Gebremste Wut der Wähler - Eigenstudie zur Bundestagswahl 2017
Gebremste Wut der Wähler - Eigenstudie zur Bundestagswahl 2017
04.09.2017


Die Wähler fühlen sich allein gelassen und gekränkt. Das ist das Ergebnis von 50 zweistündigen psychologischen Tiefeninterviews, die das Kölner rheingold Institut vor der Bundestagswahl zur Befindlichkeit der Deutschen durchgeführt hat.

„Die seelische Situation der Wähler ist kippelig“, sagt Stephan Grünewald. „Solches Wüten, so viel Hass bei den Probanden habe ich noch nie erlebt.“ Gleichzeitig hätten die Menschen eine große ungestillte Sehnsucht nach Sicherheit und Orientierung. Das führe zu einem halbherzigen und angstgetriebenen Wahlverhalten. „Nutznießerin sind vor allem ‚Mutter Merkel’ mit ihrem Stabilitätsversprechen und der junge, durchsetzungsstarke FDP-Kandidat Christian Lindner mit seinem politischen Sex-Appeal.“

Die weiteren wichtigsten Ergebnisse der Studie:

• Das Misstrauen gegenüber Politikern wächst rasant. Der Wahlkampf wird als Ablenkungsmanöver empfunden, um den wahren Problemen auszuweichen.


• Deutschland wird trotz des Wohlstandes als verwahrlostes Land mit maroden Schulen, No-Go-Areas, sozialer Ungerechtigkeit und Geheim-Absprachen zwischen Politik und Industrie gesehen.


• Zwar sind viele Wähler unzufrieden mit Angela Merkel (CDU), scheuen aber Veränderung aus Angst vor Instabilität.


• In der Wahlkabine werden sich die Wähler mit der Schönfärberei der Politiker arrangieren, sie schwanken zwischen halbherzigen Treue-Bekenntnissen zu Angela Merkel und kompensatorischen Korrektur-Versuchen.


Martin Schulz (SPD) wird der große Verlierer sein. Er füllt die ihm zugedachte Rolle als zupackender Vater und Messias nicht aus, sondern enttäuscht durch sein Auftreten als lieber Onkel und Berater.

• Die Grünen haben es schwer. Die Wähler verbinden mit ihnen „Dinkel und Dünkel“ und finden das Thema Umwelt nicht so wichtig.


Christian Lindner (FDP) füllt die Lücke nach dem Schulz-Hype und punktet vor allem im Team mit Mutter Merkel als der umsetzungsstarke sexy Held.


• Die AfD wird als Sprachrohr der Bevölkerung erlebt, es fehlt ihr aber eine berechenbare Leitfigur.

• Dieses Problem hat auch die LINKE, die aber ansonsten klar konturiert wirkt.


Die Ergebnisse im Detail:

Die Wähler sind vom Wahlkampf enttäuscht. Sie erleben die Schönfärberei und die austauschbaren Plakate als großes Ablenkungsmanöver. Das für die Wähler wirklich drängende Thema die Flüchtlingskrise wird komplett ausgespart. Für die meisten Wähler ist die Flüchtlingskrise immer noch ein wunder Punkt, der von der Politik noch nicht wirklich behandelt wurde.

Die Wähler können bis heute keine klare Haltung entwickeln zu dem mit der Flüchtlingskrise verbundenen existentiellen Dilemma. Mache ich die Tür für Fremde auf oder zu? Setze ich auf Neuerung oder auf Besitzstandswahrung? Die Menschen wollen hilfsbereit sein und haben gleichzeitig Angst, von den Fremden verschlungen zu werden, ihr Land nicht wieder zu erkennen.

Die Wähler erwarten Orientierung in ihrem Dilemma
Die Wähler erwarten von der Politik einen Umsetzungsplan, klare Leitlinien und sie wünschen sich Orientierung in ihrem Dilemma. Unfreiwillig fühlen sie sich vor die Entscheidung gestellt, entweder „Gutmensch“ oder „Nazi“ zu sein.

Die Wähler fühlen sich allein gelassen
Die Politiker haben es nicht geschafft, den Wählern in dieser Zerrissenheit zu helfen. Sie fühlen sich daher im Stich gelassen. Das Misstrauen gegenüber Politikern wächst rasant. Die Wähler fühlen sich weder gehört noch verstanden, unter der Oberfläche brodelt und rumort es. Das Misstrauen macht sich oft an Angela Merkel fest. Ist sie eine Schutzheilige der Heimat oder ein internationaler Willkommens-Engel? Wen liebt sie mehr – die eigenen Landeskinder oder die fremden Kinder, die Einlass nach Deutschland begehren?

