Unkultivierte Streitkultur statt schöpferischer Auseinandersetzung

Der gesellschaftliche Aufbruch nach dem zweiten Lockdown ist ausgeblieben. Vielmehr wurde sich in glaubenskriegsähnlichen Debatten verkeilt, welcher Wissenschaftler Christ und wer der Antichrist ist. Dabei sind die Deutschen gar nicht per se gegen Veränderungen. Was sie brauchen sind Impulse der Politik, die durch ein realistisches Erwartungsmanagement konkrete Etappenziele vorgibt. Im Interview (hier in Auszügen) mit dem Manager Magazin spricht Stephan Grünewald über die Stimmung, Konfliktpotenziale und -hindernisse der Deutschen im Wahljahr 2021.

Herr Grünewald, die Geschäfte und die Biergärten haben sich zuletzt gefüllt. Kommt jetzt die große Nachholparty, der Rausch der vielbeschworenen „Neuen Roaring Twenties“?

Es gibt eine Lockerungseuphorie, gerade bei den Jüngeren, den unter 30-Jährigen, die froh sind, wieder ins Leben einzutauchen. Trotzdem sind wir eigentlich in einem Zwischenzustand. Bei vielen Älteren sehen wir sogar schon erste Ansätze von Lockdown-Nostalgie.

Die Coronazeit wird verklärt?

Einige haben sich darin gut eingerichtet. Sie waren finanziell alimentiert und froh, dass sie nicht mehr wildfremde Leute kennenlernen oder in ferne Länder reisen mussten. Alles wurde
überschaubar und entschleunigt. Wenn der Lebenskreis kleiner wird, nimmt das ja auch Druck weg. Einsame fühlen sich weniger einsam. Der Neid auf das Leben der anderen nimmt ab, weil im Lockdown alle das gleiche Leben führen.

Wie verbreitet ist dieses Gefühl?

Etwa 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung haben sich in diesem Corona-Biedermeier eingerichtet und tun sich jetzt schwer mit dem Übergang. Ihre anhaltende Vorsicht ist nicht nur der Pandemie geschuldet, sondern auch eine Art Lebensvorsicht und Risikoscheu. Ein unbewusster Prozess, der überspitzt gesagt dazu führen kann, dass man jede Chance nutzt, in den für sie entspannten Zustand der Corona-Isolation zurückzukehren.

Sie waren Mitglied des Expertenrats, in den sich Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen ein Dutzend Fachleute der verschiedensten Disziplinen geholt hatte. Was ist Ihr Rat an die Politik?

Wir alle müssen uns darauf einrichten, dass Covid-19 nicht mehr verschwinden wird. Es bleibt Teil unseres Lebens, allerdings mit einer Jahreszeiten-Rhythmik. Die Politik muss jetzt realistisches Erwartungsmanagement betreiben und zugleich Konzepte für den Herbst ausarbeiten, vor allem für die Schulen.

Zu Beginn der Pandemie haben Sie uns gesagt, diese Zwangsstillegung tue der Gesellschaft mal ganz gut. Sie biete die Chance einer kreativen Pause. Haben wir die wirklich genutzt?

In der ersten Phase: ja. Wir sind ja das Land des TÜVs und der Tüftler, waren anfangs sehr diszipliniert und haben gleichzeitig neue Konzepte entwickelt. Handel, Industrie und Gastronomie sind sehr kreativ an die Sache rangegangen. Damit war dann allerdings Schluss als im Herbst die zweite Welle kam. Diesen Rückschlag haben viele als Quittung für die Öffnungen im Sommer verstanden. Alles, was mit Kreativität und Öffnung zusammenhing, wurde von da ab pauschal verurteilt. So sind wir in eine Art zermürbenden Nicht-Zustand geraten: Es gab den Lockdown, der aber nicht konsequent war und so immer wieder verlängert wurde. Eine Art löchrige Passivität. Wenn aber irgendwo überlegt wurde, etwa vom Oberbürgermeister in Tübingen, was man jetzt mal aktiv als Modellregion probieren könnte, wurde auch das gleich diskreditiert. Wir waren nicht schöpferisch, aber auch nicht richtig passiv, wir konnten zwischenzeitlich kaum mehr miteinander kultiviert streiten und sind fast in eine Agonie hineingeraten.

Agonie? Wir haben eine große, zum Teil unversöhnliche Schärfe in der öffentlichen Debatte festgestellt.

