„Das Virus eint alle, vor dem Virus sind alle gleich“ (Stephan Grünewald im Deutschlandfunk, 09.04.2020)


In der Coronakrise leisten alle den gleichen Verzicht, sagte Psychologe Stephan Grünewald im Dlf. Das führe einerseits zu großer Solidarität, andererseits zur Sehnsucht, aus diesem Gleichheitsprinzip wieder auszuscheren. Bei Maßnahmenlockerungen müsse man aufpassen, dass keine Rivalitäten erwachsen.

„Deutschland auf der Couch“ heißt das bekannteste Buch von Stephan Grünewald. Er ist Psychologe, Marktforscher und gehört dem Corona-Expertenrat des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet an. Den bisherigen Verlauf der Krise hat er kürzlich in einem Krisen-Newsletter analysiert. Er schreibt von einer Phase der Ohnmacht angesichts einer Bedrohung, dann folgte eine Phase der Aktivität, das heißt, es wurden Entscheidungen getroffen, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Und jetzt, ausgerechnet an Ostern, sieht er die Phase der Zweifler gekommen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird bald bröckeln, sagt er voraus.

Warum bröckelt der Zusammenhalt?

Wir sind ja gemeinsam jetzt lange Zeit durch die Krise gegangen, und die Menschen haben erlebt, dass angesichts dieser unsichtbaren Bedrohung es ganz, ganz wichtig ist, einen Schulterschluss zwischen Politik, Medien und Bürgern zu vollziehen. Alle waren bereit, Verzicht zu leisten, ihren Alltag runterzuschrauben, und alle haben gemerkt, dass die Politik in so eine Bremsspirale geraten ist. Es wurde Tag für Tag erlebt, wie neue Beschränkungen und Restriktionen ausgesprochen worden sind. Das haben die Menschen aber bereitwillig mitgetragen, weil das ein Weg aus dieser Ohnmacht war. Man hatte das Gefühl, man kann irgendwas machen, um dem Virus zu begegnen.

Diese Entwicklung ist aber vor knapp drei Wochen zum Erliegen gekommen sozusagen, neue Restriktionen waren nicht mehr notwendig und auch eigentlich nicht mehr sinnvoll und möglich. Dadurch waren die Menschen wieder mit dieser Ohnmacht konfrontiert. Es galt jetzt auszuhalten, diese soziale Fastenzeit zu durchleben. Dieser Zustand führt natürlich zu größeren Spannungen, das ist jetzt so der Zustand – die Zeit der Zweifler, die Zeit der Polarisierungen. Das heißt, viele Menschen erheben jetzt ihre Stimme und fragen sich, ist das überhaupt angemessen, was wir machen, die Gefahr wächst, dass alte Polarisierungen und neue Polarisierungen aufbrechen – Wirtschaft versus Gesundheit, Jung versus Alt, Krisengewinner gegen Krisenverlierer, Staatsgläubige gegen Freiheitsapostel

„… wieder ins Licht und farbige Leben einsteigen“

Sie sprechen von sozialer Fastenzeit. Die christliche Fastenzeit währt bekanntermaßen 40 Tage – von Aschermittwoch bis Ostern –, aber dieses Kontaktverbot, also das, was Sie als das Aushaltenmüssen beschrieben haben, das währt ja noch keine 40 Tage. Woher die Ungeduld?

Die Ungeduld ist jetzt noch gar nicht da, es sind jetzt erste Zweifel spürbar. Ich glaube, dass die Ungeduld nach diesen 40 Tagen wachsen wird. Das hängt natürlich auch mit der Ostersymbolik zusammen: Ostern ist das Fest der Wiederauferstehung, und viele Menschen haben die Hoffnung, dass sie danach auch sozusagen die Gruft verlassen können, dass sie wieder ins Licht und farbige Leben einsteigen müssen.

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Das Interview führte Christiane Florin.

Kontakt zum Autor

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald


Der Psychologe Stephan Grünewald aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald wurde u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie "Wie tickt Deutschland" (2019) Bestseller-Autor.

Tel.: +49 221-912 777-17
E-Mail: gruenewald@rheingold-online.de