Das reiche Deutschland als im Innern verwahrlostes Land
Aber auch das Unbehagen im Land wächst. Deutschland wird trotz seines Wohlstandes als verwahrlostes Land erlebt: Marode Schulen, kaputte Autobahnen, No-Go-Areas, Geheim-Absprachen zwischen Politik und Industrie, eine sich immer weiter öffnende soziale Schere, eine zunehmend gefühlte Unsicherheit im Alltag, in dem die gewohnte Selbstverständlichkeiten mehr und mehr verschwinden. Die Flüchtlingskrise hat dabei das schon lange vorher vorhandene Unbehagen in einer globalisierten Welt fassbar gemacht und weiter zugespitzt.
Unzufriedenheit und Misstrauen artikulieren sich vor allem in den sozialen Netzwerken. Hier hat das Toben und Wüten der Wähler eine neue Dimension erreicht. Die eigene Ohnmacht wird hier mit erbitterten Polarisierungen ausagiert. Die Kleinkriege und das hasserfüllte Klima im Internet schüren aber auch die Angst vor einer gesellschaftlichen Spaltung. Die Republik wird im Inneren als instabil wahrgenommen – verstärkt durch das Gefühl der als beängstigend erlebten äußeren Instabilität mit Brexit, Trump und Erdogan.

Aus Angst vor dem Hass bremsen die Wähler sich selbst aus
Der hassvolle Volkszorn macht den Wählern Angst, dass in Deutschland alles auseinanderfliegen kann. Diese Angst aktiviert bei vielen eine Selbst-Bremsung. Sie verpflichten sich stillzuhalten, die Verhältnisse nicht grundsätzlich in Frage zu stellen. ‚Nur nicht dran rühren‘ lautet die insgeheime Devise: Mutter Merkel darf auf keinen Fall verprellt und abgewählt werden, denn sie ist die Einzige, die die wölfischen Despoten - Erdogan, Putin oder Trump - zur Räson bringen kann. Zudem ist Deutschland ja trotz aller Mängel immer noch das sicherste und erfolgreichste Land der Welt.

Angela Merkel – Bewährtes auf Bewährung
Letztendlich arrangieren sich die Wähler mit der Schönfärberei, die die Politiker betreiben. Auch sie fressen Kreide. In der Wahlkabine schwanken sie zwischen halbherzigen Treue-Bekenntnissen zu Merkel und kompensatorischen Korrektur-Versuchen. Während für fast alle Wähler der Sieg Merkels gesetzt ist, wollen vor allem die Anhänger der kleineren Parteien ein Signal setzen, den Kurs der Kanzlerin in die gewünschte Richtung zu korrigieren.

Ein starkes Team mit Mutter Merkel und sexy Lindner
Mit der FDP soll frischer Wind und Modernität in die Politik einkehren. Die erfahrene Mutter Merkel und der junge Held Lindner werden als bestes Team erlebt. Die wiedererstarkte Aktualität der FDP macht sich vor allem an ihrem Parteivorsitzenden fest, über den die Wähler viel lieber reden als über andere Politiker. Es herrscht geradezu eine „Lindner-Geilheit“. Viele Wähler entpuppen sich als Fans, sie bekunden Bewunderung oder heimliche Verliebtheit. Er gilt als jung und cool, der Frauentyp mit 007-Ausstrahlung. Die FDP-Kampagne mit den unkonventionellen Privatfotos von Lindner fällt durch ihre Modernität und Nähe auf. Sie bezieht Stellung, ohne anzuecken. Trotz seiner „Selbstverliebtheit“ wirkt Lindner „staatsmännisch“. Ein „Trudeau-Typ“ oder „deutscher Macron“, der Durchsetzungsfähigkeit und Stärke verheißt. Christian Lindner füllt derzeit die Lücke nach dem abgeflauten Schulz-Hype.