Wir hatten zwei große Strömungen: Die Kanzlerin stand für den Ansatz, Mobilität um jeden Preis zu reduzieren. Der NRW-Expertenrat um Armin Laschet hat für eine kontrollierte Öffnung plädiert, um die Menschen aus den Grauzonen zu holen. Jeder fand ja irgendwie seine Schlupflöcher, aber wenn alles im privaten Partykeller stattfindet, lässt man sich vorher nicht testen und trägt auch keine Maske. Deshalb gingen die Zahlen auch nicht runter.
Der wissenschaftliche Disput hat in der Öffentlichkeit religiöse Züge angenommen. Wir sind in einen Glaubenskrieg geraten, in dem jede Richtung ihre Hohepriester hatte. Drosten und Streeck, Christ und Antichrist – die Wissenschaftler der anderen Seite wurden als geradezu satanische Gestalten diskreditiert. Letztlich waren das verzweifelte Versuche, aus diesem Ohnmachtsgefühl rauszukommen. Wieder einen greifbaren Gegner zu haben. Die Risse gingen quer durch Freundeskreise, manchmal sogar Familien. Da ist jetzt wirklich Versöhnungsarbeit notwendig, die aber in die Selbstvergessenheit des Sommers gerät. Wir arbeiten nicht auf und bilanzieren nicht.

Laut Allensbach-Umfrage sehen viele Leute heute ihre Meinungsfreiheit in Gefahr, weil jede Diskussion sofort moralisch aufgeladen wird. Auch um Gendersprache oder Ortsnamen wie „Mohrenstraße“ wird sehr heftig gestritten. Kommt da ein neuer Kulturkampf?

Angeheizt durch Corona prallen zwei Fronten aufeinander. Die einen, die sprachliche Korrektheit als Maulkorb und damit nach der Maske als erneute Bevormundung erleben. Die anderen, die darauf hinweisen, dass Sprache Wirklichkeit formt und die so in einer differenzierten Sprache einen Kultur-Fortschritt sehen. Aber die Bruchlinie liegt noch tiefer. Viele Menschen, die vielleicht noch auf dem Land leben, die bodenständig unterwegs sind, haben das Gefühl, dass ihr grundsätzlicher Lebensstil in Frage gestellt wird, nur weil sie halt immer noch grillen, Diesel fahren, rauchen oder Alkohol trinken. Viele fühlen sich pauschal diskreditiert nach dem Motto „Ihr seid schuld am Klimawandel.“ Es geht so weit, dass man mit einem Haupt- oder Realschulabschluss schon als mittlerer Versager dasteht. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist das Gift.

Also auch eine neue soziale Frage? Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie waren ja sehr ungleich. Die einen haben ihre Jobs verloren, andere profitieren von einem Boom, gerade an den Börsen. Einige Superreiche waren die größten Gewinner.

Krisen sind immer Entwicklungsbeschleuniger und damit zugleich auch Problemverstärker. Die soziale Schere ist weiter aufgegangen, die Gesellschaft steht sich zunehmend in Lagern gegenüber. Das müssen wir erst einmal moderieren, um dann die Lager wieder aufeinander zuzubewegen.

Was ist Ihr Rat?

Wir müssen dafür sorgen, dass es wieder mehr Räume gibt, wo die Menschen aus ihrer Milieu- oder Gesinnungslogik herauskommen. Durch die Pandemie sind wir ja noch stärker in den sozialen Medien und unseren Blasen verankert, alles ist virtuell geworden. Teile der Bevölkerung haben ihren Kompass verloren und suchen ein neues einfaches Weltbild. Da sind verschworene Gemeinschaften entstanden, in denen man dann eine soziale Einbettung hat und das Gefühl, über eine höhere Weisheit zu verfügen. Die klassischen Räume, wo Austausch, Perspektivwechsel und Versöhnung stattfinden, Kneipen, Restaurants, Stadion, selbst das Bahnfahren – das liegt alles in großem Umfang brach. Vielleicht sollte man die Schulzeit wieder auf 13 Jahre verlängern. Oder wieder ein verpflichtendes soziales Jahr einführen. Wir brauchen mehr Chancen, mit komplett andersdenkenden Leuten in Kontakt zu kommen. Wir müssen solche Strukturen gezielt stärken.

Die Jugendlichen und die Kinder haben Corona ganz anders erlebt als die Älteren. Was bedeutet das für das Generationenverhältnis?

Vor Corona hatten wir die Diagnose, dass der Generationskonflikt eigentlich nicht stattfindet. Die Grundangst der Kinder war nicht die vor autoritären Eltern. Sondern dass ihre Familie irgendwann auseinanderbricht. Das war das Damoklesschwert über jeder Kindheit. Selbst pubertierende Jugendliche hatten das Gefühl, das Familiensystem stabilisieren zu müssen. Noch die Fridays-for-Future-Proteste hatten diesen Charakter. Man wies die Erwachsenen darauf hin, dass etwas nicht im Lot ist. Aber ohne Entzweiung, am liebsten händchenhaltend mit den Lehrern, Eltern und Großeltern.

