Psychologische Zeitenwende – Krieg brodelt im Hintergrund

Psychologische Zeitenwende

Tiefenpsychologische Untersuchung des rheingold Instituts findet massive Verdrängung und seelische Abwehrstrategien.

Die Deutschen versuchen den Krieg in der Ukraine weitgehend zu verdrängen. Nach einer kollektiven Schockstarre beim Kriegsbeginn Ende Februar wird zurzeit mit allen Kräften versucht, Normalität zu beschwören. Das gelingt jedoch nur partiell. Der Krieg bleibt als unheimlicher Ton stets im Hintergrund, verhält sich gar wie ein seelischer „Kriegs-Tinnitus“, so der Psychologe Stephan Grünewald, der mit seinem Kölner rheingold Institut aktuell in mehreren parallelen Studien die Befindlichkeit der Deutschen untersucht hat.

„Eine Schockstarre ist seelisch nicht auszuhalten“, so Grünewald. In den ersten Wochen habe man sich mit Hilfsbereitschaft und Solidarität aus der Ohnmacht bewegt. Nun werde versucht, die Kriegswirklichkeit aus dem eigenen Alltag zu filtern – viele Menschen haben die Eilmeldungen auf dem Handy deaktiviert, vermeiden die Konfrontation mit Kriegsbildern und sparen den Krieg als Gesprächsthema weiträumig aus. In tiefenpsychologischen Gruppendiskussionen und Interviews mussten die Proband*innen immer wieder zum Thema hingeführt werden. Ist die Konfrontation erst einmal unumgänglich, wird der Schrecken zunächst relativiert. Es gebe zahlreiche militärische Auseinandersetzungen weltweit, Kriege habe es immer schon gegeben – so oder so ähnlich ließen sich Ausweichbewegungen feststellen.
Durch den demonstrativ „normal“ gelebten Alltag und den Verweis, dass die Front ja tausende Kilometer von Deutschland entfernt ist, versuchen viele die Kriegsgefahr weg zu schieben.
Doch die Kriegsrealität mit ihrem „Tinnitus“ schwingt mal laut, mal leise immer mit, verfolgt die Menschen in ihren Träumen und findet Eingang in ihre Sprache. „In den vergangenen Jahren wurde von ‚Hamstern‘ gesprochen, jetzt heißt es in unseren Tiefeninterviews ‚Bunkern‘“, sagt Grünewald. Auch Ausdrücke wie „explodierende Gaspreise“ oder „katapultierte Nachrichten“ verrieten, wie sehr der Krieg die Menschen unbewusst beschäftige.

Gleich mehrere Strategien der Selbstbeschwichtigung und Alltags-Stabilisierung hat das rheingold Institut gefunden, mit denen sich die Menschen die Kriegsangst vom Leibe halten wollen. Dazu gehören die Selbstbestärkung durch Sport oder mentale Fitness, die Selbstberuhigung durch Experten, die das Geschehen in der Ukraine entdramatisieren, wie die Fähigkeit zur Selbstversorgung oder Verzicht, falls Infrastrukturen zusammenbrechen. So wappnen sich viele Menschen regelrecht für den Ernstfall, indem sie Lebensmittel horten, Fluchtwege checken oder sich ganz banal auf magere Zeiten einstellen („Bratfett statt Sonnenblumenöl“).

Zentral ist für viele der Zusammenhalt und das Beisammensein mit Familie und Freundeskreis sowie genussvolle Momente. Hier haben die Forscher und Forscherinnen auch hedonistische Ausprägungen im Stile der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gefunden, die Lust am Lebensgenuss und Party machen, als gäbe es kein Morgen.

„So eine dauerhafte Verdrängung ist seelisch zutiefst anstrengend“, sagt Grünewald. Natürlich könne man Ängste und Sorgen „wegfeiern“, aber die Unbeschwertheit fehle. „Wir beobachten in unseren Studien eine latente Gereiztheit und Aggressivität“, so der Psychologe. „Der ‚Kriegs-Tinnitus‘ sorgt für Spannungen, die sich nicht selten in Streit und unversöhnlichen Meinungsverschiedenheiten entladen.“

Paradoxerweise sei für die Menschen im Gegensatz zum Krieg sogar Corona eine Stabilisierung, ein vertrautes Terrain, auf dem sie sich sicher bewegten. „Corona ist fassbarer als der Krieg“, so eine Probandin, hier hat jeder seine feste Position und seine eingespielten Argumentationen. Im Rhythmus der Jahreszeiten und beim Studieren der täglichen Infektionszahlen habe man in der Pandemie gelernt, was auf einen zukomme und wie man sich gegebenenfalls schützen kann. Der Krieg hingegen folge einer unberechenbaren Eskalationslogik, die selbst den Klimawandel durch ihre Dramatik in den Schatten stelle.

In den privaten Gesprächen dominiert daher derzeit – anders als in den Medien – immer noch das Thema Corona. Die vertraute Bedrohung Corona hilft zudem den Menschen dabei, die Kriegsgefahr zu überdecken. Weiterhin glimmen bekannte Polarisierungen und Streitlinien wieder auf, die Deutschland in den letzten beiden Jahren in Atem gehalten hat.
Diese starke Polarisierung ist beim Thema Krieg in der Bevölkerung – auch durch die weitgehende Ausblendung der Kriegsbedrohung – derzeit nicht zu beobachten. Selbst bei medial ausgetragenen Streitthemen wie der Frage nach den Waffenlieferungen überwiegt bei den meisten Bürgern das Gefühl einer tiefen Ambivalenz. Die durch die Demoskopen festgestellt annähernd gleiche Verteilung bei den Befürwortern und bei den Skeptikern in dieser Frage, ist nicht Ausdruck einer Spaltung der Gesellschaft, sondern Symptom eines von vielen verspürten Dilemmas: Einerseits befürwortet man die Waffenlieferungen, weil man die Opfer des russischen Angriffskriegs unterstützen will, andererseits fürchtet man, dass diese Waffenlogik die Eskalationslogik des Krieges befeuern könnte.

