Arbeitswelt als Insel der Stabilität – Studie zu Verantwortung in unsicheren Zeiten

Neue Zeiten für Verantwortung - Studie des rheingold Instituts

Verantwortung gilt als eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Funktionieren von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Gleichzeitig entsteht heute oft der Eindruck, dass insbesondere jüngere Menschen weniger bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Doch stimmt dieser Eindruck? Was bedeutet Verantwortung heute eigentlich noch? Und wie erleben Menschen Verantwortung in einer Zeit, die von Krisen, Unsicherheit und wachsendem Veränderungsdruck geprägt ist?

Um diese Fragen zu beantworten und die Bedeutung von Verantwortung für Führung, Arbeitswelt und gesellschaftlichen Zusammenhalt psychologisch besser zu verstehen, hat das ifp – Executive Search. Management Diagnostik. gemeinsam mit dem rheingold Institut eine qualitative Studie durchgeführt. Grundlage der Untersuchung waren 32 zweistündige tiefenpsychologische Einzelinterviews sowie zwei Gruppendiskussionen mit insgesamt 48 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter von 12 bis 60 Jahren.

Verantwortung wird neu verhandelt

Die Studie zeigt: Die Bereitschaft zur Verantwortung verschwindet nicht. Sie zieht sich jedoch zunehmend auf Bereiche zurück, in denen Menschen Wirkung, Sinn und Resonanz erleben: im Beruf, in der Familie, bei den eigenen Finanzen und im persönlichen Umfeld. Für das große gesellschaftliche Ganze fehlt dagegen oft das Vertrauen, dass der eigene Beitrag zählt. Außerdem gibt es zunehmend Ängste, dass Fehler öffentlich abgestraft werden.

Verantwortung wird daher neu verhandelt: weg vom abstrakten Pflichtgefühl, hin zu konkreter Wirksamkeit.

Die Arbeitswelt wird zum stabilen Verantwortungsraum

Die Arbeitswelt wird für viele Menschen zu einer der letzten Stabilitätsinseln in einer unsicher gewordenen Gesellschaft, obwohl sie selbst stark von Umbrüchen betroffen ist. Während gesellschaftliche Zusammenhänge häufig als unübersichtlich erlebt werden, bietet Arbeit für viele Menschen noch klare Rollen, Erwartungen und Zuständigkeiten.

Hier die Vorstellung der Studie als Video anschauen

„Die Arbeit ist in der Gegenwartskultur eine der letzten Zufluchtsstätten, in der Verantwortung gelingen kann“, sagt Studienleiterin Judith Barbolini. Viele Befragte beschreiben Arbeit als einen Raum, in dem sie Selbstwirksamkeit, Orientierung und Anerkennung erfahren. Damit übernehmen Unternehmen zunehmend stabilisierende Funktionen.

Führung wird damit mehr denn je zu einer Beziehungsaufgabe, in der sich das Verhältnis der Akteure jedoch gerade neu sortiert. „In Executive Search und Management Diagnostik beschäftigen wir uns täglich damit, Menschen in Verantwortung zu bringen oder einzuschätzen, ob jemand für eine verantwortungsvolle Rolle geeignet ist“, sagt Britta Wöhrmann, Gesellschafterin beim ifp im Bereich Executive Search. „Man könnte sagen, Verantwortung ist die Währung, mit der wir handeln. Es betrifft also den Kern unserer Arbeit, Verantwortung in die richtigen Hände zu geben.“

Neues Verständnis von Verantwortung – Jüngere wollen gemeinschaftlichen Prozess

Die Studie identifiziert einen grundlegenden kulturellen Wandel im Verständnis von Verantwortung. Ältere Generationen verbinden Verantwortung häufig mit Leistung, Kontrolle und persönlichem Einsatz. Verantwortung bedeutet für sie, das Steuer zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und auch unter schwierigen Bedingungen verlässlich zu bleiben.

Jüngere Generationen verstehen Verantwortung dagegen stärker als gemeinschaftlichen Prozess. Für sie stehen Sinn, Zugehörigkeit, Orientierung, Dialog und ein respektvoller Umgang miteinander stärker im Vordergrund. Verantwortung wird als Möglichkeit verstanden, gemeinsam etwas zu gestalten.

