Es ist kompliziert - über die Beziehung der Deutschen zur Bahn

Die Deutschen und ihre Bahn führen eine ambivalente Beziehung. Sie wird als Selbstverständlichkeit wahrgenommen, die, wenn sie zu spät kommt oder mitten im Nichts stehen bleibt,  “Ohnmachtsgefühle” auslöst. Andererseits “kutschiert sie uns durch die Gegend”, löst Kindheitserinnerungen aus und war neben den Supermärkten die zweite verlässliche Konstante während des Lockdowns. Im Interview mit Mark Spörrle und Claas Tatje von Zeit Online skizziert Stephan Grünewald den Beziehungsstatus zwischen den Deutschen und ihrer Bahn.

Herr Grünewald, der Sommer und die Ferienreisezeit kommt, die Pandemie-Schutzmaßnahmen werden gelockert, und es fahren wieder mehr Menschen Bahn – jetzt mit einem anderen Gefühl als vorher?

Die Grundsorge, sich zu infizieren, fährt immer noch mit. Wir erleben im Moment einen Übergang: Das Gebot – “du sollst nicht mobil sein” – ist ersetzt worden durch “Bahnfahren, das geht wieder”. Bis zum zweiten Schritt, »Bahnfahren ist ein soziales Event, das ich genießen kann«, dauert es noch etwas.

Sitze sind im Moment sicherheitshalber gesperrt, weil die Bahn versucht, die Reisenden auf Lücke zu verteilen. Auch wenn wir an Infektionsgefahren der Zukunft denken: Vor ziemlich genau 30 Jahren fuhr der erste ICE in Deutschland. Damals reisten die Fahrgäste noch viel mehr in Abteilen. Später setzte die Bahn auf Großraumwagen. Waren Abteile nicht doch die bessere Alternative?

Abteile sind ein geschlossener sozialer Raum in dem die Reisenden viel stärker aufeinander bezogen sind. Dadurch entsteht eine Nähe, der man sich nur schwer entziehen kann. Im Großraumwagen sitzt man zwar physisch auch nahe zusammen, hat aber wesentlich mehr Freiraum für sich. Und für das, was man tun will. Die Großraumwagen sind nach Funktionalität unterteilt: Handyzonen, Ruhebereiche – das gab es früher alles nicht. Der Hintergrundgeräuschteppich suggeriert eine soziale Einbettung – selbst wenn ich autonom bleiben will. Wie in einem mobilen Kaffeehaus kann der Bahnreisende sein Homeoffice oder seine Lektüre in den Zug hinein verlagern…

Klingt, als sei die Bahn für viele schon ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Was für eine Beziehung haben wir Deutsche überhaupt zur Bahn?

Es ist eine sehr innige Beziehung, die immer auch mit Kränkungen verbunden ist. Die Bahn ist für die Menschen eine Selbstverständlichkeit. Sie kutschiert uns durch die Gegend und transportiert so auch ein Kindheitsgefühl. Sie versetzt uns zurück in die Zeit, als Papa und Mama uns herumfuhren. Und wenn etwas nicht klappt, fühlen wir uns vernachlässigt.

Die staatliche Fürsorge beim Transport wird uns sogar vom Grundgesetz garantiert. Artikel 87e legt fest, dass dem »Wohl der Allgemeinheit (…) beim Ausbau und Erhalt des Schienennetzes der Eisenbahnen des Bundes sowie bei deren Verkehrsangeboten (…) Rechnung getragen wird«. Haben wir nicht generell sehr hohe Erwartungen an die Bahn?

Sicherlich. Sie wird sozusagen als staatliche Institution angesehen, und damit ist sie fast schon ein persönlicher Besitzstand der Menschen. Unbewusst werden dann noch Beförderungs-Ansprüche transportiert, die wir hatten, als wir noch nicht selbst fahren konnten. Werden diese nicht erfüllt, erleben wir das als persönliche Zurücksetzung. Da rangiert weder Vernunft noch Verständnis: Zum Autonomieverlust gesellt sich dann das Gefühl, nicht geliebt zu werden.

Gibt es somit ein gefühltes Menschenrecht auf Beförderung?