Im Medienkonsum führe der Kriegs-Tinnitus und die schier unauflöslichen Ambivalenzen des Krieges daher zu einer Sehnsucht nach Heile-Welt-Inszenierungen, die jedoch weit genug weg vom eigenen Alltag sein müssen – transformierte Welten, in einer anderen Zeit oder Szenerie angesiedelt. Serien wie der Bergdoktor, die Netflix-Serie Bridgerton oder auch verschiedene Werbespots ermöglichen so temporäre Alltagsfluchten in der Krisenpermanenz.

Die Strategien im Umgang mit der Kriegsangst im Detail

1. Harmonisches Beisammensein

Geburtstage und Hochzeiten werden (nach-) gefeiert, es wird gechillt, gegrillt und getrunken. Der Freundeskreis wird nach und nach wieder erweitert. Im Beisammensein sind die Menschen deutlich bemüht, Stimmungskiller außen vor zu lassen.

„Ich lebe in einer privilegierten Bubble, fühle mich geborgen in meinem Freundeskreis. Hier werde ich gesehen und gehört.“

2. Tanz auf dem Vulkan

Diese Umgangsform ist von der unbewussten Angst getrieben, alles was Freude macht, könnte nicht mehr lange möglich sein. Ob die Gaskrise durch den Krieg, Reiseeinschränkungen durch neue Mutationen oder Flug- und Fleischverbote wegen des Klimawandels – all dies führt zu einem „Besser-jetzt-als-nie-mehr“ Verhalten.

„Ich handele jetzt sehr spontan. Wer weiß schon, was morgen ist. Wenn du irgendwas willst, mach es jetzt!“

3. Selbstbestärkung

Der Kriegs-Tinnitus führt zu einer Renaissance der Stärke – nicht nur das Stählen von Muskeln in Fitness-Studios oder Bootcamps und das Stärken von Abwehrkräften ist äußerst beliebt, auch der Fokus auf mentale Resilienz liegt im Trend. Unbewusst wollen sich die Menschen so für schlechte Zeiten rüsten.

„Ich habe Angst, dass das ganze System zusammenbricht, das macht mir großen Stress. Um den Stress abzubauen und mich zu stärken, mache ich jeden Tag Sport.“

4. Selbstversorgung/Autarkie

Was gestern noch als „Preppertum“ beschmunzelt wurde, ist mittlerweile in den Mainstream eingegangen. Lebensmittel „bunkern“, eine gepackte Reisetasche in Griffweite vorhalten, Gemüsebeete anlegen und Wasserspeicher füllen – mit diesen Maßnahmen wird dem unguten Gefühl begegnet, dass die Segnungen der modernen Welt nicht selbstverständlich sind und – wie in der Ukraine beobachtet – von einem Tag auf den anderen regelrecht zerbombt werden können.

„Meine Arbeitskollegen kaufen sich Jod, um für einen Atomschlag gerüstet zu sein. Das war noch vor kurzem von meiner Lebensrealität so weit weg…“

5. Autoritätsgläubigkeit und Querdenkertum

In einer zunehmend unsicheren und chaotisch scheinenden Welt suchen die Menschen nach Pfeilern, die Sicherheit und Orientierung versprechen. Zum einen sind das Führer und Führerinnen der westlichen Welt. Zum anderen aber auch „alternative“ Experten und Nachrichtenquellen, die unter Leugnung wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Fakten die Welt in eine neue „Ordnung“ bringen.

6. Verzichten und Umorganisieren

In wirtschaftlich oder politischen Zeiten werden die Menschen erfinderisch oder leidensfähig. Bereits die befürchteten Bedrohungen und Engpässe bringen viele Menschen dazu, prophylaktisch oder demonstrativ Verzicht zu üben (geplanter Einkaufen, Umstieg auf Handelsmarken, Second-Hand-Kleidung, …) oder ihre Flexibilität auf den Prüfstand zu stellen (mit dem Fahrrad zu Arbeit).

„Ich habe keine Angst vor der Bombe, aber vor dem Zusammenbruch der Lieferketten. Mein Sohn ist Diabetiker und braucht bestimmte Präparate. Ich versuche immer, einen Schritt voraus zu sein.“

Zur Methode

Das rheingold Institut hat in den vergangenen Wochen kontinuierlich die Befindlichkeit der Deutschen qualitativ untersucht. In den letzten Wochen wurden zum Thema Krise mehr als 130 Menschen in Gruppendiskussionen und Tiefeninterviews sinnbildlich je zwei Stunden auf die Couch gelegt. In der vergangenen Woche wurden ganz aktuell zusätzlich 12 Menschen qualitativ-tiefenpsychologisch befragt.

rheingold führt pro Jahr ca. 5.000 zweistündige Explorationen zu allen Bereichen des Alltagslebens durch. Wir, rund 45 feste und 55 freie Mitarbeiter, erforschen Märkte, Medien und Kultur. Daraus ist ein einzigartiger Erfahrungsschatz zu den unterschiedlichsten Themen geworden. Von ganz intimen menschlichen Phänomenen bis hin zur Politik und Alltagskultur. rheingold verfügt damit über das umfassendste, stets aktuelle, qualitative Wissen über Verbraucher weltweit.

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