„Wir befinden uns in einer Übergangsphase zwischen zwei Verantwortungskulturen“, sagt Judith Barbolini. „Das alte Modell einer von Status, Macht und Konsequenz geprägten Verantwortung verliert an Bindungskraft. Das neue Modell, in dem es stärker um Sinn, Gemeinschaft und Resonanz geht, hat sich aber noch nicht vollständig etabliert.“

Hürden vor der Verantwortungsübernahme: Kritik aushalten und Scheitern riskieren

Dadurch entsteht oft ein Verantwortungs-Vakuum. Einerseits ist der Wunsch nach Selbstwirksamkeit groß. Andererseits fällt es vielen schwerer, die belastenden Seiten von Verantwortung zu tragen: unbequeme Entscheidungen zu treffen, Kritik auszuhalten oder Scheitern zu riskieren. Stephan Grünewald, Psychologe und Gründer des rheingold Instituts, sieht darin eine zentrale Spannung der Gegenwart: „Wir wollen die Vorteile der Verantwortung erleben, aber nicht mehr ihre Last und Bürde tragen. Wir suchen Gestaltungsspielräume, dürfen uns aber nicht angreifbar machen. Wir wollen Einfluss haben, ohne Schuld auf uns zu laden.“ Verstärkt werde dies durch eine gesellschaftliche Kultur, in der Fehler immer schneller moralisch bewertet und öffentlich sanktioniert werden.

KI verschärft dieses Spannungsfeld

Die technologische Transformation verschärft dieses Spannungsfeld zusätzlich. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und neue Berufsbilder eröffnen neue Möglichkeiten, stellen aber zugleich etablierte Zukunftserzählungen infrage. Welche Fähigkeiten werden gebraucht? Welche Entscheidungen sind langfristig tragfähig? Gerade jüngere Menschen erleben diesen Mangel an gemeinsamen Zukunfts-Narrativen als Verunsicherung, da immer weniger greifbar ist, warum sich Verantwortung lohnt.

„Wir arbeiten beim ifp quasi direkt am Herzen der Organisation: Denn es ist an den Führungskräften, genau diese Verantwortung, die jetzt auf die Unternehmen übertragen wurde, wahrzunehmen, umzusetzen und unmittelbar in die Unternehmenskultur zu übersetzen“, sagt apl. Prof. Dr. Philipp Schäpers, Geschäftsführer Management Diagnostik im ifp.

Veränderungsdruck erzeugt Verantwortungsdruck

Und das in Zeiten von großer Unsicherheit, die Kraft kostet. Die Interviews zeigen eine Gesellschaft im Daueranspannungsmodus. Politik, Institutionen und gesellschaftlichen Leitbildern wird immer weniger vertraut. Kriege, Klimakrise, politische Polarisierung, wirtschaftliche Unsicherheit und die rasanten Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz erzeugen das Gefühl permanenten Veränderungsdrucks. Viele Menschen berichten davon, sich dauerhaft in der Pflicht zu fühlen. Gleichzeitig wächst das Gefühl, mit den Aufgaben, Erwartungen und Belastungen zunehmend allein zu sein. „Aus solidarisch wird so solitär“, fasst Barbolini zusammen. „Menschen sorgen stärker individuell vor, weil sie nicht mehr darauf vertrauen, dass Gesellschaft oder Institutionen sie im Ernstfall auffangen.“

Gefahr der Erschöpfung

Ganz einfach ist dies nicht. Die Interviews zeigen Menschen, die bereits sehr viel Verantwortung tragen und zunehmend an ihre Belastungsgrenzen geraten. Besonders deutlich wird dies bei den 30- bis 45-Jährigen. Sie jonglieren Beruf, Familie, Selbstoptimierung, finanzielle Absicherung und Zukunftsplanung gleichzeitig. Viele befinden sich nach Einschätzung der Forschenden mitten in einem Verantwortungssturm.

Der Alltag dieser Generation ist häufig stark durchgetaktet. Berufliche Anforderungen, Kinderbetreuung, private Verpflichtungen, gesundheitliche Selbstoptimierung und der Wunsch nach persönlicher Entwicklung konkurrieren miteinander. Verantwortung wird dadurch nicht nur zur sinnstiftenden Aufgabe, sondern auch zur dauerhaften Belastung.

„Verantwortung wird häufig unter einem erdrückenden persönlichen Einsatz getragen“, sagt Barbolini. Viele Menschen hätten das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, ohne sicher zu sein, ob ihr Engagement überhaupt Wirkung entfalte.

Auch für Unternehmen entsteht daraus ein Risiko. Wird Verantwortung immer weiter verdichtet, ohne dass Menschen Anerkennung, Gestaltungsspielräume und Unterstützung erfahren, drohen Rückzug, Zynismus oder innere Kündigung. Verantwortung braucht daher auch Ressourcen: Zeit, Vertrauen, klare Strukturen, Fehlertoleranz und die Möglichkeit, Wirkung zu erleben.

Junge Generationen kalkulieren Verantwortung anders

Die Studie widerspricht dem Eindruck, junge Menschen seien grundsätzlich weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr zeigt sich: Jüngere Generationen kalkulieren Verantwortung anders.

