Die Chemie zwischen Teufelswerk und Lösungsindustrie

Das Bild der Chemischen Industrie aus Sicht von Verbrauchern, Meinungsbildnern und Mitarbeitern hat das das rheingold Institut im Auftrag des VCI in einer tiefenpsychologischen Studie untersucht. Die Analyse der durchgeführten 140 zweistündigen psychologischen Tiefeninterviews und der 1500 Online-Befragungen zeigt, dass sich die Wahrnehmung der Chemischen Industrie (CI) in einem paradoxen Spannungsfeld bewegt, dass durch vier zentrale Bedeutungs-Aspekte bestimmt wird.

In einem ersten spontanen Verständnis erscheint den Menschen die CI als eine abstrakte und weitgehend unfassbare Größe. Bereits im Chemie-Unterricht fanden die meisten der Befragten keinen rechten Zugang zur formelhaften Welt der Chemie.

Diese Unfassbarkeit wird dann meist von einem zweiten Verständnis überlagert und zwar von einer eher destruktiven Vorstellung der CI als Teufelswerk: Rauchende Schlote, gigantische und unheimlich anmutende Industriekomplexe, Erinnerungen an Chemie-Unfälle oder Bilder von Smog und gelbem Schnee bestimmen die Wahrnehmung und machen die CI zu einer potenziell gefährlichen oder gar zerstörerischen Industrie.

Erst in einem dritten Wahrnehmungsaspekt wendet sich das Bild der CI. Die Menschen erkennen, dass die CI eine wichtige Lösungs-Industrie ist, die als Innovationsmotor Arbeitsplätze schafft und vor allem in der derzeitigen Corona-Krise als willkommener Retter in der Not erscheint: „Ohne CI würden wir noch im Mittelalter leben und hätten heute weder Desinfektionsmittel noch Impfstoffe.“

In einer vierten Sichtweise realisieren die Menschen, dass die CI gar nicht so abstrakt ist, sondern eine elementare Lebensnotwendigkeit, die den gesamten Lebensalltag prägt: „Ohne Chemie gäbe es keine Glühbirnen und Kühlschränke, keine Elektroautos und Windräder und schon gar keine Fernseher oder Smartphones.“

Paradoxerweise kommen die Menschen besser mit den negativen Bedeutungsaspekten der CI klar als mit ihren positiven. Denn gegenüber der innovativen und machtvollen Lösungsindustrie geraten die Menschen in eine tiefgreifende seelische Ambivalenz. Einerseits wünschen sie sich die lebenswichtigen Lösungen und Produkte der CI, andererseits führen sie ihnen vor Augen, dass sie auf den Support und Beistand dieser Schutzmächte angewiesen sind.

Je größer, bedeutungsvoller und vor allem unverzichtbarer die Lösungen einer Industrie für die eigene Existenz sind, desto kleiner und unmündiger fühlen sich die Menschen. ‚Schutzmacht‘-Industrien wie Versicherungen oder Energieversorger, aber auch die Chemische Industrie lösen fast unweigerlich bei den Menschen das kränkende Gefühl aus, nicht aus eigener Kraft Schutz zu finden und Gesundheit sichern zu können. Durch diese Kränkung entsteht Abwehr und Verdrängung. Die Chemische Industrie wird buchstäblich von den Menschen ausgeblendet und unsichtbar gemacht.

Die Bedeutung der Chemie als elementare Lebensnotwendigkeit verstärkt diese Kränkungsgefühle der Menschen. Sie spüren angesichts der Unverzichtbarkeit der Chemie in einem modernen und komfortablen Alltag ihre Abhängigkeit. Da die Menschen die Errungenschaften der Chemie weder missen wollen noch können, fühlen sie sich auch mit-schuldig an den negativen Folgen (Klimawandel, Umweltverschmutzung) der Chemischen Industrie. Mitunter realisieren sie ihre eigene Korrumpierbarkeit durch die ‚verführerischen Produkte und Leistungen‘ der CI.

Die Positionierung der CI muss daher ein Paradoxon auflösen: Je größer und wichtiger sich die CI als Problemlöser und Fortschrittsbringer macht, desto kleiner, unmündiger und abhängiger fühlen sich die Verbraucher. Die strategische Herausforderung für die CI besteht darin, ihre große Bedeutung, ihre Innovationskraft und ihre immer wichtigere Rolle als Problemlöser einzunehmen ohne dabei bei den Menschen Gefühle der Abhängigkeit, Kleinheit oder der Unmündigkeit auszulösen.

Dies gelingt, indem die CI nicht in erster Linie ihren Größen- und Machtanspruch proklamiert, sondern als innovativer Problemlöser ein gesellschaftliches Commitment vorantreibt. Eine produktive Komm-mit-Mentalität erzeugt die CI vor allem durch den Austausch und die Einbeziehung aller relevanten gesellschaftlichen Gruppierung von der IGBCE, über die Politik bis zu NGOs. Generell sollte die CI dabei nicht als dominante Schutzmacht auftreten, sondern als Wachstumsförderer, der sich in den Dienst der Gesellschaft und des Einzelnen stellt.

Die Kommunikations-Tonalität sollte daher von einer stolzen Selbstbescheidung und einer souveränen Selbstrelativierung geprägt sein. Augenhöhe und Berührbarkeit kann die CI durch Beziehungs-Angebote und eine neue Dialog-Kultur aufbauen. Vor allem kann sie Vertrauen schaffen durch nahbare Repräsentanten, die auf Augenhöhe ebenso selbstbewusst wie selbstkritisch die öffentliche Auseinandersetzung suchen. Das Commitment der CI im Hinblick auf gesellschaftlich relevante Themen sollte durch konkrete Taten und Projekte, etwas im Bereich der Ressourcen-Schonung, und der Klimaschutz-Plattform (Treibhausneutralität bis 2050) beglaubigt werden.

So wünschen sich die Verbraucher, dass die Umweltstandards in Ländern wie etwa Indien oder China erhöht werden und weniger ‚Gift‘ in Abgase und Abwässer geleitet wird. Ein konkreter Fahrplan für den Wechsel von Erdöl hin zu alternativen/erneuerbaren Rohstoffen wird angestrebt sowie eine Verbesserung von Recycling-Prozessen und –Quoten. Ersehnt wird schließlich eine Abschaffung oder Reduktion giftiger/schädlicher Stoffe wie z.B. Glyphosat, Pestizide, Düngemittel und eine möglichst weitgehende Umstellung auf ‚natürliche‘ Alternativen.

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Stephan Grünewald

Stephan Grünewald


Der Psychologe Stephan Grünewald aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald wurde u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie "Wie tickt Deutschland" (2019) Bestseller-Autor.

Tel.: +49 221-912 777-17
E-Mail: gruenewald@rheingold-online.de

Die Studie können Sie auf Deutsch oder Englisch hier downloaden.

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