuge der Corona-Lockerungen hat sie sicher gefreut. „Doch eine Rückkehr in alte Zeiten wird es nicht geben“, sagt Langebartels. Hybrides Arbeiten wird normal und über die Krise hinaus haben viele Firmen längst Regeln getroffen. „Sobald aber im Homeoffice gearbeitet wird, verändert sich automatisch auch die Arbeit im Büro“, erklärt die Psychologin. Schon weil manche Kollegen und Chefs fehlen. Sie plädiert an Unternehmen und Führungskräfte, bei dieser großen Arbeitsumstellung weniger die Leistungskontrolle im Fokus zu haben, als vielmehr die seelische Herausforderung für die Mitarbeiter. „Oft hilft es schon, das Bedürfnis nach Sichtbarkeit zu erkennen und durch regelmäßige virtuelle Treffen Bindung und Wertschätzung zu vermitteln“, sagt sie. „Sehen, was der Einzelne braucht“, sei essenziell. „Ist es Zuspruch, sind es klare Ansagen? Wie kann ich einen Austausch pflegen, der nicht leistungsgebunden ist?“ Das gelte nicht nur für die einzelnen Mitarbeiter, sondern auch für ganze Teams.

Homeoffice als langfristiges Arbeitskonzept erfordere neue Maßnahmen: „Werkstolz und sinnstiftenden Gemeinsinn“ nennt sie als Stichwort. „Schauen, was geschafft wurde und sich gemeinsam darüber freuen. Nicht nur To- do-Listen anlegen, sondern Schlusspunkte hinter Projekte setzen.“ Je nach Arbeitstyp seien manche Mitarbeiter über „individualisierte Leitplanken“ glücklich. In der IT etwa sei Monitoring weit verbreitet. Vorteil: „Es nimmt die Bürde der totalen Selbstverantwortung ab.“ Selbsterkenntnis hilft dabei, gut durch den Winter zu kommen – am offensichtlichsten ist das bei „Privatiers“ und „Selbstausbeutern“.

Von Julia Wittenhagen (Lebensmittelzeitung.net 26.11.2021)

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Birgit Langebartels

Birgit Langebartels


Birgit Langebartels, Diplom-Psychologin, ist Account-Managerin und Leiterin Kids & Family Research beim Kölner Marktforschungsinstitut rheingold. Sie forscht auf den Gebieten Frauen, Gesellschaft/Kultur/Trends sowie Pharma/Gesundheit und ist seit 1999 bei rheingold erfolgreich tätig.

Tel.: +49 221-912 777-14
E-Mail: langebartels@rheingold-online.de

rheingold ist ein qualitatives Markt- und Medienforschungsinstitut. Jedes Jahr werden tausende tiefenpsychologische Interviews geführt, die die Basis der Forschung bilden.