Und nach Corona? Eine große Jugendstudie zur Pandemie hat kürzlich gezeigt, dass die „Generation Reset“ immer noch recht regeltreu ist – aber mit ihrer Geduld am Ende.

Die Jugendlichen haben die Erfahrung gemacht, dass sie von der Krankheit fast gar nicht betroffen waren, aber den größten Verzicht leisten mussten. Ein Lockdown als kollektiver Vorruhestand ist für Jüngere ja viel schwieriger als für 60-Jährige. In der Öffentlichkeit gab es einen rapiden Bedeutungsverlust der Jüngeren. Vor Corona waren Greta und Rezo auch für Erwachsene Galionsfiguren. Heute sind das Drosten und Lauterbach. Jetzt, wo es eigentlich relativ unproblematisch ist, draußen zu feiern, erleben die Jugendlichen den Widerstand, so etwas zuzulassen. Nicht nur von Ordnungskräften, sondern auch von einem Teil der Erwachsenen.

Kommt der Generationenkonflikt also zurück?

Es braut sich etwas zusammen. Wir erleben gerade eine Art Erziehungsverkehrung. Früher wurde alles, was die Jugendlichen als Ausdrucksform entwickelten, ihre langen Haare, ihre Musik, von der Erwachsenenwelt diskreditiert. Dann, spätestens ab den 1990ern, hatten wir einen Jugendwahn. Die Erwachsenen wollten selbst so sein wie die Jugend. Jetzt fangen die Jugendlichen an, die Erwachsenen zu erziehen. Was darf man essen? Wohin darf man mit welchem Verkehrsmittel noch reisen? Vom Gendern sprachen wir schon. Und die Digitalerziehung ist sowieso Domäne der Jugend. Noch reicht das nicht für eine Gegenbewegung der älteren Generation. Aber das könnte kommen.

Die Vermeidung der Triage auf den Intensivstationen wurde letztlich erkauft mit zum Teil schweren psychischen Schäden für eine ganze Kinder- und Jugendgeneration.

Jugendliche brauchen das soziale Element und es ist noch nicht absehbar, was es bewirkt, dass die sozusagen aufs Trockendock mussten. Wir wissen auch noch gar nicht, wie groß die schulischen Defizite sind. Ich sehe aber sogar eine Gefahr darin, jetzt so viel Lernstoff wie möglich nachzuholen. Es ist jetzt auch wichtig, in den Schulen einen Raum zu schaffen, wo verarbeitet werden kann, was man da erlebt hat.

Europa kämpft technologisch und politisch um seinen Platz in der Welt. Ist das Corona-müde Land noch bereit zu solchen neuen Anstrengungen?

Unsere Studien zeigen, dass die Enttäuschten, Radikalen, Überforderten und Ängstlichen in der Minderheit sind. Die meisten Deutschen gehören zur Gruppe der Zufrieden-Moderaten. Sie wollen keine große Veränderung, sie verweigern sich aber auch nicht. Die zweitgrößte Gruppe sind die engagierten Optimisten. In der Corona-Zeit haben viele auch die Erfahrung gemacht, dass man etwas tun kann. Sie haben angefangen, selbst zu kochen, zu basteln, irgendetwas im Kleinen aufzubauen. Wir sind raus aus der Versorgungsdenke, wonach alles auf Knopfdruck funktioniert. Wenn man den Menschen in ihrem eigenen Bereich Wege aufzeigt, wie sie etwas verändern können, sind sie auch bereit, diese Wege mitzugehen. Man sollte allerdings nicht darauf warten, dass der große Veränderungsimpuls aus der breiten Bevölkerung kommt. Es braucht eine Politik, die einerseits verspricht alle mitzunehmen, dann aber auch selbst konkrete Etappenziele vorgibt.

Das Interview führten Sonja Banze und Christian Schütte. Es ist am 22.07.2021 im Manager Magazin (08/2021) veröffentlicht worden. HIer können Sie das ganze Interview nachlesen.

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Stephan Grünewald

Stephan Grünewald


Der Psychologe Stephan Grünewald aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald wurde u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie "Wie tickt Deutschland" (2019) Bestseller-Autor.

Tel.: +49 221-912 777-17
E-Mail: gruenewald@rheingold-online.de

Anmerkung:
Die Erkenntnisse zur Wahlstimmung für die Bundestagswahl 2021des rheingold Instituts in Köln basieren auf qualitativer Marktforschung. Mit tiefenpsychologischen Interviews blickt rheingold in die Seele der Gesellschaft.