Martin Schulz ist der schon vor der Wahl gescheiterte Messias
Die SPD mit Martin Schulz wird der große Verlierer der Wahl sein, weil der Kandidat die ursprüngliche Hoffnung auf eine umsetzungsstarke Leitfigur nicht erfüllen kann. In der Skepsis rund um Merkel kam im Frühjahr mit Martin Schulz jemand, der unverbraucht, volksnah und zupackend wirkte. Der Europa-Politiker wurde als rückgekehrter Vater erlebt, der endlich die Vätervakanz in der deutschen Politik ausfüllen sollte. Ein Messias mit konkretem Plan, den er auch umsetzen kann. Diese übersteigerte Erwartungshaltung konnte der Mensch Schulz allerdings gar nicht einlösen. Nach der Saarlandwahl merkte man, dass er keine Wunder wirken kann. Er füllt in den Augen der Wähler die Rolle des zupackenden Vaters nicht aus, sondern gilt als lieber Onkel und Berater. Die Zweifel an seiner Durchsetzungskraft werden vor allem durch die Schulz-Plakate genährt. „Er guckt in die Luft wie ein Traumtänzer.“

Die AfD kanalisiert das Wüten der Wähler
Die AfD soll sicherstellen, dass Merkel die Tür nicht wieder für die Fremden öffnet und die deutschen Werte verrät. Die AfD wird oft als Arbeiterpartei erlebt, als Sprachrohr der Bevölkerung: „Die artikulieren etwas ohne Aber.“ Ihre Vertreter beziehen als einzige Stellung, und „sie sind für Volksentscheide“. Die AfD verspricht die Befreiung von den Fremden und dem Befremden im eigenen Land - durch rigide Abschottung, nationalen Egoismus und eine Rolle rückwärts in die Beschaulichkeit der alten Bundesrepublik: „Die ändern was. Denn die sind gegen Frauenquote, Flüchtlinge und Homo-Ehe.“ Erst einmal sollen alle Deutschen einen Arbeits-oder Kindergartenplatz bekommen. Trotz ihrer radikalen Standpunkte im Osten gilt die AfD nicht als eine rechtsradikale Partei wie etwa die NPD. Die AfD kanalisiert zwar das Wüten der Wähler, aber ihr fehlt eine berechenbare Leitfigur. Es war daher aus Sicht der AfD ein Fehler, Frauke Petry auszubooten. Die beschriebene Selbstbremsung der Wähler führt auch dazu, dass die AfD allenfalls die drittstärkste Partei werden wird.

Die Wähler wollen sich von den Grünen nicht bevormunden lassen
Die Grünen werden es schwer haben. Sie haben ihre Markanz und ihre Leitfiguren verloren. Das Thema Umwelt ist für die Wähler derzeit nicht so relevant. Innere Sicherheit, persönlicher Wohlstand und soziale Gerechtigkeit sind wichtiger. Viele Bürger sehen die grüne Agenda zum Teil schon als erfüllt an: „Wir sind doch in Deutschland sowieso schon vorbildlich. Der Müll wird getrennt, und die Plastiktüten sind verschwunden.“ Mit den Grünen verbinden die Menschen daher nicht wie in der Gründerzeit der Partei Natur und Lebensfreude, sondern „Dinkel und Dünkel“: Bevormundung in Fragen der Ernährung oder der Mobilität, erdrückende moralische Überlegenheit. Der Kampf der Grünen für die Natur richtet sich zu oft gegen die eigene menschliche Natur. Selbst ihre Stammwähler bekunden, die Grünen allenfalls aus Gewohnheit noch einmal zu wählen.

Zweifel am Regierungswillen der LINKE
Die LINKE wird im Wahlkampf als klar konturiert erlebt. Sie tritt entschieden und glaubhaft für soziale Gerechtigkeit ein. Sie hat die Belange der kleinen Leute im Blick und zeigt das stärkste soziale Engagement. Zumindest hat sie die meisten Wähler noch nicht konkret enttäuscht. Allerdings wissen die Wähler auch nicht, ob sie überhaupt regieren will und ob sie ihre Forderungen auch umsetzen kann. Vor allem auf ihren Plakaten wirkt sie sehr dogmatisch. Sie setzt auf Parolen, die als radikal und einseitig erlebt werden. Das schürt die Zweifel der Wähler, ob die LINKE Gemeinsinn und verlässliche Verbindlichkeit herstellen kann. Ihr fehlt nicht nur auf den Plakaten eine Beziehungs-Qualität, eine verbindliche Leitfigur. Während Gregor Gysi noch als Politiker erlebt wurde, der durch Humor und Intellekt etwas Verbindendes hatte, wird Sahra Wagenknecht durch ihren harten und unerbittlichen Tonfall als polarisierend erlebt.


Das rheingold Institut hat vor der Wahl eine Tiefenanalyse der deutschen Befindlichkeit vorgenommen und fünfzig Wähler auf die Couch gelegt. Sechsundzwanzig in psychologischen Tiefeninterviews und die anderen in drei Gruppendiskussionen. Ein siebenköpfiges Psychologenteam war im Osten und Westen unterwegs. Zudem wurden in einer Social Media Analyse über 90.000 Beiträge zur Bundestagswahl ausgewertet.

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