Gen Alpha und Gen Z erleben eine Welt maximaler Möglichkeiten bei minimaler Gewissheit. Social Media, Künstliche Intelligenz und permanente technologische Veränderung erfordern Flexibilität und hohe Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig fehlen stabile Bilder davon, wie eine sichere und erstrebenswerte Zukunft aussehen kann.

Psychologisch handelt es sich um eine Reaktion auf den erlebten Bruch des Wohlstandsversprechens. Viele junge Menschen sind in einer Welt aufgewachsen, in der ihnen große Möglichkeiten vermittelt wurden. Wenn sie nun selbst Verantwortung übernehmen sollen, treffen sie auf Krisen, Unsicherheit, steigende Kosten, marode Systeme und diffuse Zukunftsaussichten.

Die klassische Logik „erst anstrengen, später lohnt es sich“ verliert dadurch an Glaubwürdigkeit. Langfristige Bildungs- und Karrierewege erscheinen vielen jungen Menschen riskant, unsicher oder zu spät wirksam. Verantwortung wird deshalb stärker auf unmittelbare Sicherheit, konkrete Sinnhaftigkeit und klare Rahmenbedingungen hin geprüft.

Attraktiv werden Berufe und Institutionen mit verlässlichen Strukturen, etwa der öffentliche Dienst, das Handwerk oder die Bundeswehr. Sie bieten Orientierung, feste Spielregeln und die Erfahrung, Teil eines größeren Ganzen zu sein.

Verantwortung braucht Resonanz – Erwartungen an Führungskräfte und Arbeitgeber

Eine extrem wichtige Erfahrung, denn Verantwortung braucht zwingend ein Gegenüber. „Menschen, Beziehung, Dialog: Verantwortung ist ein Resonanzraum, aus dem für das eigene Leben etwas zurückkommen muss,“ sagt Barbolini. Genau diese Resonanz werde jedoch im gesellschaftlichen Raum zunehmend schmerzlich vermisst. „Schon im Wort Verantwortung steckt die Antwort, also der Dialog“, sagt Judith Barbolini.  „Die Aufgabe von Führung besteht deshalb zunehmend darin, Resonanzräume zu schaffen, in denen Verantwortungsübernahme überhaupt möglich wird.“

Fehlertoleranz und ein verbindendes Zukunftsbild

Dazu braucht es Fehlertoleranz, klare Strukturen und ausreichende Ressourcen. Verantwortung entsteht nicht allein durch Appelle oder moralischen Druck. Sie braucht Räume, in denen Menschen sich ausprobieren können, in denen Fehler nicht sofort zu Schuld werden und in denen ein gemeinsames Zukunftsbild Orientierung bietet.

Von Arbeitgebern wird heute also deutlich mehr erwartet als Gehalt und Karriereperspektiven. Unternehmen stehen vor der Herausforderung unter schwierigen Bedingungen dennoch Menschen einen stabilen Rahmen zu bieten und gleichzeitig stärker als bisher an gemeinsamen Zukunftsbildern mitzuwirken. Für Unternehmen bedeutet das: Der Übergang zwischen unterschiedlichen Verantwortungskulturen muss aktiv moderiert werden. Führungskräfte müssen klare Strukturen geben, Dialog ermöglichen und Narrative vermitteln, für das sich Engagement lohnt.

Unternehmen als Orte der Orientierung

Je mehr gesellschaftliche Verantwortung aus dem großen Ganzen in überschaubare Lebenswelten wandert, desto wichtiger werden Unternehmen als Orte von Orientierung, Resonanz und Zukunftsgestaltung, so ein Fazit der Studie. Sie werden zu sozialen und psychologischen Stabilitätsinseln in einer zunehmend unsicheren Welt.

Stichprobe und Methode:

Die Studie wurde 2026 vom rheingold Institut im Auftrag von ifp – Executive Search. Management Diagnostik durchgeführt. Grundlage der Untersuchung waren 32 zweistündige tiefenpsychologische Einzelinterviews sowie Gruppendiskussionen mit insgesamt 48 Menschen im Alter von 12 bis 60 Jahren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Generationen, Lebenssituationen und beruflichen Hintergründen.

Ziel der Studie war es, Verantwortung als gesellschaftliches und arbeitsweltliches Schlüsselthema zu untersuchen: Wie definieren Menschen Verantwortung heute? Welche Voraussetzungen fördern Verantwortungsübernahme? Wie verändert sich das Verständnis von Verantwortung zwischen den Generationen? Und welche Folgen ergeben sich daraus für Führung, Unternehmenskultur und Arbeitswelt?