Zumindest ein Gewohnheitsrecht: Erst wurden wir im Mutterleib kostenlos befördert, dann im Kinderwagen, danach hatten wir elterliche Chauffeure. Diese Anspruchshaltung überträgt sich ganz gewiss auf die Bahn.

Woher kommt eigentlich der Pünktlichkeitswahn, was die Bahn angeht? Im Auto sind wir doch ständig später, als das Navi verspricht…

Beim Autofahren führen wir einen ständigen Kampf gegen die Uhr. Wir sind laufend dabei, ein paar Minuten gutzumachen. Zugleich haben wir es selbst in der Hand, mal den Schlendrianmodus zu wählen und einen Gang zurückzuschalten. Der Bahn können wir nicht sagen: Fahr mal schneller. Und damit sind wir wieder bei der Ohnmacht. Einziger Trost: Verlässlichkeit.

Mit dem Bahnfahren verbinden die Menschen im Land doch auch viel Positives …

Es ist ein Zugewinn an Handlungsoptionen. In der Bahn kann ich arbeiten, mich unterhalten, aus dem Fenster gucken, Essen gehen, lesen, stricken oder schlafen. Die Kunst besteht ja gerade darin, aus der geschenkten Zeit etwas zu machen. Bahn fahren ist gewissermaßen eine Dehnungsfuge im hektischen Hamsterrad, das wir Alltag nennen. Da können wir unsere Perspektive wechseln und mit anderen ins Gespräch kommen. Das Problem ist nur, dass viele Leute die Bahn mittlerweile als mobiles Büro nutzen und dann gar nicht mehr zur Ruhe kommen.

Wie kommt es, dass sich manche Menschen im Zug rücksichtsvoll benehmen und andere weniger?

Bahnfahrer verhalten sich dann rücksichtslos, wenn sie sich zu wenig wertgeschätzt oder versorgt fühlen. Wenn ich an einen Schaffner gerate, der mich anraunzt, oder ich auf ein ungepflegtes Ambiente treffe, verstärkt sich dieses Gefühl noch, und ich neige dann dazu, mich selbst weniger an Regeln oder die Etikette zu halten. In seltenen Fällen heißt es dann: Ich pöbele, also bin ich.

Bleiben wir beim Bahn-Gefühl. Viele Menschen empfinden ihr Auto als Wohnzimmer auf Rädern, als Verlängerung des eigenen Selbst. Wie sieht es da beim Großraumwagen im Zug aus?

Das Auto ist eine individuelle Blase, ein Klangkörper, in den nichts Fremdes eindringt, der perfekte Rückzugsort. Da bin ich in meinem Kokon – ganz anders als im Großraumwagen eines ICE. Die Pandemie hat den Wunsch nach sozialer Distanz noch verstärkt: Aus einer Kultur der Nächstenliebe wurde eine Kultur der Fernbeziehung. Im Auto haben wir einen hermetisch abgeriegelten Raum; in der Bahn muss ich ständig darauf achten, ob die Abstände noch stimmen, und will auch nicht mit drei wildfremden Menschen an einem Tisch sitzen.

Hat uns die Bahn nicht auch Halt gegeben in schweren Zeiten?

Das ist zweifellos gelungen. Der Alltag der Menschen wurde zum Beispiel im Lockdown urplötzlich ausgehebelt. Nur auf zwei Dinge war Verlass: Das eine waren die Supermärkte, die offen hatten, das andere die Bahn, die einfach weiterfuhr, obwohl die Züge leer waren. Das war schon ein starkes Signal, das mit einem Sympathiegewinn einherging: “Du kannst immer mit uns rechnen.”

Wird die Beziehung der Deutschen zur Bahn jetzt erwachsener, weil es mit dem Kampf gegen den Klimawandel um die ganz große Sache geht?

Es stimmt, dieser unausgesprochene Pakt zwischen Bahn und Reisenden rückt das Zugfahren in den Dienst einer höheren Sache. Das könnte dann manche Enttäuschung der Reisenden lindern.

Veröffentlicht wurde das Interview am 31.05.2021 auf Zeit Online.

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Stephan Grünewald

Stephan Grünewald


Der Psychologe Stephan Grünewald aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald wurde u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie "Wie tickt Deutschland" (2019) Bestseller-Autor.

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