Statt Verzicht zu üben, wird Verantwortung delegiert

„Keinen Verzicht üben – und sich dennoch rein fühlen,“ ist der Weg, den die Konsumenten gehen. Stephan Grünewald sprach im Februar 2022 im Handelsjournal über eine Nation im Machbarkeitsdilemma, daraus resultierende Ohnmachtsgefühle und die Elternfunktion traditionsreicher Marken.

Herr Grünewald, als wir recht zu Beginn der Coronapandemie miteinander sprachen, sagten Sie, die Menschen reagierten auf die von Vater Staat veranlasste kollektive Ruhigstellung wie gehorsame Kinder. Wie ist es nun, zwei Jahre später, um das Vertrauen der Deutschen in den Staat bestellt?

Das Vertrauen ist massiv geschwunden, die Menschen sind in einem No-Future-Modus angekommen. Sie zweifeln nicht nur, sie verzweifeln geradezu an den politischen Verantwortungsträgern wie auch an den staatlichen Institutionen. Der verbreitete Eindruck ist, dass sich die Probleme auftürmen – und niemand einen Plan hat, wie sie zu lösen wären. Das betrifft nicht allein den Umgang mit der Pandemie, sondern auch Themen wie den Ukraine-Konflikt, die Inflation und den Klimawandel. Die Nation sieht sich in einem fundamentalen Machbarkeitsdilemma gefangen. Die Antwort darauf ist der Rückzug ins persönliche Schneckenhaus.

Woher rührt der Vertrauensverlust der Bürger?

Angesichts der großen und oft sehr abstrakten Probleme unserer Zeit vermissen die Bürger eine richtunggebende Programmatik. In der Pandemie mit der Bazooka Härten zu mildern, sorgt punktuell für Beruhigung, ersetzt aber weder eine konsistente Strategie noch eine übergeordnete Orientierung. Das verstärkt die Entzweiung der Gesellschaft: Die einen wünschen sich Schutz durch harte Maßnahmen, andere finden das übertrieben oder leugnen die Bedrohung. Das Kernproblem bleibt, dass Zielsetzungen ständig neu verhandelt wurden: Mal geht es um Triage-Vermeidung, dann um Inzidenzwerte, zwischendurch um Hospitalisierungszahlen und nun ist die Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur das Ziel.

Vertrauensverlust in einer Krise verstärkt die Unsicherheit. Wie spiegelt sich diese im Konsumverhalten wider?

Mit Corona sind die Menschen einer Gefahr ausgesetzt, die sie nicht wahrnehmen können. Gewohnte Abwehrhandlungen laufen folglich ins Leere. Aus diesem Ohnmachtsgefühl kommt es zu einer Verlagerung der Bewegungen: Wir werkeln und basteln, um unser Heim zu verschönern. Oder rücken mit drakonischem Eifer dem Schmutz zu Leibe, weil es uns ein Gefühl von Selbstwirksamkeit gibt, zumindest diesen sichtbaren Feind zur Strecke bringen zu können. Insofern ist der Baumarkt zum Tempel des selbstbezüglichen Konsumenten geworden. Er kompensiert in seinem Corona- Biedermeier den Verlust an Exotik, die er früher auf seinen täglichen Bahnfahrten oder alljährlichen Urlaubsreisen durch die Begegnung mit unbekannten Menschen erfahren konnte. Wir erleben eine neue Weltfremdheit.

Das gesamte Interview können Sie hier nachlesen.

Zum Interview mit dem Handelsjournal

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Stephan Grünewald


Der Psychologe Stephan Grünewald aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald wurde u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie "Wie tickt Deutschland" (2019) Bestseller-Autor.

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