Die Krisenlage bleibt. Gleichzeitig zeigen sich in unserer tiefenpsychologischen Forschung beim rheingold Institut erste Hinweise auf einen Stimmungsumschwung: Wir bewegen uns aus der „gefühlten Nachspielzeit“ (Rückzug, Abwarten, Konservieren) in Richtung „Zeit des Erwachens“. Gemeint ist kein naiver Optimismus, sondern ein Moduswechsel: von passiver Beobachtung zu mehr Selbstwirksamkeit, Pragmatismus und Verantwortungsbereitschaft.
Optimismus als Bewegung – nicht als Beschwichtigung
Warum gerade jetzt Bewegung entsteht? Drei Entwicklungen wirken aus unserer Sicht als Verstärker:
- Raus aus der Zuschauerrolle: Das Gefühl wächst, dass passives Zuschauen (Empörung, Kommentieren, Staunen) nicht mehr reicht – es entsteht ein Impuls zu aktiver Interessen- und Wertebehauptung.
- KI als „Mega-Bereitstellung“: Die bequeme Delegation an KI erhöht zwar Effizienz, kann aber Identitäts- und Kompetenzzweifel triggern („Was kann ich selbst?“). Daraus kann eine Gegenbewegung entstehen: produktive Selbstvergewisserung.
- Sinnbildliche Erschütterungen: Ereignisse, die Fragilität erlebbar machen, wirken wachmachend und begünstigen den Wunsch nach Absicherung, Orientierung und aktiver Gestaltung.
Fünf Signale für einen optimistischeren Blick auf 2026
Hier geht es zur Aufzeichnung unseres Webinars zum Thema mit Judith Barbolini und Stephan Grünewald
1) Neue Nüchternheit: Realität wird pragmatisch bearbeitet
Statt Jammern und Abwarten beobachten wir stärker Bestandsaufnahme und Realismus: Finanzen, Gesundheit, Alltagsorganisation werden in den Fokus genommen. Psychologisch ist das eine wichtige Voraussetzung für Handlung: Wer Realität anerkennt, kann sie strukturieren.
Implikationen für Unternehmen
- Unaufgeregte Kommunikation: weniger Pathos, mehr Klarheit.
- Alltagslösungen statt Heilsversprechen: konkrete Entlastung, nachvollziehbarer Nutzen.
- Grenzen transparent machen: „Was kann das Produkt leisten – und was nicht?“ steigert Glaubwürdigkeit.
Glaubwürdigkeit entsteht durch Begrenzung – nicht durch Überbietung.
2) Suche nach Richtung: Mutmachende Botschaften und Symbolik gewinnen an Bedeutung
Parallel zur Nüchternheit steigt die Empfänglichkeit für wegweisende Impulse. In Interviews und kulturellen Beobachtungen zeigt sich eine Sehnsucht nach Sinnbildern (z. B. „Himmel/Licht“-Motive, verdichtet in dem gemeinsamen Bestaunen der Polarlichter). Der Bedarf nach Orientierung kann in esoterische Angebote abwandern, entscheidend jedoch ist: Die Nachfrage nach Sinn und Richtung ist real.
Implikationen für Unternehmen
- Aufmerksamkeit von Krisen- zu Lebendigkeitsthemen verschieben, ohne Probleme zu negieren.
- Symbolische Verdichtung: Bilder/Metaphern tragen aktuell oft stärker als abstrakte Argumente.
- Sinn nicht „abgeben“: Orientierung kann auch seriös und alltagstauglich vermittelt werden.
In unsicheren Zeiten konkurrieren Fakten selten mit Fakten – sondern mit Bildern
3) Kleine Schritte statt große Ziele: Etappenlogik wird anschlussfähig
Viele Menschen meiden große Transformationsziele und bevorzugen machbare Mikroveränderungen. Psychologisch ist das plausibel. In Überforderungslagen steigt die Attraktivität von portionierbarer Selbstwirksamkeit.
Implikationen für Unternehmen
- Rahmen für Entwicklung in Etappen bieten (kleine Ziele, kurze Zyklen, sichtbarer Fortschritt).
- Verlässlichkeit als Kernleistung: Marken, die in kleinen Schritten begleiten, werden als stabilisierende Partner erlebt.
- Dosierte Versprechen: lieber kleine, sichere Zusagen als große Visionen.
Etappenziele sind die neue Form von Zukunftsfähigkeit
4) Offenheit für das Ungeplante: Humor und Leichtigkeit als „Daseinsabfederung“
Wenn Starre nachlässt, wächst Toleranz für Unplanbarkeit. Humor wirkt hier nicht als Verdrängung, sondern als psychische Entlastungsstrategie, die Handlungsfähigkeit erhält. Das passt zur Nüchternheit: „trockener Humor“ verbindet Realismus mit Beweglichkeit.
Implikationen für Unternehmen
- Flexibler reagieren (weniger Perfektionismus, mehr situative Anschlussfähigkeit).
- Leichtigkeit dosiert einsetzen: nicht Klamauk, sondern Stabilitätssignal („Wir halten das aus“).
- Intuition zulassen: schnelleres Lernen, weniger starre Planungslogik.
Leichtigkeit ist kein Gegensatz zur Nüchternheit – sie ist ihre psychologische Ergänzung
5) Verantwortungsübernahme: Aktivierung und Gemeinschaft gewinnen
Wir sehen Hinweise auf wachsende Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – zunächst stark im Privaten (Gesundheit, Finanzen, Vorsorge), aber auch mit Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist noch kein stabiler Mehrheitsmodus, eher eine anbahnende Entwicklungsrichtung.
Implikationen für Unternehmen
- Beteiligung ermöglichen: sinnvolle Mitwirkung statt reiner Konsumansprache.
- Selbstermächtigung fördern: Nutzer*innen in Kompetenz bringen (Tools, Orientierung, Lernpfade).
- Gemeinschaftliche Ausrichtung stärken: Communities als sozialer Rahmen für Zugehörigkeit und Wirksamkeit.
Verantwortung entsteht durch machbare Handlungsräume
Fazit: Was sich für Marken strategisch verschiebt
Der Kern der beobachteten Bewegung ist nicht „gute Laune“, sondern Rückkehr von Handlungsfähigkeit. Daraus ergeben sich drei strategische Leitlinien:
- Pragmatik vor Pathos (Real Talk, klare Nutzenlogik, begrenzte Versprechen)
- Bedeutung vor Behauptung (Symbolik, Orientierung, Sinn ohne Überhöhung)
- Etappen vor Totalentwürfen (portionierbare Angebote, verlässliche Begleitung, Beteiligung)
Wer Selbstwirksamkeit ermöglicht, gewinnt Vertrauen – wer nur Optimismus behauptet, verliert es.
Wie lassen sich diese Entwicklungen konkret für Marke, Kommunikation und Produktstrategie nutzen?
Das rheingold Institut unterstützt Unternehmen dabei, die beschriebenen kulturellen und psychologischen Trends auf die eigene Branche und Zielgruppe zu übertragen – fundiert auf Basis tiefenpsychologischer Forschung und aktueller Marktanalysen.
Ob Impulsvortrag, Trend-Workshop oder Marktforschung: Gemeinsam entwickeln wir Ansatzpunkte, wie sich neue Bedürfnisse nach Orientierung, Selbstwirksamkeit und pragmatischen Lösungen in wirksame Maßnahmen übersetzen lassen.





